Flink als „Rewe express“, „Brot Manufaktur“ und „Kiosk“: Virtuelle Marken erobern den Liefermarkt

Flink als „Rewe express“, „Brot Manufaktur“ und „Kiosk“: Virtuelle Marken erobern den Liefermarkt

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Was in der Gastronomie längst Standard ist, gibt’s zunehmend auch für Lebensmittel: Virtuelle Marken sollen auf den großen Lieferplattformen verschiedene Zielgruppen ansprechen. Via Lieferando testet Flink mehrere Shop-Identitäten und nutzt dafür seine Kooperationen mit Rewe und regionalen Bäckereien. Wolt testet mit Alnatura.

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Bei der Ergründung der menschlichen Identität sind Philosoph:innen sich weitgehend einig: Unser „Ich“ besteht aus vielen verschiedenen Zuständen und Rollen, nicht nur einem oder einer. Die populärwissenschaftliche Zusammenfassung davon ist im Buchladen unter dem Titel „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ zu erwerben.

Sie können sich die Precht’schen Lehrstücke aber auch sparen – und einfach stattdessen bei Flink bestellen.

Denn bei der Suche nach seiner eigenen Identität als im Markt erfolgreicher Lebensmittel-Lieferservice macht das in Berlin ansässige Start-up derzeit vor, wie viele „Ichs“ von Nutzen sind, um die eigenen Kapazitäten bestmöglich auszulasten und nebenbei neue Kund:innen hinzu zu gewinnen.

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Wer bestellt am liebsten bei wem?

Bereits seit vorigem Jahr kooperiert Flink eng mit dem Plattformanbieter Lieferando (siehe Supermarktblog) und liefert Lebensmittel dort nicht mehr nur unter dem eigenen Markennamen aus, sondern auch als bekannter Supermarktanbieter – verkleidet unter „Rewe express“ (siehe Supermarktblog). Wie in der vergangenen Woche bereits berichtet, ist inzwischen noch eine weitere Submarke hinzugekommen: „Rewe express just fresh“ mit klarem Fokus auf frische Artikel und schnelle Mahlzeiten.

Alle Shops – Flink, Rewe express, Rewe express just fresh – sind über die Lebensmittel-Kategorie auf Lieferando abrufbar. Und sie sind dort längst nicht mehr allein.

In zahlreichen Städten hat Flink nämlich weitere Submarken aufgeschaltet, teilweise mit hoch spezialisiertem Angebot. Dafür werden städteübergreifend dieselben Marken verwendet, die aber alle eines gemeinsam haben: Wer darüber Lebensmittel oder andere Güter des täglichen Bedarfs ordert, der bekommt seinen Einkauf aus dem nächstgelegenen Lager von Flink nachhause gebracht.

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Wodka & Gin, Brot & Salami

Unter dem simplen Namen „Kiosk“ zum Beispiel fokussiert sich Flink auf Genussmittel: In der Sortimentsübersicht stehen dort nicht Obst und Gemüse ganz vorn, sondern Zigaretten und Alkoholika, u.a. „Alkoholische Mixgetränke“, „Rum & Whisky“, „Wodka & Gin“ usw. Weiter unten folgen Fruchtgummi, Chips & Nüsse, Schokolade & Kekse sowie Eiscreme & Eiswürfel sowie „Partyzubehör“.

Unter der ebenfalls zum Partner Rewe gehörenden Marke „Weinfreunde“, die als weiterer Anbieter auftritt, gibt es derweil „Prickelndes“, Rotwein, Weißwein, Rosé und dazu Käse und Snacks („Deine Lieblingsweine – geliefert in Minuten“).

Wer Heißhunger auf Eis entwickelt, stößt bei Lieferando je nach Wohnort auf einen Store von Ben & Jerry’s, der die Heimlieferung von Eisbechern und Stieleis bietet. (Der Absender, natürlich: Flink.)

