Billabox in Wien: Einkaufskonzept der Zukunft – mit Öffnungszeiten der Vergangenheit

Billabox in Wien: Einkaufskonzept der Zukunft – mit Öffnungszeiten der Vergangenheit

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Nach gescheiterten Versuchen auf dem Land steht Billas Smart-Store-Format jetzt an Hauptverkehrsachsen – als pragmatische Containerlösung mit handausgezeichneten Bananen. Der Einkauf funktioniert gut, das Sortiment passt. Aber noch steht das Ladenschlussgesetz der zügigen Expansion im Weg. Eine Supermarktblog-Feldforschung am Verteilerkreis Favoriten.

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Was ist grau, eckig und steht im 10. Wiener Gemeindebezirk auf der grünen Wiese zwischen Verteilerkreis, U-Bahnhof Altes Landgut und dem Campus der FH Wien? Genau: Das Supermarktkonzept der Zukunft – mit den Öffnungszeiten der Vergangenheit!

Im Süden der österreichischen Bundeshauptstadt hat Billa einen von landesweit drei Smart Stores aufgestellt, die den leicht zu merkenden Namen Billabox tragen. Und mit denen die Handelskette zumindest ein bisschen ausprobieren will, wie der Einkauf in Minimärkten funktioniert, in denen kein Personal an der Kasse sitzt, wie die Kundschaft dort ausschließlich selbst scannt. (Die anderen beiden stehen in Wiener Neudorf nahe der Billa-Zentrale und Vösendorf.)

Es handelt sich schon um den zweiten Anlauf, nachdem Billa seine ersten „Regional-Boxen“ 2021 noch in eher in ländlichen Regionen auf- und kurze Zeit später wieder eingestellt hatte. Zum Neustart konzentriert man sich nun auf städtische Standorte und zentrale Verkehrsachsen, wo man auf mehr Betrieb spekuliert.

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Das Format ähnelt den deutschen Teo-Märkten (bzw. den Nahkauf-Boxen von Rewe) und setzt auf eine technologisch einfachere Lösung als die Märkte, die per Videoanalyse automatisch erkennen, was Kund:innen aus den Regalen nehmen – ohne KI-Kameras, dafür mit klassischen Self-Checkouts.

Dabei macht Billa schon ziemlich viel richtig.

Das Ladendesign

Der Zugang in den 55 Quadratmeter umfassenden Verkaufsraum erfolgt barrierefrei über eine seitlich eingelassene Tür, an der man seine Bankomat-Karte scannt. Anschließend stehen Kund:innen vor zwei langen schmalen Gängen mit vier Regalreihen, von denen die ganz rechte fast ausschließlich gekühlte Artikel umfasst.

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Eine architektonische Glanzleistung ist die Billabox mit ihrem breiten Eingang und dem ausladenden Vordach eher nicht; von außen wirkt sie eher, als seien zwei Baucontainer frontal ineinander gestoßen, bevor jemand einen Mülleimer und Stromkästen davor dekoriert hat.

Die Jalousien der Frontseite sind am Vormittag die meiste Zeit unten, aber durch Seitenfenster und Türen fällt trotzdem Tageslicht mit Aussicht auf Straße und FH-Campus.

Nichts davon ist auch nur ansatzweise so raffiniert oder detailreich designt wie bei Teo in Deutschland – dafür aber schlauer gebaut: Die Billabox integriert von vornherein einen Nebenraum mit Zugang zur Verkaufsfläche, in dem Ware zwischengelagert werden kann und das Personal notwendige Preisauszeichnungen vornehmen kann bzw. Putzutensilien untergebracht werden. Leere Rollcontainer müssen auch nicht bis zur Abholung auf die Straße gestellt werden. Das braucht mehr Platz und ist nicht gerade elegant – aber zweckmäßig.

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Hinter der Tür zum Nebenraum gibt’s im personalfreien Minimarkt doch manchmal Personal; Foto: Smb

Das Sortiment

… umfasst etwa 1.000 Artikel und machte bei meinem Besuch einen ziemlich vollständigen Eindruck, ohne größere Lücken im Regal. Der vorderste Gondelkopf ist vollständig für Obst und Gemüse reserviert: Paprika, Salat, vier Sorten Paradeiser, Mais, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Nektarinen, Äpfel, Kiwi, Trauben, Orangen, Melone.

