Wolt + Flink = Doordash? Wie sich der US-Lieferriese ein Deutschland-Geschäft zusammenpuzzelt

Wolt + Flink = Doordash? Wie sich der US-Lieferriese ein Deutschland-Geschäft zusammenpuzzelt

Foto [M]: Supermarktblog
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Nach der Übernahme von Wolt und der Beteiligung an Flink will sich Doordash auch in Deutschland als Alleslieferant etablieren. Eine Bündelung der Stärken beider Marken läge dafür nahe. Offiziell will man sich bei den Unternehmen dazu aber noch nicht äußern.

Partner und Sponsoren:

Das Interesse am westlichen Fünftel der eurasischen Landmasse kam spät, aber umso gewaltiger: Seit ein paar Monaten ist bekannt, dass der US-Lieferdienst Doordash auf die Weltkarte geschaut und dort nicht nur überraschend Europa entdeckt hat. Sondern auch die eigene Ambition, die Sofortlieferung von Restaurantessen und Waren des täglichen Bedarfs nicht mehr alleine der spanisch-niederländisch-britischen Delivery-Konkurrenz zu überlassen. (Und Uber.)

Im Herbst hat man bekannt gegeben, den in Finnland gegründeten Lieferdienst Wolt zu übernehmen; inzwischen ist auch die Beteiligung am deutschen Quick-Commerce-Anbieter Flink kein Geheimnis mehr (siehe dazu Exciting Commerce). Und die Frage ist: Wie passt das künftig alles zusammen?

Na ja: Ganz gut, eigentlich.


Noch ist die Übernahme von Wolt von den Behörden nicht genehmigt; spätestens gegen Ende der ersten Jahreshälfte dürfte aber wahrscheinlich Klarheit herrschen. Schon jetzt ist aus dem Umfeld der Unternehmen zu hören, dass es Pläne gibt, in einem ersten Schritt zunächst die Kooperation zwischen den Doordash-Beteiligungen zu stärken.

Alles aus einer App heraus

An allererster Stelle stünde dabei wohl eine Integration des Angebots von Flink in die Wolt-App, sodass Wolt-Nutzer:innen sich Kund:innen frische Lebensmittel und Getränke innerhalb weniger Minuten nachhause liefern lassen könnten (ohne dafür noch eine weitere App zu benötigen). Das „Manager Magazin“ hatte am Mittwoch zuerst über ein solches Vorhaben berichtet.

Wolt soll im Laufe des Jahres von Doordash übernommen werden; die Genehmigungen stehen noch aus; Foto: Smb

Der Schritt liegt zumindest nahe, wird derzeit aber von den Unternehmen nicht kommentiert bzw. nicht bestätigt. Bei Flink heißt es auf Supermarktblog-Anfrage:

„Wir können die Gerüchte nicht bestätigen und kommentieren generell keine Spekulationen.“

Ein Wolt-Sprecher erklärt:

„Die letzten Monate unterstreichen sehr klar die Strategie von Wolt auf dem Weg zum Alleslieferer. Ich bitte jedoch um Verständnis, dass wir uns grundsätzlich nicht zu möglichen zukünftigen Partnerschaften äußern.“

Für Wolt wäre eine Kooperation mit Flink in der Tat interessant, weil man damit dem erklärten Anspruch, seinen Nutzer:innen möglichst viele Produkte ihrer Wahl nachhause zu bringen, einen großen Schritt näher käme. Derzeit gibt es bei Wolt bereits Kooperationen mit Blumenhändlern, Spätis, Wein- und Feinkostanbietern sowie den Kosmetikketten Lush und L’Occitane en Provence (die zusammen mit lokalen Anbietern gerade in der „Beauty Week“ promotet werden).

Die Kurierfahrer:innen fehlen

Sollte es tatsächlich zu einer Wolt-Integration kommen, dürfte Flink innerhalb des Angebots einen Sonderstatus haben, weil man als (wahrscheinlich) einziger Anbieter auf der Plattform weiter die eigene Lieferlogistik nutzen würde, um die Einkäufe zuzustellen – und nicht die dezentral durch die Stadt radelnden Wolt-Kurierfahrer:innen (die ohnehin an der Auslastgrenze arbeiten).

Flink verfügt über eine eigene Lieferlogistik mit Fahrer:innen, die – anders als bei Wolt – bislang weitgehend standortgebunden eingesetzt werden; Foto: Supermarktblog

In einem zweiten Schritt wäre es interessant, die beiden Flotten miteinander zu kombinieren; denn damit ließe sich eine gewisse Entspannung im Markt erzielen, in dem die Anbieter schon jetzt händeringend versuchen, sich gegenseitig die Fahrer:innen abzuwerben, um die Nachfrage der Kund:innen zu bedienen.

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Wolt war das u.a. in Berlin zuletzt nicht immer gelungen: Regelmäßig muss der Lieferradius, in dem Nutzer:innen bestellen können, auf die Hälfte eingeschränkt werden, weil nicht ausreichend viele Fahrer:innen zur Verfügung stehen. Indem Lieferdistanzen gering gehalten werden, versucht Wolt zu vermeiden, dass Fahrer:innen zu lange an Auslieferungen mit höherer Distanz gebunden sind – und dann nicht für weitere Bestellungen zur Verfügung stehen.

Wolt sucht händeringend nach Kurierfahrer:innen und verspricht Boni; Foto: Smb

Für ein engeres Aneinanderrücken von Wolt und Flink müssten zuvor freilich mehrere Voraussetzungen erfüllt sein: Die erste ist die bereits erwähnte Genehmigung der Wolt-Übernahme durch Doordash; und die zweite, dass es Doordash gelingt, seine Anteile bei Flink zu erhöhen bzw. eine Komplettübernahme zu erzielen.