Die „Brot Manufaktur“ hingegen richtet sich tendenziell an Frühstücker:innen und Abendessen-Schnellentschiedene und liefert frische Backwaren. Diese Submarke ist besonders interessant, weil sie auf der Kooperation von Flink mit verschiedenen regionalen Bäckereien fußt, die über den Lieferdienst Teile ihres Sortiments verkaufen.

Sieben Marken – eine Logistik: Flink-Submarken-Shops bei Lieferando; Screenshot: Lieferando/Smb

Für Zielgruppen mit Brotbedarf

In Frankfurt am Main und Offenbach kommen Brot und Brötchen aus der „Brot Manufaktur“ von Bio Kaiser, in Regensburg von Schaffer’s, in Nürnberg von Der Beck, in Lübeck von der Bäckerei Junge und in Berlin, Hamburg und Wiesbaden von Zeit für Brot – dessen Logo (einfache weiße Schrift auf schwarzem Untergrund) Flink für seine „Brot Manufaktur“ ziemlich offensichtlich kopiert, Pardon: geborgt hat.

Dazu kann praktischerweise alles bestellt werden, was man für eine anständige Brotzeit noch braucht: Käse, Wurst und Aufstriche, frische Säfte und Smoothies, Avocado, Cherrytomaten, Gurken, Karotten, Gartenkresse – so schnell gründet sich heute eine deutschlandweite Bäckereikette mit Zusatznutzen!

Mit der „Brot Manufaktur“ spielt Flink seine Kompetenz als Lebensmittel-Lieferservice aus, nur eben mit stark verschobenem Sortimentsschwerpunkt. Sämtliche Artikel sind auch über die Hauptmarke(n) zu haben – aber die Submarke spricht eine Zielgruppe an, die sich im Zweifel auf Lieferando bewegt, um einen klaren Bedarf zu decken. (In diesem Fall eben nicht: einkaufen, sondern: Artikel bestellen, die ich jetzt für eine Brotzeit benötige.)

In der Gastro schon erprobt

In der Gastronomie sind virtuelle Restaurant-Marken schon seit längerer Zeit auf dem Vormarsch, auch auf deutschen Lieferplattformen: Ein Döner-Laden macht auch Pizza und bewirbt die über eine virtuelle Marke in den Apps, um dort die Aufmerksamkeit von Kund:innen auf sich zu ziehen, die explizit die Voreinstellung „Pizza“ bei ihrer Suche getroffen haben; oder ein Burger-Laden bietet über einen eigenen Shop auch Salat-Bowls an, weil die Zutaten ohnehin verfügbar sind.

In den USA haben Anbieter wie Doordash schon vor mehreren Jahren entsprechende Versuche im Lebensmittel-Bereich gestartet. Dieser Trend scheint nun endgültig in Deutschland angekommen zu sein.

Die Kooperation von Flink mit Lieferando bietet dafür die idealen Voraussetzungen: Durch das große Netz an Flink-Lagerstandorten (zuletzt war von rund 100 „Hubs“ bundesweit die Rede) können virtuelle Marken-Shops via Lieferando in zahlreichen Städten aufgesetzt und getestet werden.

Virtueller Alnatura-Liefershop bei Wolt

Flink ist mit der Initiative aber nicht allein: Auch Wettbewerber Wolt testet virtuelle Shop-Marken, wenn auch bislang eher zaghaft. Seit dem vergangenen Jahr kooperiert Wolt mit Alnatura und verkauft die Bio-Lebensmittel des Partners auch über die eigenen Wolt Markets (siehe Supermarktblog), die es inzwischen in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln gibt. In der Hauptstadt taucht seit einiger Zeit zusätzlich ein „Alnatura Markenshop“ in der App auf. In diesem sind ausschließlich Bio-Artikel von Alnatura eingestellt: u.a. Geflügelsalami, Kichererbsen, Alpenmilch, frischer Pizzateig (kein Obst & Gemüse).

