Kein App-Zwang mehr: Aldi Nord versucht seinen Kassenlos-Markt mit Bezahlstation zu retten

Kein App-Zwang mehr: Aldi Nord versucht seinen Kassenlos-Markt mit Bezahlstation zu retten

Inhalt:

Aldi will den Kund:innen seines Shop-&-Go-Testmarkts in Utrecht entgegenkommen, indem Einkäufe neuerdings an einer Bargeldlos-Bezahlstation beglichen werden können. Das macht den Laden zugänglicher. Im Zweifel muss man dafür aber doch wieder Schlange stehen.

Partner:

Knapp ein Jahr nach dem Start hat Aldi Nord eingesehen, dass sein kassenloser Testmarkt im niederländischen Utrecht von den Kund:innen nicht so angenommen wird, wie erhofft. Aus diesem Grund hat der Discounter vor kurzem die Funktionsweise des Ladens verändert: Kund:innen müssen sich nun nicht mehr vorher per App registrieren, bevor sie in den Laden gelassen werden. Stattdessen steht der Markt nun allen offen und jeder kann dort wie gewohnt einkaufen. Die Schranke am Eingang ist dauerhaft geöffnet; ein Mitarbeiter weist Kund:innen auf die Veränderung hin.

Die Technologie, die im Hintergrund per Computer Vision ermittelt, welche Artikel Kund:innen aus den Regalen nehmen, ist weiterhin aktiv.

Bezahlt wird nun aber am Ende des Markts, der nicht mehr komplett kassenlos ist: Anders als Amazon (siehe Supermarktblog) hat sich Aldi aber nicht für den Einbau einer regulären Kasse entscheiden.

Stattdessen können Shop-&-Go-Nutzer:innen sich am Ausgang entscheiden, ob sie (wie bisher) per App zahlen wollen, oder an eine neue Bezahlstation gehen, wo ihnen der getätigte Einkauf aufgelistet wird, um ihn anschließend an einem klassischen Kartenterminal zu bezahlen: per Kreditkarte (Visa, Mastercard, American Express), per Smartphone (Apple Pay, Google Pay) oder mittels „Pinnen“, der in den Niederlanden am weitesten verbreiteten Bankkartenzahlung. (Auf dem Hinweisschild vor dem Laden sind dämlicherweise noch nicht alle neuen Bezahlmöglichkeiten aufgeführt.)

Zugeklebter Einlass-Scanner

Die Hinweise auf die neue Funktionsweise des Ladens sind eher dezent und von draußen eher schlecht einsehbar: Im Schaufenster klebt eine veränderte Bedienungsanleitung, die auf die Bezahlstation verweist; für einen „extraschnellen Check-out“ soll weiter die App genutzt werden.

Damit reagieren Aldi Nord und der israelische Technologiepartner auf das verheerende Kund:innen-Feedback, nach dem schnell klar war, dass die allermeisten potenziellen Kund:innen keine Lust hatten, sich für ihren Kurzeinkauf in der Urrechter Innenstadt vorher extra online anmelden zu müssen (siehe Supermarktblog). Projektleiter Omar Sadaty lässt sich bei „Retail Detail“ mit den Worten zitieren, man habe „bemerkt, dass einige Kunden zögerlich waren, die App herunterzuladen“. (Das dürfte eine starke Unterreibung sein.)

Die jetzigen Veränderungen sind durchaus schlau, weil sie den Laden tatsächlich sehr viel zugänglicher machen. Sie sind aber auch erstaunlich schluderig umgesetzt.

Der Scanner am Eingang, der bislang die Einlassschranke öffnete, ist einfach mit Klebeband zugeklebt; und um am Ausgang per App bezahlen zu können und aus dem Laden gelassen zu werden, muss man in selbiger wie bisher irritierenderweise „Start Shopping“ anklicken (zumindest in der Android-Version, die seit März nicht mehr aktualisiert wurde).

Außerdem druckt – ja: druckt – die Bezahlstation einen QR-Code aus, den man noch, wie es sich gerade bei regulären SB-Kassen durchsetzt, am Auslass scannen muss.

Doch wieder Schlange stehen

Zugleich scheint das Bezahlen am Terminal noch nicht so ausgereift zu sein, wie man das sich wünschen würde: Wenn mehrere Kund:innen zusammen einkaufen und ihre Ware über dieselbe Rechnung bezahlen wollen, müssen sie sich vor dem Terminal innerhalb einer Bodenmarkierung positionieren, offensichtlich damit das System die entnommenen Produkte zuordnen kann. Bei einem Test in dieser Woche gelang das aber schon zu zweit nicht, ein Mitarbeiter musste eingreifen (und erklärte auf Nachfrage, dass es öfter Probleme gibt).