Dass das innerhalb der Branche schon wie ein ausgemachter Deal aussehen könnte, dürfte den Flink-Gründern Oliver Merkel, Julian Dames und Christoph Cordes derweil nicht so recht sein – denn dann ließe sich wohl nur noch schwer über den Preis verhandeln, mit dem man sich einen möglichen Exit vergolden lassen könnte.

Wird Wolt Doordashs Europa-Marke?

Um in Deutschland eine ernst zu nehmende Größe zu erreichen, wäre eine Verknüpfung der Marken mit ihren unterschiedlichen Stärken für Doordash jedenfalls nicht nur sinnvoll, sondern vermutlich notwendig – erst recht, nachdem Gorillas gerade die Kurierlogistik-Dienste von Foodpanda Deutschland erst ausgeliehen bekommen und dann ganz übernommen hat.

In einem zweiten Schritt stünde wohl zur Debatte, unter welchem Namen Doordash in Deutschland (und Europa) langfristig auftreten will.

Ende des vergangenen Jahres waren die Amerikaner überraschend noch mit der eigenen (hierzulande bislang weitgehend unbekannten) Marke und kurz nach Bekanntwerden des Wolt-Deals in Stuttgart als einziger deutscher Stadt gestartet; die ließe sich zu einem späteren Zeitpunkt durchaus in das Angebot von Wolt integrieren. (Falls sich das – hügelige – Geschäft dort als halbwegs profitabel erwiese.) Ein Deutschland- und Europa-weites Re-Branding von Wolt zu Gunsten von Doordash wäre zwar möglich, würde aber enorme Ressourcen binden und vom geplanten Wachstum ablenken. Plausibler wäre, dass Doordash in Europa künftig schlicht unter dem Namen Wolt aktiv ist und bleibt – und dafür im Zweifel auch Flink als Marke hinten anstellt.

Dafür spricht, dass Wolt-Gründer Miki Kuusi bereits als zukünftiger Chef des Doordash-Auslandsgeschäfts benannt worden ist. Außerdem hat Doordash gerade Oksana Lukyanenko vom Wettbewerber Delivery Hero abgeworben, um sie (laut ihrem LinkedIn-Profil) als General Manager Germany zu beschäftigen – was sie künftig prima bei Wolt in Berlin tun könnte, das gerade in einen größeren Bürokomplex im Berliner Stadtteil Friedrichshain gezogen ist, wo alle Teams zusammengezogen werden sollen.

Eröffnung der ersten Wolt Markets in Berlin

Nach Supermarktblog-Informationen plant Wolt trotz einer möglichen Flink-Kooperation, zunächst an der Eröffnung eigener „Wolt Markets“ in Deutschland festzuhalten. Dabei handelt es sich um bereits in Helsinki und Athen erprobte und von Wolt selbst betriebene Stadtlager, aus denen Produkte des täglichen Bedarfs zugestellt werden. (Klassischer Quick Commerce also.)

Wolt könnte seine ersten selbst betriebenen Markets in Berlin zeitnah eröffnen; Foto: Smb

Zunächst scheint man das Konzept aber lediglich an zwei Standorten testen zu wollen, um Erfahrungen zu sammeln, beide in Berlin (einmal zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg, einmal zwischen Mitte und Kreuzberg). Noch haben die Umbauten in den Läden nicht begonnen, von außen ist kein Branding erkennbar (siehe Foto); internen Plänen zufolge ist aber wohl eine zeitnahe Eröffnung geplant, möglicherweise schon im Februar.

Dass Wolt für seine eigenen Markets aller Voraussicht nach keine separate Flotte abstellen wird, sondern mit Kurierfahrer:innen arbeiten, die ohnehin in der Nähe unterwegs sind und sonst Restaurantbestellungen ausliefern, dürfte als sicher gelten.

Dadurch wird die Zustellung nicht ganz so schnell erfolgen können wie bei Gorillas und Flink; schon aus Gründen der Einfachheit läge es nahe, dass Wolt auch für Market-Einkäufe an seinem regulären 35-Minuten-Versprechen festhält.

Lieferkooperation mit Münchner Apotheke

Das wäre wiederum interessant für eine mögliche Flotten-Zusammenführung mit Flink, wo Fahrer:innen ja weitgehend standortgebunden eingesetzt werden; unterm Wolt-Markendach könnte man davon abrücken (zumal das 10-Minuten-Lieferversprechen ohnehin zunehmend unrealistischer wird) – und trotzdem weiter zeitnaher als viele andere Anbieter zustellen.

Sollte Wolt die Flink-Fahrer:innen in die eigene Logistik integrieren können, würde das für die Finnen auf jeden Fall zahlreiche Probleme der Vergangenheit lösen.

In München liefert Wolt über den Partner Apocity auch (rezeptfreie) Apotheken-Artikel; Screenshot: wolt.com

Unabhängig davon arbeitet Wolt weiter daran, das Versprechen umzusetzen, mit dem zuletzt Foodpanda lautstark in den deutschen Markt hinein- und wieder herausgestolpert war: „einfach alles“ zu liefern. In München lassen sich seit kurzem auch rezeptfreie Arzneimittel und andere Apotheken-relevante Sortimente sowie Corona-Tests und Schutzmasken bestellen. Dafür arbeitet Wolt mit der Bienen-Apotheke Laimer Platz zusammen, die unter dem Namen „Apocity“ eigene Darkstores in der Stadt betreibt. Bislang sind in der App vier Standorte aufgeführt (Giesing, Haidhausen, Neuhausen, Sendling). Der Mindestbestellwert beträgt 10 Euro.

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