Damit nachher gescannt werden kann, sind Äpfel und Bananen einzeln per Hand vorausgezeichnet worden.

Links im Seitengang liegen aufgebackenes Brot und Brötchen, ebenfalls vorgepackt. Eine größere Auswahl an belegten Backwaren gibt’s gegenüber in der Kühlung: „Laugencroissant mit Schinken, Käse, Ei“, „Ja! natürlich Bio Extrawurstsemmel“, aber exakt gar nichts Vegetarisches. (Was angesichts der Nähe zum FH-Campus schon etwas verwundert.)

Es gibt eine kleine Tiefkühlung mit Eis und Pizza, ein Mini-Drogeriesortiment, und neben der Fertig-Asiagerichte-Auswahl auch eine umfassendes Gewürzauswahl, sodass es der Billabox-Kundschaft selbst überlassen bleibt, ob sie im Anschluss an ihren Ladenbesuch bloß was aufwärmen oder richtig kochen möchte.

Das große Getränkesortiment umfasst alle Standards, dazu gibt’s Eisbär Yippy IceTea Berries und „Barbie Bio Drink“.

Getränke, Tiernahrung, WC-Steine – Billabox bemüht sich um Komplettiert; Foto: Smb

Laut Billa wird der Minimarkt „zweimal pro Tag beliefert“ – womit vermutlich gemeint ist, dass eine Mitarbeiterin aus einer nahegelegenen Filiale ein bisschen Obst, Gemüse, Belegtes aus einer rollenden Kiste ins Regal nachfüllt.

Am Vormittag wird schnell mal ein bisschen Obst nachleget…; Foto: Smb

Die Öffnungszeiten

Um das übrige Sortiment möglichst lückenfrei zu halten, ist außerhalb der (bereits erwähnten) Öffnungszeiten reichlich Zeit. Denn die wirken wie ausgewürfelt: werktags von 6.30 bis 14 Uhr – und dann wieder von 16 bis 21 Uhr (sowie samstags von 7 bis 13 Uhr und 14.30 bis 18 Uhr). Was nach einem irren Versehen aussieht, ist schlicht und einfach den Vorgaben des österreichischen Öffnungszeitengesetzes geschuldet: Läden dürfen zwar von Montag bis Freitag bis 21 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr geöffnet haben – insgesamt aber nur maximal 72 Stunden pro Woche.

Nicht ganz so smarte Öffnungszeiten – aber so will es das österreichische Gesetz; Foto: Smb

Für personalfreie Smart Stores ist das natürlich Quatsch – aber halt Quatsch, den das Gesetz aktuell so vorschreibt. Obwohl man sich bei Billa mehr als nur ein bisschen Hoffnung macht, dass sich das bald ändern könnte: Zumindest hat die aktuelle Regierungskoalition eine Liberalisierung der Regelung in Aussicht gestellt.

(Ähnlich wie sie auch gerade in Baden-Württemberg und im Saarland beschlossen wurde; siehe Infokast… – ihm: Infobox.)

Infobox: Mehr Sonntags-Flexibilität für Smart Stores

Baden-Württemberg hat im September 2025 beschlossen, die Öffnungszeiten für personalfrei betriebene Smart Stores (maximal 150 Quadratmeter Verkaufsfläche) deutlich zu liberalisieren. Künftig dürfen solche digitalen Mini-Supermärkte auch an Sonn- und Feiertagen öffnen – sonntags aber maximal acht Stunden zwischen 7 und 24 Uhr. Im Saarland hat man sich gerade darauf geeinigt, dass digitale Kleinstsupermärkte sonntags für fünf Stunden (zwischen 6 und 18 Uhr) öffnen dürfen. Für Feiertage gilt das nicht.

Seitens der Billa-Mutter Rewe International hat man schon mal anklingen lassen, dass man es „begrüße“, wenn „Nahversorgungsformate, die ohne Verkaufspersonal betrieben werden, vom Öffnungszeitengesetz auszunehmen“ wären. Daran dürfte auch die ganz konkrete Zukunft des Billabox-Formats geknüpft sein.

