Einmal hin, alles drin: So funktionieren Rewes Abholstationen für Online-Einkäufe

Einmal hin, alles drin: So funktionieren Rewes Abholstationen für Online-Einkäufe

Foto: Supermarktblog
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Mit hochwertig aussehenden Abholstationen will Rewe Kund:innen gewinnen, die auf dem Nachhauseweg zügig ihren Online-Einkauf einsammeln. Das Projekt kommt spät – macht aber einen durchdachten Eindruck.

Partner und Sponsoren:

Nehmen wir mal an: Sie sind Frank-Walter Steinmeier. Ständig muss eine Festaktrede einstudiert, ein mahnender Appell für den gesellschaftlichen Zusammenhalt formuliert oder ein Museum eröffnet werden; da ist es natürlich maximal unpraktisch, wenn man – wieder daheim in der Dienstvilla angekommen – in der näheren Umgebung quasi keine Einkaufsmöglichkeit hat, um zwischendurch mal selbst ein paar Spaghetti mit Thunfisch oder Muscheln durch die Pfanne zu ziehen.

Ursula von der Leyen hatte es nach Antritt ihres neuen Jobs als Präsidentin der Europäischen Kommission in Brüssel da – wie an dieser Stelle dokumentiert – deutlich leichter.

Erst jetzt, vier Jahre nach Steinmeiers Amtsantritt, erbarmt sich die erste deutsche Handelskette: Gerade mal vierhundert Meter vom Amtssitz des Bundespräsidenten entfernt hat Rewe kürzlich eine neue Filiale eröffnet, in der tausende unterschiedliche Artikel eingekauft werden können – und die trotzdem nur ein paar Quadratmeter groß ist.


In einem Durchgang der so genannten „Bundesschlange“ am Moabiter Werder, einem Neubauwohngebiet für nach Berlin pendelnde Bundestagbedienstete, steht die „Rewe Abholstation Spreebellevue“ – eine von derzeit bundesweit fünf Anlaufstellen für Supermarktkund:innen, die zum Einkaufen weder in den Laden gehen, noch zuhause auf den Lieferservice warten wollen.

„Abholstation Spreebellevue“ in Berlin-Moabit; Foto: Supermarktblog

Acht Stationen bis Jahresende

Das Prinzip ist (mindestens Leser:innen dieses Blogs) bekannt und selbst in Deutschland bereits kurzzeitig erprobt worden: 2017 hatte Wettbewerber Kaufland eine Abholbox in der Hauptstadt aufgestellt (siehe Supermarktblog) – und mit dem Überraschungs-Aus für den eigenen Lieferdienst später wieder abgebaut. Anschließend versprach die Deutsche Bahn vollmundig den Aufbau eines Netzes an Abholstationen für Lebensmittel in Kooperation mit Edeka (siehe Supermarktblog), was anschließend ohne weitere Erwähnung im Nichts versandete.

Jetzt könnte Rewe dafür sorgen, dass es doch noch was wird mit dem marktunabhängigen Abholen vorher bestellter Online-Einkäufe.

Nach einem Prototypen in Fürstenfeldbruck, 2017 in Kooperation mit einem selbstständigen Rewe-Kaufmann realisiert, hat die Handelskette im vergangenen Jahr in Köln-Mülheim ein neues „Pilotprojekt“ gestartet und die dortige Station seitdem stetig weiterentwickelt. Inzwischen gibt es eine zweite in Köln-Porz / Gremberghoven, zwei in Berlin (Moabit und Tempelhof) sowie eine in Oranienburg bei Berlin. Drei weitere sollen bis Jahresende folgen.

„Die Stationen sind nicht als Ersatz für bestehende Abholservices im Markt gedacht, sondern als zusätzlicher Dienst für unsere Kund:innen“,

erklärt Tobias Wilms, Projektleiter Abholstation bei Rewe im Supermarktblog-Gespräch.