Wer über die Bezahlstation Auslass erhält, sollte vorher auch genau überprüfen, welche Produkte das System dem Einkauf zurechnet. App-Zahler:innen erhalten ihren Bon weiterhin elektronisch nach dem Verlassen des Ladens (in dieser Woche funktionierte die App aber teilweise nicht oder nur eingeschränkt).

Besonders absurd ist, dass es, sollten im Laden nun tatsächlich mehr Kund:innen einkaufen, künftig doch wieder zu Schlangen kommen dürfte: Ist die Bezahlstation gerade besetzt, müssen sich die nächsten Kartenzahl-Nutzer:innen doch wieder hinten anstellen – also genau das, was die komplizierte und teure Technologie eigentlich abschaffen wollte.

Richtig durchdacht umgesetzt wirkt das alles noch nicht, eher wie die schnell notwendig gewordene Reaktion auf ein Problem, das sich ein Stück weit hätte vorhersehen lassen. Wie lange die neuen Bezahloptionen getestet werden sollen, hat Aldi Nord bislang nicht verraten.

Recherche: Marcel Pohlig

Mehr zum Thema:

Kommentieren

Datenschutzhinweis: Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Eine Freischaltung erfolgt nur unter Angabe einer validen E-Mail-Adresse (die nicht veröffentlicht wird). Mehr Informationen.

3 Kommentare
  • Frage an diejenigen, die so ein Vollautomatik-Station schon genutzt haben: Mehrere Bons für einen Einkauf?
    Ich bin nicht allein damit, bei einem Diskonter-Besuch mehrere Bons zu brauchen, z.B. weil Kaffee für die Büro-Teeküche das braucht.
    Gerade beim Convenience-Einkauf in der Mittagspause ist das eher die Regel als die Ausnahme. An der SB-Kasse ist die Trennung in 2 Einkäufe ebenfalls kein Problem.
    Kann ich beim Checkout in solchen Filialen den Warenkorb vom Ziehen der Bons noch trennen?

  • Zwar etwas OT, hat trotzdem mit Checkout und ALDI (zwar Süd) zu tun. In den jüngst modernisierten Filialen werden neue Kassentische mit modernster Technik eingebaut. Am Ende eines Einkaufes erfolgt ähnlich wie bei dm, eine Trennung vom Einkauf des bereits nächsten Kunden. Clou an der Sache ist, dass es jetzt zwei Kartenlesegeräte pro Kasse gibt. D.h. während der eine Kunde noch mit Karte zahlt und noch nichts wirklich verstaut hat, wird wie am Fließband bereits der nächste Kunde abkassiert. Momentan ist das Chaos noch vorprogrammiert, weil das auch nach mehreren Wochen, kaum ein Kunde versteht, dass er bereits „dran ist“. Auch scheint es, dass dieser neue Kassiervorgang eine unglaubliche (Mehr)belastung für das ohnehin schon im discounttypisch chronisch gestresste Personal darstellt. Die Kassentische sind mit Minikameras ausgestattet, um den obligatorischen Blick in die Einkaufswagenuterfläche zu erleichtern. Zudem ist die Decke mit besonders auffällig großen Spiegeln ausgestattet.
    Tatsächlich finde ich diese Art der „Abfertigung“ nicht mehr nachvollziehbar oder angenehm.
    siehe auch: https://www.merkur.de/verbraucher/aldi-sued-neues-konzept-kasse-gleich-zwei-aenderungen-erste-filialen-angepasst-92023463.html

  • Ich hatte vor ein paar Wochen versucht im kassenlosen Aldi in London einzukaufen, nachdem die app mehrfach meine Kreditkarte nicht hinterlegt hat, habe ich den Versuch abgebrochen.

    Interessant ist, dass auch Tesco Express in London (Holborn, gegenüber Amazon Fresh) den Laden von kassenlos auf hybrid umgestellt hat. Allerdings hat man sich hier für die Variante eines „traditionellen self check-outs“ entschieden.
    Hierdurch ist meiner Ansicht nach die volle Flexibilität gegeben, wobei die Warenkörbe bei Tesco Express deutlich kleiner sein dürften als bei Aldi.

Blog-Unterstützer:innen können sich über Steady einloggen, um Support-Hinweise und Werbung im Text auszublenden:

Archiv