Next Day und größere Liefergebiete: So entwickelt sich Flink zum vollwertigen Lieferservice

Next Day und größere Liefergebiete: So entwickelt sich Flink zum vollwertigen Lieferservice

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Um sich endgültig im Markt zu etablieren, entdeckt der einstige Quick-Commerce-Pionier Flink die Langsamkeit und testet jetzt auch Lieferungen für den nächsten Tag. So wird das Berliner Start-up für strategische Investoren interessanter. Der Partner Rewe allerdings steht vor einem zunehmenden Dilemma.

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Die Welt ist schon hektisch genug. Aber dass ausgerechnet der Lebensmittel-Lieferdienst, der die Hektik im Namen trägt, nun in den Entschleunigungsmodus schaltet, ist dann schon eine Überraschung – jedenfalls bis man sich die Hintergründe dieser Entscheidung vergegenwärtigt.

Der Berliner Quick-Commerce-Spezialist Flink bewirbt in seiner App derzeit ein – aus seiner Sicht – geradezu revolutionäres Feature: Innerhalb des Checkout-Prozesses können Kund:innen sich zwischen mehreren Liefer-Tempi entscheiden.

Wer „Keine Eile“ hat und seine Lieferung innerhalb der nächsten zwei Stunden erhalten möchte, spart im Gegenzug einen Euro („Bester Preis“); die „Standardlieferung“ kommt (je nach Standort) bestenfalls innerhalb von 20 Minuten („Am schnellsten“); und dann gibt’s da noch das neue „Vorplanen lohnt sich: Wähle die Zeitspanne, die dir am besten passt.“

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„Flink Bestellung für morgen planen!“

Hinter der zuletzt genannten Option steht die (für Flink) neue „Lieferung zum Folgetag“. Bei der können sich Kund:innen – wie bei gewöhnlichen Lieferservices – ein Zeitfenster am nächsten Tag aus, in dem sie ihren Einkauf erhalten wollen. Flink bewirbt den Service als zusätzliche Flexibilität:

„Ab jetzt kannst du deine Flink Bestellung für morgen planen! Egal ob spät in der Nacht, früh am Morgen oder wenn unser Lager gerade geschlossen ist – du musst nicht warten.“

Screenshots: Flink/Smb

So ganz rund ist die Folgetag-Lieferung noch nicht: Nach dem Absenden können auch diese Bestellungen nicht mehr angepasst werden – selbst wenn noch Stunden bis zur Kommissionierung Zeit dafür bliebe. Die Verfügbarkeit der bestellten Produkte wird derzeit auch nicht garantiert: „Wir geben alles, um alles auf Lager zu haben.“ Das macht die Folgetag-Bestellung im Zweifel zum Out-of-Stock-Glücksspiel – ohne Ersatzartikel-Chance.

Die Initiative zeigt aber, wie sehr Flink bereit ist, sich von seiner Herkunft als reiner Quick-Commerce-Anbieter zu lösen, um dauerhaft im Markt Fuß zu fassen. Und sie ist Teil weiterer strategischer Entwicklungen der vergangenen Monate.

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„Rewe express just fresh“ für Frische-Fans

Bereits Ende 2024 kappte Flink die Verbindungen zu Uber Eats und Wolt und konzentrierte sich vollständig auf Lieferando als Plattform-Partner (siehe Supermarktblog). Wenige Monate zuvor war auf Lieferando bereits „Rewe express“ an den Start gegangen, bei dem Lieferando-Kund:innen Lebensmittel zur Sofortlieferung bestellen können. Die Logistik im Hintergrund erledigt: Flink (siehe Supermarktblog).

Inzwischen wurde die Kooperation sogar ausgeweitet: In mehreren Städten ist auch die virtuelle Sub-Submarke „Rewe express just fresh“ online, die ihren Fokus auf frische Artikel legt (hier z.B. in Berlin): Sandwiches & Wraps, Salate & Antpasti, Säfte & Smoothies, Fleisch, Backwaren, Obst und Gemüse (aber auch TK-Fertiggerichte für die Mittagspause). Rewe-express-Just-Fresh-Bestellungen werden ebenfalls über Flink abgewickelt.

Screenshot: Lieferando/Smb

Im Mai 2025 erklärte Flink, seine Verkaufspreise an das Niveau stationärer Händler wie Rewe angleichen zu wollen – ein Bruch mit der bisherigen Strategie, für schnell gelieferte Einkäufe auch (zum Teil deutlich) höhere Preise verlangen zu können.

