Eigener Dark Store in Berlin: Lieferando testet Lebensmittel-Bringdienst Lieferando Express

Eigener Dark Store in Berlin: Lieferando testet Lebensmittel-Bringdienst Lieferando Express

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Nachdem ein Großteil der deutschen Partner zur Lebensmittel-Lieferung kurzfristig den Betrieb eingestellt hat, versucht sich die deutsche Just-Eat-Takeaway.com-Tochter nun selbst als Zustellservice für Bananen, Brot und Bier – zumindest im Westen Berlins.

Partner und Sponsoren:

Ablehnung, Zögerlichkeit und Pech – das ist ungefähr die Reihenfolge, mit der der Restaurantessen-Vermittler Lieferando zuletzt in den Markt für Liefer-Lebensmittel gestolpert ist (siehe Supermarktblog). Als viertes kommt jetzt eine handfeste Überraschung dazu: Ausprobierlaune.

Erst im Februar hatte die deutsche Tochter des niederländischen Lieferriesen Just Eat Takeaway.com bekannt gegeben, mit zwei Quick-Commerce-Diensten (Grovy in Frankfurt und Wuplo in Berlin) sowie Food.de (in Leipzig) zusammenzuarbeiten. Die Partner sollten ihre Sortimente auf der Lieferando-Plattform spiegeln, um das Angebot zu ergänzen und gegen die zunehmende Sofortlieferkonkurrenz zu verteidigen.

(Den Bewertungen der Kund:innen zufolge scheint das aber nicht besonders gut funktioniert zu haben.)


Nur wenige Wochen danach war das alles schon wieder Geschichte, weil sämtliche Partner – aus unterschiedlichen Gründen – ihre Services eingestellt hatten.

Artikel aus allen Supermarktkategorien

Deshalb scheint Lieferando es jetzt auf eigene Faust versuchen zu wollen: Kund:innen im Westen Berlins können sich per Lieferando-App seit kurzem Lebensmittel in 25 bis 35 Minuten nachhause bestellen – angeboten von „Lieferando Express“. Verfügbar sind Artikel aus allen klassischen Supermarktkategorien: frisches Obst und Gemüse, Brot, Fleisch, Fisch, Molkereiprodukte sowie Frühstücksartikel, Fertiggerichte (auch in Tiefkühlung), Pasta und Reis, Snacks, Getränke (auch gekühlt), Eis, Babyartikel und Drogeriesachen sowie Produkte lokaler Partner.

Screenshot: Lieferando / Smb

Geliefert wird (nach jetzigem Stand) montags bis samstags zwischen 9 Uhr morgens und Mitternacht. Der Mindestbestellwert liegt bei 10 Euro, die Lieferkosten betragen 1,79 Euro (so viel wie bei Gorillas).

Bei der von Lieferando Express als Warenlager genutzten Fläche handelt es sich ganz offensichtlich um den ehemaligen Dark Store des Partners Wuplo. Dieser war im vergangenen Jahr in Berlin gestartet, um im damals boomenden Quick-Commerce-Markt mitzumischen. Aus der angekündigten Expansion der russischen Gründer wurde jedoch nichts: Im Frühjahr stellte Wuplo seinen Service ohne weitere Erklärungen ein (siehe Supermarktblog).

Im Anschluss scheint sich Lieferando um eine Übernahme der Fläche bzw. einen Anschlussvertrag bemüht zu haben. Eine Übernahme des Wuplo-Betreibers First Mile Delivery Solutions gab es nach Supermarktblog-Informationen aber nicht.

Von außen ist Lieferando Express in der Berliner City West bislang kaum als Dark Store für Lebensmittel erkennbar; Foto: Smb

Wolt Markets sind schon wieder dicht

Lieferando Express ist nun als Anbieter in der Kategorie „Lebensmittel“ in die reguläre Lieferando-App eingebunden. Bewertungen (die in der Regel nach Mail-Aufforderungen an Besteller:innen erfolgen) gibt es seit vergangenem Donnerstag. Allzu großer Betrieb herrschte vor dem Store, der von außen als Lebensmittel-Lieferdienst (noch) nicht erkennbar ist und in unmittelbarer Nähe einer Lieferbasis des Wettbewerbers Gorillas liegt, am Samstagmittag nicht.

Die Scheiben sind mit Sichtschutzfolien (noch im Wuplo-Grün) beklebt, an der Tür hängt lediglich ein hastig ausgedruckter Zettel mit dem Lieferando-Express-Logo.

Nur ein ausgedrucktes Logo schmückt die Fläche des ehemaligen Partners Wuplo derzeit; Foto: Smb

Auf Supermarktblog-Anfrage bestätigt Lieferando den Launch und erklärt, es handele sich bei Lieferando Express um ein „Pilotprojekt“, das sich derzeit noch im Aufbau befinde. Es gehe darum, zu testen, wie die Lieferung von Produkten des täglichen Bedarfs bei den Lieferando-Kund:innen ankomme. Weitere Standorte oder eine Vergrößerung des Liefergebiets seien derzeit nicht geplant. Lieferando Express baue auf die Erfahrungen aus Kanada auf, wo der Just-Eat-Takeaway.com-Ableger Skip the Dishes mit Skip Express Lane bereits eigene Lieferlager für Lebensmittel betreibt, und zwar in sehr viel größerem Stil.

