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Der europäische Markt für Essens- und Lebensmittellieferungen sortiert sich gerade in atemberaubendem Tempo neu – um drei Pole. Der niederländische Tech-Investor Prosus hat im vergangenen Jahr den Lieferdienst-Vermittler Just Eat Takeaway (Lieferando) übernommen. Der US-Konzern Uber baut seinen Anteil an Delivery Hero gerade massiv aus und expandiert mit Uber Eats aggressiv nach Europa. Und Wettbewerber Doordash kämpft mit Wolt und dem 2025 akquirierten Deliveroo an vorderster Front um Marktanteile.
Drei globale Plattform-Konzerne, die sich gegenseitig belauern. Und mittendrin: ein mittelgroßer Berliner Lieferdienst mit knapp 600 Millionen Euro Jahresumsatz, der gleichzeitig finanzielle oder operative Verbindungen zu allen dreien unterhält.
Auftritt: Flink.
Dessen CEO Julian Dames hat gerade der „WirtschaftsWoche“ ein Interview gegeben, in dem er das Bild eines Unternehmens zeichnet, das auf Kurs ist: profitabel auf EBITDA-Basis, 15 Prozent Wachstum für 2026 geplant, Expansion auf bis zu 300 Hubs in 130 Städten. Knappe Kalkulationen und Wandeldarlehen? Es gibt keinen Grund zur Unruhe, bitte bestellen Sie weiter!
In Deutschland liege der durchschnittliche Flink-Warenkorbwert aktuell bei 45 Euro. Dieser sei „über die Jahre deutlich gestiegen“ und zeige „dass sich das Kundenverhalten deutlich verändert hat – weg vom schnellen Einzelkauf hin zu regelmäßigen, größeren Einkäufen“, sagt Dames.

Gleichwohl wirbt Flink seit Februar bei Kund:innen für das exakte Gegenteil: „Gute News: Du kannst jetzt schon ab 25€ bestellen! Perfekt für kleinere Einkäufe.“ (Das spricht eher dafür, dass man frühere Spontan-Besteller:innen lange mit einem zu hoch angesetzten Mindestbestellwert vergrault hat.)
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Wie das zusammenpasst, will die „WiWo“ nicht wissen. Dafür aber, wie Dames die Spekulationen bewerte, dass Flink auf Dauer alleine kaum überlebensfähig sei. Und der antwortete mit dem bemerkenswerten Satz: „Ein starkes, unabhängiges Flink ist gerade im Interesse aller.“ Wobei: alle inzwischen so viele Beteiligte einschließt, dass daneben jede Ritter-Tafelrunde wie eine übersichtliche Zusammenkunft von Gleichgesinnten wirkt.
Die Frage ist: Ist Flinks „Unabhängigkeit“ ein Zeichen von Stärke – oder eher das Ergebnis eines Knotens, der sich nicht mehr so leicht lösen lässt? Ein Überblick.
🟠 Prosus/JET: Die mit strategischem Interesse
Die Älteren unter den Supermarktblog-Leser:innen erinnern sich: 2024 hatte Flink sich exklusiv an Lieferando als Plattform-Partner gebunden (siehe Supermarktblog), liefert dort auch unter dem Namen Rewe express aus und betreibt weitere virtuelle Liefermarken. Parallel dazu rückte Guido Fambach für die Lieferando-Mutter Just Eat Takeaway (JET) als Observer in den Flink-Aufsichtsrat, um sicherzustellen, dass Amsterdam Einblick in Finanzen, Strategie und Tagesgeschäft erhielt. Ohne Stimmrecht, jedoch mit voller Transparenz (siehe Supermarktblog).
Die Partnerschaft ging bzw. geht aber noch weiter: Wie interne Dokumente nahelegen, liefert Flink mit seinen Ridern – zumindest zeitweise – auch Restaurantbestellungen für Lieferando aus, und zwar unter dem Projektnamen „LaaS-JET“ (Logistics-as-a-Service).
Auf Supermarktblog-Anfrage bestätigt Flink die Kooperation, bleibt aber vage:
„Flink befindet sich derzeit in einer Pilotphase, in der wir gemeinsam mit Lieferando ein Kooperationsmodell in ausgewählten Städten testen. Die Pilotphase läuft ergebnisoffen – zu weiteren Details können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben machen.“
Auch zu Zeitraum und Umfang schweigt man in Berlin. Nach Supermarktblog-Informationen wurde besagte „Pilotphase“ aber mindestens an einem Standort schon wieder beendet.
