Obacht, Obst und Gemüse! Supermärkte entdecken die SB-Kühlung neu für sich

Obacht, Obst und Gemüse! Supermärkte entdecken die SB-Kühlung neu für sich

Foto: Penny / Robert Harson
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Europaweit wollen sich Handelsketten nicht mehr nur mit besonderen Obst- und Gemüse-Abteilungen in Szene setzen. Spar lockt am Markteingang zum Frischekühlzug, Albert Heijn und Tesco liefern Inspiration für die nächste Mahlzeit und Penny lädt in Österreich zum Metzgerplausch.

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Das kann schon furchtbar nerven, wenn Supermärkte immerzu ihr Lieblingssortiment hätscheln, ihm die schönste Abteilung an den Markteingang bauen, und dann mit dieser ungerechten Bevorzugung auch noch die Discounter anstecken. Man muss sich ja bloß mal für einen Moment in die übrigen Sortimente hineinversetzen, um nachzuvollziehen, wie herabwürdigend das für Süßwaren, Konserven und Getränke sein kann!

Hilft aber nichts: Im Lebensmitteleinzelhandel, nicht nur im deutschen, ist die Obst- und Gemüse-Abteilung immer noch der unangefochtene Star! Weil die Läden ihre Kundschaft damit augenblicklich frischeverzaubern wollen, sobald sie im Laden angekommen ist. Diese Rechnung geht in den allermeisten Fällen auch auf – und zwar so sehr, dass inzwischen selbst die letzte Bastion der Frische-ans-Ladenende-Schieber eingeknickt ist: Aldi Nord hat kürzlich endgültig bestätigt, Bananen, Paprika und Salat fortan ebenfalls an den Eingang zu sortieren (siehe Supermarktblog).

Im europäischen Ausland regt sich jetzt aber Widerstand. Auf üppige Obst-und Gemüse-Präsentation wollen die meisten Läden dort zwar auch nicht verzichten.

Einige Handelsketten trauen sich jedoch bislang Unvorstellbares – und räumen dafür nicht mehr automatisch die vorderste Ladenfläche frei. Was im Lebensmitteleinzelhandel einer mittleren Revolution gleichkommt. (Wenn man diesen Irrweg mal außen vorlässt.)

Gemüse-Bowl aus dem Frischekühlzug

Der Grund dafür ist die Neu- bzw. Wiederentdeckung der SB-Kühlung, die ja – wenn gewünscht – ebenfalls für Frische bzw. frische Zubereitung stehen kann. Auch am Eingang.

Kund:innen, die den von Grund auf renovierten Spart Gourmet am Wiener Fleischmarkt betreten, werden z.B. nicht zuerst mit aufwändig gestapelten Südfrüchten und regionalen Ernten bezirzt – sondern von einem Frischekühlzug mit zu- und vorbereiteten Artikeln für den Bald- oder Sofortverzehr: Salatschalen, Gemüse-Bowls, geschnittenes Obst, Sandwiches und Smoothies u.a. der Spar-Convenience-Eigenmarke Spar enjoy zielen auf Kundschaft, die nicht zuallererst zum Einkaufen kommt, um den heimischen Kühlschrank aufzufüllen. Sondern eine geeignete Mahlzeit für die Mittagspause oder das schnelle Abendessen für unterwegs finden will – bevor sie an die daneben gelegene Bedien- und Zubereitungsthekenlandschaft weitergeleitet wird, wo Mitarbeiter:innen Focaccia nach Wahl frisch belegen und zum Mitnehmen einpacken.

Obst und Gemüse folgen erst dahinter, letzteres dafür präsentiert, wie es sonst eher in amerikanischen Supermarktketten Gewohnheit ist: nämlich vertikal in große Kühlwände hineingeschichtet. Was sehr, sehr schick aussieht – aber fürs Personal auch eine Menge Einräumarbeit seine dürfte.

Spar positioniert den Markt als „Hotspot für Feinschmecker:innen“ (ausführlicher Bericht bei cash.at, mit Anmeldung); zum neuen Marktstandard dürfte die ungewöhnliche Aufteilung deshalb also eher nicht werden.