Die Kasse

Bezahlt wird am Ende flugs per Self-Checkout – sofern man sich nicht von den unzähligen Schaltflächen nervös machen lässt, mit denen Billa des Bezahlerlebnis zu einem kleinen Irrgartenlauf werden lässt. Im Wettbewerb der unübersichtlichsten SCO-Menüführung mit tausend Anzeigeflächen für alle Eventualitäten wäre den Österreicher:innen der 1. Platz jedenfalls so gut wie sicher („Produkt ohne Barcode-Nummer“, „Barcode-Nummer eingeben“, „Kundenkarte“, „MWST Rechnung“, „Zahlungsmittel wählen“, „Caritas aufrunden“, „Hilfe anfordern“ – aber von wo?).

Neben den beiden regulären SB-Kassen gibt es ein Terminal für alle, die ihre Waren bereits während des Einkaufs mit der separaten Billa-Scan-&-Go-App vorgescannt haben, um dann per QR-Code den Einkauf an die Station zu übertragen und abzuschließen. (Warum man diese Funktionalität nicht – wie Rewe in Deutschland – in die regulären Self-Checkouts integrieren kann, bleibt vorerst ein Geheimnis.)

Die Konkurrenz

Bei meinem Besuch an einem regulären Vormittag war die Billabox recht gut besucht, vorrangig tatsächlich von jüngeren Kund:innen, vermutlich aus dem daneben gelegenen Student:innenwohnheim. Reguläre Märket von Hofer und Eurospar bieten zwar deutlich größere Sortimente, sind aber in 600 bis 1000 Metern Entfernung aber auch etwas schlechter zu erreichen. Was wiederum für Billa ein schöner Beleg dafür ist, dass das Format gut funktioniert, wenn der Standort richtig ausgewählt ist.

Die unmittelbare Konkurrenz zwischen Verteielerkreis und U-Bahnhof hält sich – trotz allgemeiner Box-Begeisterung bei der Namensvergabe – in Grenzen: Die blaue „Pipibox“, die in der Nähe direkt vor der Aussicht steht, ist ja eher dafür gedacht, den zuvor konsumierten „Barbie Bio Drink“ wieder wegzubringen.

Blaue „Pipibox“ vor Bergpanorma in Wien-Favoriten; Foto: Smb

Und bei der „24/7 Bistrobox“, die hungrige Kundschaft auf der gegenüberliegenden Seite anzulocken versucht, handelt es sich um ein leergeräumtes Automaten-Aufwärmbistro mit Touchscreen samt gigantischen Lücken im Sofortverzehr-Sortiment: Das „Pizza Match First Date“ für 10,80 Euro („Das perfekte Menü fürs erste Date“) ist „ausverkauft“, das meiste andere „aufgegessen“: Bifi, Nachos, ein Sandwich mit Ei – bloß Red Bull Waldmeister wäre noch dagewesen.

Die durchs Fenster des Heißluftofens einsehbaren Pizzastücke bleiben dummerweise unerreichbar. Eine bessere Werbung für die eigene Box kann sich Billa also im Grund kaum vorstellen.

„Bistrobox“ mit leergeräumtem Sortiment: beste Werbung für den Supermarkt-Nachbarn; Foto: Smb

Das Konzept

Für alle, die schnell zwischendurch was einkaufen wollen, weil sie jetzt gerade Hunger haben oder noch was brauchen, um zuhause was zu kochen, ist die Billabox mit ihrem Sortiment mehr als ausreichend.

Wenn die Politik aus dem Quark kommt, könnten weitere Billaboxen folgen; Foto: Smb

Am Standort in Vösendorf testet die Handelskette zudem, wie das Format funktioniert, wenn es direkt neben einem regulären Supermarkt aufgebaut ist und dessen Öffnungszeiten ergänzt: morgens ab 5 Uhr, abends bis 21 Uhr.

Falls sich die Politik dazu durchringt, die in Aussicht gestellte Liberalisierung der Öffnungszeiten tatsächlich durchzusetzen, scheint man bei Billa jedenfalls ausreichend Ideen zu haben, wie und wo man die Minisupermärkte im Boxen-Format zukünftig einsetzen kann, um die wirklich allerletzten Lücken im ohnehin schon völlig überbesetzten österreichischen Innenstadt-Supermarktfilialnetz zu schließen.

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