Beteiligte erklären, an ihrem Hub hätten für Fahrten im Auftrag von Lieferando separate Fahrräder mit Flink-Branding zur Verfügung gestanden, die nicht über die typische Flink-Ausstattung zur Bestellbündelung verfügten, sondern über lediglich eine Tasche. Lieferando-Essensbestellungen seien immer direkt ausgefahren worden – von denselben Mitarbeitenden, die sonst für Flink fuhren, aber in getrennten Schichten („Jet-Rider“) und gesteuert über eine separate App („Flink Tastik“). Mehrheitlich hätten diese Lieferfahrten an besagtem Hub Bestellungen von McDonald’s betroffen. Dabei sei es auch vorgekommen, dass man als „Jet-Rider“ über mehrere Stunden keine Bestellung auszuliefern hatte. Das Projekt wurde am betroffenen Standort nach Supermarktblog-Informationen vor mehreren Wochen für beendet erklärt.
(Zur Erinnerung: Anfang 2026 hatte Flink bestätigt, seine Rider künftig auch Restaurantbestellungen für Uber Eats ausliefern zu lassen.)
Anfang März machten die Berliner:innen bekannt, eine weitere Finanzierungsrunde über 100 Millionen US-Dollar abgeschlossen zu haben – angeführt vom frisch gebackenen JET-Eigentümer Prosus. Der gerade auch dabei ist, seine Anteile am JET-Konkurrenten Delivery Hero massiv zu reduzieren, wie es die EU für die Genehmigung des Deals vorgegeben hat. Diese Auflagen sind laut „Handelsblatt“ durch diverse Anteilsverkäufe jetzt „erfüllt“. Was die Frage aufwirft, ob Prosus demnächst versuchen könnte, bei Flink doch noch das Ruder zu übernehmen, um damit Lieferando zu stärken. Was inzwischen deutlich komplizierter geworden ist, wie die übrige Beteiligtenstruktur zeigt.
🔴 Doordash/Wolt: Die mit dem Zickzack-Kurs
Im „WirtschaftsWoche“-Interview bestätigt Dames nämlich auch, dass der US-Lieferriese Doordash weiter bzw. wieder zu den Flink-Investoren gehört. Das ist insofern bemerkenswert, als dass Doordash-CFO Ravi Inukonda ein früheres Flink-Investment gegenüber CNBC vor zwei Jahren als „one-time write-off“ bezeichnet hatte – also als vollständig abgeschrieben. Im Zuge der neuen Finanzierungsrunde ist aber wohl auch Geld von Doordash geflossen, wie es die „WiWo“ damals in einem Bericht nahelegte.
Doordash agiert über seine Tochter Wolt gleichzeitig als Partner und Konkurrent von Flink: Mit einer zunehmenden Zahl eigener Wolt Markets – zuletzt mit Start in Nürnberg – bedient man einerseits ähnliche Zielgruppen in denselben Städten mit einem vergleichbaren Angebot (frische Lebensmittel innerhalb von 30 Minuten nachhause geliefert).
Andererseits führt Wolt Flink seit wenigen Wochen (kurz vor Bekanntgabe der neuen Finanzierungsrunde) wieder als einen von vielen Händlern auf der eigenen Plattform.
Hat Doordash defensiv investiert, um abzusichern, dass Flink unter einem direkten Konkurrenten nicht der eigenen Market-Expansion in die Quere zu kommen droht?
🟢 Uber: Die mit Nachholbedarf
Seit Anfang 2026 liefern Flink-Rider – wie beschrieben – auch Restaurantessen aus, das via Uber Eats bestellt wird (siehe Supermarktblog). Die Beziehung scheint aktuell rein operativ zu funktionieren und könnte eine wichtige Ergänzung für das Flink-Argument sein, auf EBITDA-Basis profitabel zu wirtschaften, was Dames gerne in Interviews wiederholt.
(Ohne freilich dazu zu sagen, dass man neben den eigenen Lebensmitteleinkäufen regelmäßig auch noch für mehrere Dienste Restaurantessen spazieren fährt.)
Gleichwohl hat Uber angekündigt, mit Uber Eats in diesem Jahr massiv nach Europa expandieren zu wollen – und zwar gleich in sieben Märkte, darunter (zum zweiten Mal) nach Österreich und Tschechien sowie Griechenland, Rumänien, Dänemark, Finnland und Norwegen. Reuters zufolge erhoffe man sich davon „in den kommenden drei Jahren ein zusätzliches Buchungsvolumen im Wert von einer Milliarde Dollar“. In Deutschland war Uber Eats vor fünf Jahren gestartet, bietet auch Lebensmittel-Lieferungen an, kann hierzulande aber noch keine großen Handelspartner vorweisen und betreibt keine eigenen Darkstores.
Vor wenigen Wochen erst hat sich Uber allerdings den türkischen Quick-Commerce-Pionier und einstigen Flink-Rivalen Getir einverleibt.
Die Beteiligung an Delivery Hero (mit den europäischen Haupt-Marken Glovo, Foodora, Yemeksepeti) spricht dafür, dass man weiteren Appetit hat. Derzeit hält Uber 19,5 Prozent an DH – mit einer Option auf weitere 5,6 Prozent.