Inspiration für die nächste Mahlzeit

Gegenteiliges kündigt Albert Heijn in den Niederlanden für seine Convenience-Insel an, die die Handelskette erstmals in ihren neu eröffneten Markt in Pijnacker gebaut hat, um der Kundschaft dort noch vor der Obst- und Gemüseabteilung Inspirationen für die Mahlzeitenzubereitung zu liefern:

„Die Frage ‚Was essen wir heute?‘ wird so zügig beantwortet.“

Albert Heijn will Kund:innen helfen, sich zu entscheiden, was als nächstes gekocht wird; Foto: Albert Heijn

Und zwar vorrangig mit geschnittenem Gemüse, Kochboxen inklusive Zutaten und Rezept für zwei Personen, Kräutern, frischer Pasta.

Es sei das erste Mal, dass man gleich am Ladeneingang eine solche Inspiration fürs Abendessen der Kund:innen liefere, heißt es aus der Zentrale in Zandaam. Nach und nach sollte der (leicht improvisiert wirkende) Konzeptbaustein auch in anderen Filialen von Albert Heijn in den Niederlanden umgesetzt werden.

Tesco entdeckt die SB-Kühlung ebenfalls ein Stück weit neu: In modernen Express-Stores wie am Holland Drive im Westen Londons kriegen die ohnehin schon sehr Convenience-Meal-affinen Brit:innen Ideen fürs Dinner in separaten Kühl-Gondelköpfen (also: Regalenden) präsentiert, von denen Handelsexperte Bryan Roberts bei seinem Besuch beobachtet hat, dass sie je nach Tageszeit mit passenden Produkten befüllt werden.

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Über die schick gestalteten Digitalanzeigen an der Oberseite lassen sich wechselnde Sortimentsbezeichnungen wie die „Dinner Favourites“ einblenden. Über den SB-Kassen betont Tesco nochmal, wofür der Markt den Kund:innen die Auswahl leichter machen will: „Breakfast. Lunch. Dinner.“

Kleiner Schubs Richtung Abendessen

Und es sieht ganz so aus, als würden viele Supermarktketten die Sortimentsaufteilung vor allem in stadtnah gelegenen Märkten überdenken, um sie stärker auf die Bedürfnisse eines großen Teils der Kundschaft auszurichten – die offensichtlich nicht in erster Linie vor eine unendliche Auswahl an Artikeln gestellt werden möchte. Sondern einen kleinen Schubs in Richtung Abendessen benötigt.

Das ist konsequent – und ein bisschen überfällig. Zumal es nicht mehr überall reicht, einen Haufen Fertig-Sandwiches und ein paar Standardsalate in die Auslage zu kippen, um den Ansprüchen zu genügen.

In einer belgischen Filiale testete ausgerechnet Lidl vor zwei Jahren schon mal ein ähnliches Konzept und fasste Obst, Gemüse, Fleisch und Veggie-Artikel nicht nur in einer „Dining World“ am Markteingang zusammen, sondern positionierte dort in einem separaten Aufsteller auch „De Keuken van Lidl“: Kochinspiration inklusive Rezepten. Auf breiter Basis scheint sich das aber nicht durchgesetzt zu haben, und neuere Bilder des Markts auf Google legen nahe, dass die Rezeptstation inzwischen wieder verschwunden ist.

Dabei stünde es auch den Discountern gut zu Regal, ihren Kund:innen nicht immer nur eine üppigere Produktauswahl vor den Einkaufswagen zu knallen, sondern auch Orientierung mitzuliefern.

Einladung zum Metzgerplausch

Im Nachbarland Österreich versucht die Rewe-Tochter Penny gerade genau das: Zwischen Salzburg und Wien discountert Penny bislang ja noch mit dem alten Logo herum, das im Heimatmarkt schon vor Jahren ersetzt worden ist. Mit dem neuen „PenniVersum“ scheint sich das nun zu ändern. Ein neu eröffneter Markt in Fürstenfeld bei Graz hat nicht nur den modernisierten Penny-Schriftzug auf dem Dach sitzen und bedient sich einzelner Elemente, die in deutschen Filialen ähnlich umgesetzt sind (z.B. der Obst- und Gemüse-Marktplatz), sondern setzt auch eigene Akzente.

Etwa in der für Penny-Verhältnisse recht aufwändig gestalteten und sehr umfangreichen SB-Kühlung für Fleisch. Statt in einfache Kühlregale sind die Produkte in schräge Kühlklippen einsortiert (Titelfoto), deren schulterhohe Türen sich seitlich aufschieben lassen. Über die Einfassung im Holzambiente lässt sich streiten, besonders sieht das aber allemal aus.