Kooperation mit Vonovia

Außerdem hofft die Handelskette, mit den Stationen Kundschaft anzusprechen, die für andere Situationen einkauft. Wilms:

„Währender der klassische Abholservice im Markt vorrangig von Kund:innen genutzt wird, die mit ihrem Pkw vorfahren, ist unsere Kalkulation, dass die Abholstationen sehr viel öfter zu Fuß oder mit dem Fahrrad frequentiert werden. Bisher hat sich das bestätigt – auch wenn es durchaus Kund:innen gibt, die über die Station ihren kompletten Wocheneinkauf abwickeln.“

In Berlin-Moabit kooperiert Rewe mit dem Immobilienunternehmen Vonovia, auf dessen Gelände die Station aufgestellt wurde (dort aber frei zugänglich auch für Nicht-Vonovia-Mieter:innen ist). Einen klassischen Supermarkt mit Vollsortiment gibt es in der näheren Umgebung nicht, lediglich Penny und Aldi Nord in Laufweite (zehn bis zwölf Minuten)

In Berlin-Tempelhof steht die Abholstation hingegen an einer vielfrequentierten Ausfallstraße und dürfte auch für Feierabend-Heimfahrer:innen interessant sein, die keine Lust mehr auf Schlangestehen im Laden haben.

Fächer öffnen sich per PIN

Die Handhabung für Kund:innen ist Fall denkbar einfach: Im Rewe-Onlineshop bzw. in der Rewe App lässt sich die gewünschte Station (sofern verfügbar) nach Eingabe der Postleitzahl auswählen; anschließend wird genau so eingekauft wie beim regulären Abholservice im Markt. Einziger Unterschied: Es gibt einen Mindestbestellwert von 20 Euro (im Gegensatz zu 50 Euro beim Lieferservice), dazu wird die übliche Service-Gebühr von 2 Euro fällig.

Der Einkauf kann nachher im selbst ausgewählten Drei-Stunden-Zeitfenster abgeholt werden, indem man am Touchscreen des Geräts die zuvor per SMS und E-Mail zugestellte PIN eingibt, woraufhin sich die Fächer mit den abtransportierest gepackten Produkten öffnen.

Wer bis 14 Uhr online bestellt, wird abends ab 20 Uhr am ausgewählten Ort versorgt. Projektleiter Wilms sagt:

„Alle Abholstationen sind in die Tourenplanung des Rewe Lieferservices integriert. Fahrer:innen werden zwischen regulären Zustellungen automatisch an die Stationen navigiert und müssen dort auch nicht überlegen, welche Fächer sie für den Einkauf benötigen. Die Öffnung erfolgt über unser Backend mittels separater App automatisch. Das ist sehr effizient und funktioniert in der Regel sogar schneller als zum Beispiel eine Zustellung zu regulären Kund:innen.“

Platz für Kühlware und große Artikel

Einschränkungen gebe es derzeit so gut wie keine:

„Alle im Rewe-Online-Shop verfügbaren Artikel lassen sich in haushaltsüblichen Mengen einlegen. Und wenn doch einmal etwas nicht passt, kann unser:e Fahrer:in problemlos ein weiteres Fach dazu buchen, weil jede Station über einen gewissen Puffer an freien Plätzen verfügt.“

Nicht gewünschte Ersatzartikel dürfen einfach im Fach liegen bleiben und werden wieder mitgenommen.

Theoretisch passen auch Getränkekisten in den Draußensupermarkt. Allerdings muss man sie als Kund:in dann halt auch selbst in die Wohnung schleppen. Und falls der Platz doch mal knapp würde, kann es vorkommen, dass die Fahrerin bzw. der Fahrer anruft und der Kundschaft erklärt, was er wieder mitnehmen muss.