Expansion in neue Städte und Randlagen

Zuletzt startete der Lieferdienst in kleineren Städten wie Augsburg, Bielefeld, Heidelberg, Pforzheim und Osnabrück. Im Juli hatte man den „größten Gebietsausbau der Firmengeschichte“ angekündigt. Im Zuge der Erweiterung des Liefergebiets auf 15 Millionen potenzielle Kund:innen konzentriert sich Flink nicht mehr nur auf dicht besiedelte Innenstadtgebiete, sondern will von bestehenden Standorten aus auch Randlagen versorgen.

Dafür wurde die Flotte eigens auf neue E-Bikes umgestellt, die rundherum mit Taschen versehen sind und vom Partner Cycle eigens für Flink entwickelt wurden („Hardware now really drives EBIT“). So können die Fahrer:innen längere Strecken zurücklegen und mehrere (bzw. größere) Einkäufe transportieren.

Die Erweiterung der Lieferzeit-Optionen (schnell, langsam, Folgetag) ist der konsequente nächste Schritt. Dass man sich damit nach und nach weiter vom klassischen Quick-Commerce-Modell entfernt, wirft aber Fragen zur Zukunft des Unternehmens auf.

Rewe will Flink nicht integrieren

Besonders interessant ist vor diesem Hintergrund die Strategie des Partners Rewe. Der Kölner Handelsriese, der knapp 20 Prozent an Flink hält, verkündete gerade gegenüber der Fachpresse, sein E-Commerce-Geschäft weiter stärken zu wollen. (Für den eigenen Lebensmittel-Lieferdienst bedeutet das aber vorrangig, die bereits bestehenden Fulfillment-Center besser auszulasten.)

Gleichzeitig versicherte Rewe-Chef Lionel Souque gerade dem „Manager Magazin“ (Abo-Text), Flink kannibalisiere sich nicht mit den eigenen Markt-Anstrengungen: Flink bediene „eher die Spontankäufer, die am Abend mit Freunden beim Fußballgucken sitzen und dann feststellen, dass Bier und Chips fehlen“.

Ob man Flink perspektivisch in Rewe integrieren wolle (wie es durchaus nahegelegen hätte)? Souque: „Nein, das war nie der Plan. Wir haben genug zu tun mit dem Rewe-Abholservice und dem Rewe-Lieferservice. Jetzt gibt es noch Rewe Express über Lieferando. (…) Wenn der Kunde in unserer App zwischen verschiedenen Lieferdiensten wählen müsste, würde das niemand mehr durchschauen.“

Zur Zukunft des Start-ups sagte er: „Vielleicht geht Flink an die Börse, vielleicht steigt jemand ein. Wir halten weniger als 20 Prozent, das entscheiden andere.“

Klopf-klopf, wer steht da vor der Tür?

„Andere“ könnte in diesem Fall ziemlich konkret bedeuten: Prosus. Der südafrikanische Finanzinvestor hat gerade schon die Übernahme von Just Eat Takeaway erfolgreich abgeschlossen und damit auch Lieferando unter seine Kontrolle gebracht.

Erklärtes Ziel von Prosus ist: der weltweite Aufbau von „Lifestyle Ecommerce Ecosystems“; zuletzt stand auch Europa verstärkt im Fokus.

Für diese Vision würde sich Flink, wo Prosus bereits als strategischer Investor aktiv ist, durchaus als weiteres Puzzleteil eignen. Denn nachdem sich Lieferando jahrelang konsequent als Restaurant-Lieferplattform in Szene gesetzt hat, verbinden deutsche Kund:innen die orangefarbene App nicht in erster Linie mit Lebensmittelkompetenz. Frühere Versuche, das zu ändern, sich allesamt gescheitert. Flink könnte Abhilfe schaffen. Der Lieferdienst bringt genau das mit, was Prosus braucht: die Partnerschaft mit einem etablierten Lebensmitteleinzelhändler, Zugang zu dessen Sortiment und Marke sowie eine Last-Mile-Logistik, die sich mittelfristig mit der von Lieferando kombinieren oder zusammenführen ließe.

Flink dementiert Personal-Gerüchte

Intern könnten die Vorbereitungen dafür bereits laufen. Nach Supermarktblog-Informationen aus dem Unternehmensumfeld soll Flink seit einigen Monaten kontinuierlich Personal abbauen – bis Jahresende könnte nur noch eine niedrige dreistellige Zahl an Mitarbeitenden in der Berliner Zentrale tätig sein.