Screenshot: Wolt/Smb

Diese „Große Auswahl an Alnatura-Produkten“ wird direkt aus dem Wolt Market am Checkpoint Charlie in Mitte geliefert – zwischen 6.30 und 23.30 Uhr, zu denselben Konditionen wie bei Wolt Market.

Auch die Flink-Submarken setzen weitgehend auf dieselben Rahmenbedingungen wie die Hauptmarke: Ab 10 Euro (Mindestbestellwert) kostet die Lieferung 2,49 Euro, bei Warenkörben über 59 Euro ist sie kostenfrei. (Nur bei „Weinfreunde“ liegt der MBW bei 20 Euro.)

Wer traut sich als erstes Drogerie?

Die Vorteile der virtuellen Geschäfte liegen auf der Hand: Sie benötigen keine Riesensortimente – ein überschaubares Produktangebot ist im Zweifel sogar eher von Vorteil, um Bestellungen von Nutzer:innen zu fördern, die sich nicht lange durch Produktlisten scrollen wollen.

Die Marken lassen sich mit minimalem Kostenaufwand auf- bzw. umsetzen; bestehende Lagerstandorte werden besser ausgelastet, sofern die Submarken neue bzw. andere Kundschaft ansprechen. Dazu lernen die Anbieter kontinuierlich mehr über das Bestellverhalten der Plattform-Nutzer:innen.

Die nächsten Schritte aus Sicht der Anbieter sind auch klar: Mehr Segmentierung, vielleicht sogar saisonale Pop-ups („Rewe express X-mas“ für Weihnachtsartikel?), eine noch präzisere Zielgruppenansprache. Außerdem ließen sich mittelfristig auch Kategorien abbilden, die bislang aus Sofortliefersicht noch unterversorgt sind. Wenn dm und Rossmann sich weiter dagegen sträuben, ihre Sortimente über Drittanbieter zugänglich zu machen, könnten z.B. eigene Drogeriemarkt-Labels entstehen – mit Produkten, die existierende Partner wie Rewe zur Verfügung stellen, inklusive Eigenmarken wie „Today“.

Wolt kooperiert bereits mit Budni, bislang aber nur für die Direktlieferung aus Läden – dabei wären virtuelle Budni-Liefershops an anderen Wolt-Market-Standorten doch hochinteressant.

Vorzugsbehandlung inklusive?

Voraussetzung dafür sind bestehende Lagerstrukturen, wie sie Flink und Wolt bereits aufbauen bzw. aufgebaut haben. (Lieferando hingegen scheint seine eigene Submarke „Lieferando express“ mit den beiden Berliner Teststandorten wieder eingestellt zu haben – zumindest tauchen sie in der App aktuell nicht mehr auf – was ebenfalls als Zeichen interpretierbar ist, dass man mittelfristig enger mit Flink zusammengehen möchte.)

Je mehr Platz diese Lagerstandorte bieten, desto leichter könnten die Anbieter auch in Segmente vorstoßen, die nicht unmittelbar an Lebensmitteln hängen: Lieferando express hat’s mit einer Lego-Dependance für Spielwaren in der Vergangenheit bereits vorgemacht; Wolt Market probiert gerade exakt dasselbe (im separaten URL des „LEGO“-Stores auf Wolt unter dem Tarnnamen „yuho-lego“ – Yuho ist das Wolt-Maskottchen).

Für andere Partner der Plattformanbieter ist diese Strategie hingegen schwierig: z.B. weil die Betreiber die Möglichkeit haben, ihre eigenen Marken in der App-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen (Flink lässt „Kiosk“ an manchen Standorten bereits als „Gesponsert“ ganz oben einblenden).

Das Identitätsspiel mit virtuellen Shopmarken hat jedenfalls gerade erst begonnen. Aber die Sofortlieferdienste scheinen ihre eigene Antwort auf die Philopsoph:innen-Frage, wie viele Ichs verträglich sind, schon gefunden zu haben: Exakt so viele wie es profitable Zielgruppen dafür gibt.

Danke an totga für den Hinweis!

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