Riesige SB-Fleisch-Auswahl: „Vom Profi in der Filiale zubereitet“; Foto: Penny / Robert Harson

Die Inszenierung ist auch deshalb so aufwändig geraten, weil Penny verspricht, an Ort und Stelle „einen persönlichen Service von ausgebildeten Fleischhauer:innen“ anzubieten.

Die sorgen einerseits für die Verarbeitung der angebotenen Fleischwaren direkt im Markt (wobei „alle Fleischstücke“ genutzt würden, um „der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzuwirken“, heißt es bei Penny). Und lassen sich andererseits auf Wunsch auch herbeiklingeln, um bei einem kleinen Metzgerplausch Fragen zu beantworten, Zubereitungstipps zu geben oder „individuelle Fleischwünsche“ zu erfüllen: z.B. „spezielle Würzungen oder Zuschnitte aus frischem Schweine- oder Rindfleisch, das zu 100 % aus Österreich stammt“.

Vorbestell-Service im Netz

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich sein Fleisch auch per Vorbestellservice abholfertig in einer Filiale zusammenstellen lassen: Auf vorbestellservice.penny.at werden Rindergulasch, geschnittenen Speck, ungarische Gans oder die Fondue- und Raclette-Variation in gewünschter Menge in den virtuellen Warenkorb geklickt. Bezahlt wird beim Meat & Collect direkt im Laden.

Quasi Meat & Collect: Vorbestellservice im Netz bei Penny Österreich; Screenshot: penny.at

Diese moderne Form der Ersatzmetzgerei dürfte im europäischen Discount derzeit ein interessantes Alleinstellungsmerkmal sein – wobei das auch im deutschen Markt ein interessantes Element wäre, um sich vom Wettbewerb abzuheben (siehe Supermarktblog). Obwohl der Service sich vermutlich hart an der Grenze dessen bewegt, was vom Discount erwartet und umgesetzt werden kann.

Eins steht auf jeden Fall fest: Der Lebensmittelhandel hat erkannt, sich nicht mehr ausschließlich über eine besondere Obst- und Gemüseabteilung bei Kund:innen ins rechte Licht rücken zu können, und probiert zunehmend interessante Alternativen aus.

Vielleicht mag jemand den Handelsketten noch Bescheid sagen, dass das auch in deutschen Läden eine Bereicherung sein könnte?

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8 Kommentare
  • Na ja, auch in deutschen Supermärkten ist es inzwischen üblich, das To-Go-Sortiment mit Salaten, Sandwiches, Smoothies & Co. am Eingang zu platzieren. Die extra Kühlregale in Eingangsnähe kenne ich von Kaufland, Edeka, Rewe, Netto (ohne Hund) und sogar Norma.

    • Beim ehemaligen modernsten „Vorzeige Rewe“ im Weitlingkiez ist seit dem Totalumbau vor ca. 5,5 Jahren nach Kernsanierung der alten Kaufhalle vorne rechts die SB Salattheke und links das „Deli“ statt dem früher alteingesessenen Vorkassebäcker aus dem Kiez der schon zu extra Zeiten dort war.
      Dann kommen rechts die offenen Kühlinseln mit Convience Obst, Salaten, Bowls, Sushi, etc. zum möglichen Sofortverzehr und Kühlschranke mit Beutelsalaten. Dahinter die „Eat Happy“ Sushi & Co. Insel und links der Brötchenknast.
      Erst dahinter fangen Obst und Gemüse als möchtegern Marktplatz an und rechts geht es kurz danach mit den üblichen Convience Produkten in Kühlschränken weiter.

  • Oh ja, das kann ich mir direkt bildlich vorstellen, wie ich in einem deutschen Großstadt penny jemanden rausklingel und dann irgendwann eine genervte 5 Euro Kraft rangeschlendert kommt und mich unwirsch fragt was ich denn wolle.

    • Ja… in nem Penny hierzulande undenkbar, ein solcher Service.
      Neulich, ebenfalls in einem deutschen Großstadt-Penny, wagte ich es, eine Mitarbeiterin wegen des vollen Pfandautomaten anzusprechen und wurde erst einmal angepampt, wieso ich so spät (15 min vor Ladenschluss) noch Pfand abgeben möchte

    • Ich glaube, die Situation ist wegen der hohen Krankenstände gerade sehr angespannt. Erst recht im Discount, der ohnehin mit geringem Personal plant.

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