Auf Supermarktblog-Anfrage will Flink nichts zur aktuellen Zahl der Beschäftigten sagen und dementiert Gerüchte zur Personalsituation:

„Flink kommuniziert grundsätzlich keine konkreten Mitarbeiterzahlen. Zu Spekulationen über zukünftige Mitarbeiterzahlen oder spezifische Personalanpassungen äußern wir uns nicht. Die Gerüchte über eine Reduzierung auf rund 150 Mitarbeitende bis Ende des Jahres sind jedoch nicht korrekt. Unser Fokus liegt auf der nachhaltigen Weiterentwicklung unseres Geschäftsmodells und der Expansion in neue Liefergebiete.“

Bloß mal angenommen, Prosus käme via Just Eat Takeaway bei Flink tatsächlich zum Zug: Womöglich könnten in dieser strategischen Konstellation alle Beteiligten profitieren.

Ein rentabler Deal für alle?

Prosus bekäme ein funktionierendes Delivery-Unternehmen mit etablierter Infrastruktur und direktem Zugang zum deutschen Markt, um die Kompetenzen von Lieferando zu ergänzen. Rewe bliebe unverzichtbarer Partner, ohne weitere Millioneninvestitionen stemmen zu müssen. Und Flink würde das Kapital erhalten, um weiter wachsen zu können. (Ob unter eigenem Namen oder als „Lieferando Express“ sei mal dahingestellt.)

Die Next-Day-Lieferung wäre in diesem Kontext mehr als nur ein neues Feature. Sondern der Beweis dafür, dass Flink seine Touren besser planen kann und ausgelastet kriegt, um für einen globalen Player wie Prosus übernahmeinteressant zu sein, der komplette E-Commerce-Ökosysteme aufbauen will.

Die Sache hat nur einen Haken (mal abgesehen von einer nicht völlig auszuschließenden kartellrechtlichen Problematik für JET/Lieferando) – und zwar: für Rewe.

Verpartnerte Konkurrenten

Denn Konzern-Chef Souque irrt inzwischen gewaltig, wenn er behauptet, Flink kannibalisiere den Rewe-eigenen Lieferservice nicht. Die Überschneidungen werden sogar zunehmend größer: ähnliche Preise für Produkte, erweiterte Liefergebiete in Randlagen und neuen Städten, Lieferoptionen für jetzt, später am Tag oder den nächsten Tag. Rewe mag mit seinem deutlich größeren Sortiment immer noch für Wocheneinkäufer:innen das beste Modell sein. Für alle anderen bietet Flink allerdings schon jetzt teilweise mehr Flexibilität.

Dass man das in Köln angeblich nicht im Blick haben will, ist entweder strategisch bewusst so formuliert – oder erstaunlich kurzsichtig.

Je erfolgreicher Flink bei der Transformation vom reinen Quick-Commerce-Anbieter zu einem vollwertigen Lebensmittel-Lieferdienst wird, desto direkter konkurriert es mit seinem wichtigsten strategischen Partner. Zur Wahrheit gehört aber auch: Flink wird ohne Rewe und den Zugang zum Sortiment kaum überlebensfähig sein – und die Handelskette kann kein Interesse daran haben, im Falle eines Rückzugs die Tür für potenzielle Konkurrenten zu öffnen.

Vielleicht kommen deshalb erstmal alle Beteiligten – so unterschiedlich sie auch sein mögen – eine Weile ganz gut miteinander aus.

Und Flink kann ganz in Ruhe dazulernen, dass nicht allein Geschwindigkeit über Erfolg entscheidet, sondern strategische Geduld. Manchmal muss man einfach einen Tag warten – um den richtigen Käufer zu finden.

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2 Kommentare
  • Hier in Lübeck (mit gut 200.000 Einwohnern auch keine übermäßig große Stadt) operiert Flink auf Lieferando mittlerweile als Flink, REWE Express, REWE Express just fresh, Kiosk, BROT MANUFAKTUR, The Ben & Jerry’s Shop und Weinfreunde (ja auch eine Rewe-Marke).
    Zumindest auf den ersten Blick bekommt man aber auch das ganze Frische-, Kiosk-, Backwaren-, Eis- und Weinsortiment auch bei Flink bzw. REWE Express, wobei die Backwaren von der lokalen Bäckereikette Junge kommen.

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