Und Käse, Wurst, Tiefkühlpizza? Auch die werden ohne Unterbrechung der Kühlkette bis zur Abholung gelagert. Dafür verfügt die Station über unterschiedliche Module mit separater Temperaturführung: eines für reguläre Ware, eins für Kühl- und ein drittes für Tiefkühlware. Je nach Platz und Bedarf können die Module beim Stationsaufbau individuell miteinander kombiniert werden.

Altersverifikation per Ausweis-Scan

Bei seiner Initiative kooperiert Rewe mit dem Partner Locktec, der sonst vor allem Schließfachanlagen herstellt, im Ausland für seine selbst entwickelten „Cool Lockers“ aber auch schon mit Unternehmen aus dem Lebensmitteleinzelhandel zusammenarbeitet; die Software für die Rewe-Variante wurde gemeinsam entwickelt.

Auch an Details ist gedacht worden:

  • Um Wein und Bier zu entnehmen, müssen Kund:innen nach der PIN-Eingabe ihren Personalausweis an der Station scannen und so ihr Alter verifizieren. (Eine Einschränkung gibt es doch: Spirituosen und Tabak können derzeit nicht bestellt werden, um Missbrauch vorzubeugen.)
  • Wer vor der Station steht und seine PIN vergessen hat, kann bei der Hotline anrufen und sie sich neu aufs Handy schicken lassen.
  • Klemmt ein Fach? Die Service-Mitarbeiter:innen können die Station aus der Zentrale fernsteuern bzw. neu starten.
  • Und niemand braucht ins Schwitzen zu geraten, wenn sich ein Fach aus Versehen vor der Entnahme der getätigten Porree-Bestellung wieder geschlossen hat oder die Tüte rausgenommen, aber der Haustürschlüssel drinnen geblieben ist – die PIN öffnet die reservierten Fächer notfalls auch ein zweites Mal.

Ob die Abholzeiten künftig eingegrenzt werden, damit Bestellungen nicht über längere Zeit liegen gelassen werden, steht laut Tobias Wilms noch nicht fest:

„Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind die Kund:innen sehr zuverlässig im Abholen ihrer Einkäufe.“

Komplettes Lieferservice-Sortiment auswählbar

Außerdem hat die Lebensmittelabholung auf dem Heimweg den Vorteil, dass dabei – anders als bei den derzeit die Städte erobernden Schnelllieferdienste – aus dem vollen Sortiment des Rewe-Lieferdiensts inklusive Eigenmarken ausgewählt werden kann.

Für seine Abholstationen arbeitet Rewe u.a. mit Immobilienunternehmen wie Vonovia zusammen, die ihren Mieter:innen einen zusätzlichen Service bieten wollen; Foto: Smb

Wie hoch der Durchschnitts-Bon der Stationseinkäufe konkret liegt, verrät man derzeit nicht – niedriger als beim regulären Abholservice ist sie aber (wie prognostiziert).

Die Rewe-Initiative mag verhältnismäßig spät kommen in einem Markt, der womöglich schon deutlich früher reif für unkompliziertes Lebensmittelabholen gewesen wäre; dafür wirkt der Ansatz sehr durchdacht und so, als bestünde eine echte Chance, dass die Stationen nicht – wie bei den Konkurrenten – nach kurzer Zeit schon wieder eingemottet werden. Auch wenn die Zahl der Standorte in nächster Zeit vermutlich überschaubar bleiben dürfte.

Rewe-Projektleiter Wilms versichert dennoch:

„Die technische Entwicklung ist soweit fortgeschritten, und die Stationen sind so tief in unser System integriert, dass aus technologischer Sicht ein schneller Roll-out jederzeit möglich ist. Hinsichtlich des weiteren Roll-outs spielen natürlich auch weitere Aspekte und wirtschaftliche Kennziffern wie Kundenakzeptanz, Umsatz usw. eine Rolle.“

Büro-Standorte und Bahnhöfe im Blick

Am Standort in Moabit könnten außer den Anwohner:innen aber zum Beispiel auch die Eltern der im Hof dahinter gelegenen Kita daran Gefallen finden, außer ihren Kindern auch gleich noch einen Minieinkauf für zuhause abzuholen, ohne dafür einen Umweg machen zu müssen.