Die Initiative in Deutschland kommt zu einem interessanten Zeitpunkt: Gerade hat Lieferando-Konkurrent Wolt, der inzwischen offiziell zum US-Lieferriesen Doordash gehört, seine drei Berliner Wolt Markets nach nur wenigen Monaten bzw. Wochen schon wieder geschlossen.

Gegenüber dem „Tagesspiegel“ (Abo-Text) begründete Wolt den Entschluss damit, dass ein weiterer Betrieb „hohe Investitionen“ bedeutet hätte, „um die für die Rentabilität erforderliche Größe zu erreichen. Diese Investitionen wären im Vergleich zu alternativen Wachstumspfaden unverhältnismäßig“ gewesen. (Damit könnte eine potenziell engere Partnerschaft mit Flink gemeint sein, die die Mutter Doordash in Stuttgart bereits testete.)

Ein Dark Store als Test-Labor

Wie lange Lieferando wohl Lust auf den Betrieb seines Lebensmittel-Lieferangebots hat? Als Laborumgebung und um die Nachfrage der Kund:innen zu testen, wäre ein Betrieb allemal sinnvoll – zumal Lieferando, ähnlich wie Wolt, keine eigene Kurierflotte vor dem Laden parken muss, sondern für die Auslieferung von Bestellungen einfach auf Fahrer:innen zurückgreifen kann, die ohnehin in der Nähe unterwegs sind, um Essen auszuliefern. (Konkurrent Delivery Hero, der sich aus dem deutschen Mark zurückgezogen hat, aber weiter einen eigenen Dark Store als Labor in Berlin-Mitte betreibt, muss dafür größeren Aufwand betreiben.)

Eines demonstriert der Test schon jetzt eindrucksvoll: Wie ungeeignet die Lieferando-App ist, um umfassendere Sortimente anzuzeigen, die über die Länge einer durchschnittlichen Restaurant-Speisekarte hinausgehen.

Wer sämtliche Kategorien von Lieferando Express am Smartphone ansehen will, scrollt sich einen Wolf, weil die Artikel untereinander gelistet sind und bereits in der Übersicht teilweise mehrzeilige Produktbeschreibungen enthalten – anders als bei der Quick-Commerce-Konkurrenz, die auf eine kompaktere Übersicht setzt. Das Kategorien-Menü am oberen Seitenende ist auch nur eingeschränkt als Abkürzung nutzbar, weil es ohne Referenzbilder seitwärts scrollt. Ein unkompliziertes Einkaufen ist so quasi unmöglich.

Dazu kommt, dass für zahlreiche Artikel noch keine Vorschaubilder existieren, was es angesichts des durchaus umfangreich wirkenden Sortiments mit geschätzt um die 1.000 Artikeln besonders schwierig macht, den Überblick zu behalten. (Das dürfte sich bis zum offiziellen Launch vermutlich noch ändern.)

Beliebt, aber gar nicht vorrätig

Herkunftsangaben sind (unzulässigerweise) bei Frischware nur vereinzelt vorhanden, in der App heißt es:

„Wir beziehen unsere Produkte aus verschiedenen Quellen. Informationen zum Herkunftsland entnehmen Sie bitte der Produktverpackung.“

Obst und Gemüse scheinen weiteren Angaben zufolge derzeit vom Berliner Lieferanten CF Gastro zu stammen. Zu weiteren Lieferpartnern äußerst sich das Unternehmen derzeit nicht.

Eine Kuriosität ist auch, dass besonders gerne bestellte Produkte ganz oben in der Kategorie „Beliebte Produkte“ erscheinen – und zwar auch dann, wenn sie wegen ihrer Beliebtheit gerade nicht vorrätig (und ausgegraut) sind, weil sie anders als Gerichte in der Gastronomie nicht einfach an Ort und Stelle nachproduziert werden können.

Screenshot: Lieferando / Smb

Ursprünglich wurde die Marke Lieferando Express übrigens genutzt, um die eigene Kurierflotte in Deutschland aufzubauen, nachdem man 2016 das insolvente Berliner Logistik-Start-up Food Express übernommen hatte. Die Domain lieferando-express.de leitet derzeit immer noch auf die Seite, über die das Unternehmen neue Fahrer:innen sucht.

Weiter auf der Lieferando-Plattform aktiv sind u.a. Shell-Tankstellen mit ihren Stores und Spar Express Convenience-Läden, aus denen an verschiedenen Standorten Lebensmittel und Getränke bestellt werden können.

In zahlreichen anderen Ländern haben sich Schwestergesellschaften derweil große Supermarktketten als Partner zur Lebensmittel-Lieferung gesucht, z.B. Albert Heijn und Spar in den Niederlanden sowie Asda in Großbritannien. In Spanien hatte Just Eat eine Partnerschaft mit Gorillas bekannt gegeben – wenige Wochen bevor sich das Start-up im Zuge seiner Sparmaßnahmen auf die Kernmärkte konzentrierte und kurzfristig aus dem Land verabschiedete.

Mit Dank an Sven E., der Lieferando Express zuerst entdeckt hat!

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