Abgesehen von Wohngebieten stehen für Rewe Standorte im Umfeld von Büros und Verkehrsknotenpunkte wie Bahnhöfe ganz oben auf der Prioritätenliste. An letzteren ist die Konkurrenz freilich schon groß, weil dort auch DHL und Amazon mit ihren Paketstationen hindrängen.

Interessant dürfte im Falle einer breiteren Markteinführung zudem sein, inwiefern Rewe seine Abholstationen an Orten platzieren kann, in deren Nähe Konkurrenten einen regulären Markt betreiben. Die Positionierung auf Parkplätzen der Tochter Penny – so wie in Berlin-Tempelhof – dürfte ebenfalls reizvoll sein, um auszuprobieren, ob die Discount-Kundschaft Interesse daran hat, ihren stationären Einkauf mit zusätzlichen Marken bzw. Rewe-Eigenmarken per Abholstation zu ergänzen.

Ob es entsprechende Pläne gibt, mag man in Köln derzeit aber nicht kommentieren.

An die Nachbarschaft angepasst

In jedem Fall sollen sich die Stationen, die regelmäßig von Fachpersonal gereinigt werden, durch ihrer Farbgebung der jeweiligen Nachbarschaft anpassen: Die Handelskette hat der (eigentlich naheliegenden) Versuchung widerstanden, die Ersatzsupermärkte ganz in knalliges Rewe-Rot zu tunken. Stattdessen lassen sie sich in mehreren unterschiedlichen Farben designen – und sehen deutlich hochwertiger aus als die Paketstationen, die immer zahlreicher in deutschen Städten aufploppen.

Und soviel Service muss sein: An nicht gegen Regen geschützen Standorten gibt’s auch ein Dach. Damit im mit schnellen Schritten nahenden Herbst niemand nass werden muss, wenn er seine Zutaten für Pasta mit Thunfisch entnimmt.

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5 Kommentare
  • Spannend wird es, wenn Scholz Bundeskanzler wird und den Mindestlohn auf 12 Euro erhöht
    Dann wird es wohl für viele Lieferungen nach Hause teurer und die Abholstationen sind preislich attraktiver

    • Die Logik funktioniert aber nur zum Teil. Denn aus Sicht von Rewe ist die Abholstation erstmal auch nur ein zusätzlicher Haushalt, der von denselben Lieferwägen beliefert wird. Und die Einkäufe sind dort laut Artikel zumindest aktuell sogar noch umsatzschwächer. Erst wenn man mit einer Lieferung einen signifikanten Anteil der Abholstation „vollpackt“ fängt es an, sich ggü. der klassischen Lieferung an die Haustür zu lohnen. Auch weil die Stationen immer im Erdgeschoss sind. Man muss hier mit Kosten bzw. Umsatz „pro Adresse“ kalkulieren.

  • Lustig wird es, wenn in kalten Wintertagen Wasser und wasserhaltige Getränke in den Fächern zuerst gefrieren, dabei ihre Verpackung, z.B. Glasflasche, zerstören und danach das ganze Fach fluten werden.

    • Einen solch intelligenten Kommentar habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Wenn der Hersteller der Automaten in der Lage ist sogar Tiefkühlfächer bei jeder Außentemperatur auf der benötigten Temperatur zu halten, dürfte es für ihn kein Problem sein die Temperatur normaler Fächer der Außentemperatur angepasst zu regulieren.

    • Die Getränkehersteller dürften die minimale/maximale Transporttemperatur (Stichwort Bier aus Hamburg nach Köln/FFM/Stuttgart) kennen. Und hinsichtlich Temperaturen sind Wetterprognosen ausreichend gut, v.a. da es dabei nicht auf Zehntelgrad ankommt.

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