⚫ BAT: Die mit dem Geld
In der jüngsten Flink-Finanzierungsrunde ist auch der Tabakkonzern British American Tobacco (BAT) bei Flink eingestiegen, über seine Corporate-Venture-Capital-Einheit Btomorrow Ventures. Vermutlich: weil man einen Distributionskanal für Nikotinprodukte der nächsten Generation testen will. Der traditionelle Zigarettenhandel schrumpft und Quick Commerce ist ein interessantes Experimentierfeld mit urbaner, jüngerer Zielgruppe.
Aus Flinks Perspektive bringt BAT: Geld. Sonst nichts. Keine Logistikkompetenz, kein Handels-Know-how, keine Kund:innenbasis, keine strategische Synergie fürs Kerngeschäft. Und reputationsmäßig ist ein Tabakkonzern als Investor für ein Unternehmen, das sich als moderner Lebensmittellieferdienst positioniert, nicht gerade ein Aushängeschild.
⭕ Rewe: Die mit Geduld
Bleibt die Frage, wer bei Flink eigentlich gerade die stärkste Position hat. Vielleicht nicht der CEO, der in Interviews Zuversicht verbreitet. Und auch nicht die drei Plattform-Konzerne, die sich gegenseitig beäugen. Sondern: Rewe?
Gegenüber der „WiWo“ nennt Dames den Handelspartner aus Köln den „größten Flink-Anteilseigner“. Aus dem konsolidierten Jahresabschluss der Rewe-Zentralfinanz eG geht hervor: Rewe hielt zum 31. Dezember 2024 exakt 19,1 Prozent an Flink. (Ein Jahr zuvor waren es noch 11,9 Prozent.) Im Jahr 2025 hat Rewe-CEO Lionel Souque wiederum öffentlich mehrfach betont, eine Übernahme von Flink komme für Rewe nicht in Frage. (Oder, je nach Interpretation: nicht mehr.)

Gleichzeitig verfolgt Rewe möglicherweise die rationalste Strategie. Rewe braucht keinen Exit. Rewe ist nicht einmal darauf angewiesen, dass Flink profitabel wird – solange die Berliner:innen weiter das komplette Sortiment aus Köln beziehen.
Mit einem stimmberechtigten Sitz im Aufsichtsrat hat Rewe Vetomacht über strategische Entscheidungen. Und die 19,1 Prozent stellen sicher, dass kein neuer Eigentümer – egal ob Prosus, Doordash oder ein Dritter – Flink übernehmen kann, ohne sich vorher mit Rewe zu einigen.
Umso erstaunlicher ist, wie Dames gegenüber der „WiWo“ das Verhältnis zu Rewe aus seiner Sicht beschreibt. Rewe-CEO Lionel Souque „hilft viel im Hintergrund“ und verfolge „seit Beginn klar ein Konzept: Wenn es ein Modell gibt, das sich im Online-Lebensmittelhandel rentiert, dann ist es Quick-Commerce. Rewe wollte es nicht selber machen, aber Teil davon sein, um sein Einkaufsvolumen zu behalten.“
Das ist eine, sagen wir: ambitionierte Auslegung von Souques Position. Zuletzt hatte der Rewe-CEO im August 2025 gegenüber dem „Manager Magazin“ sehr viel nüchterner geklungen:
„Es ist kein einfaches Modell, aber es gibt Platz dafür, und es kannibalisiert sich nicht mit dem Rewe-Lieferservice. Flink bedient eher die Spontankäufer, die am Abend mit Freunden beim Fußballgucken sitzen und dann feststellen, dass Bier und Chips fehlen.“
Warum Rewe Quick Commerce nicht selbst macht und in sein Angebot integriert? Souque:
„Wenn der Kunde in unserer App zwischen verschiedenen Lieferdiensten wählen müsste, würde das niemand mehr durchschauen.“
Dames dreht den Spieß um, beschreibt das Verhältnis zu Rewe als „gegenseitige Abhängigkeit“. Flink nehme ein „hohes Volumen an Waren ab“ und somit „die Stellung eines wichtigen Kaufmanns“ ein. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemandem in der Rewe-Chefetage beim Lesen dieser Worte das Croissant in den Milchkaffee gekippt ist.
Denn die Zahlen sprechen eher Souques Sprache: Die 1.620 selbstständigen Rewe-Kaufleute erzielten 2025 zusammen einen Umsatz von 20,4 Milliarden Euro. Flinks knapp 600 Millionen entsprächen davon rund 3 Prozent. Der umsatzstärkste Rewe-Kaufmann, die Familie Sanktjohanser mit Rewe Petz, kam 2025 laut „LZ“ auf 504 Millionen – hat dafür allerdings kein Venture Capital gebraucht.
Würde Flink morgen verschwinden, wäre das für Rewe eine Fußnote in der Konzernbilanz. Würde Rewe morgen aufhören, Flink zu beliefern, gäbe es Flink so nicht mehr.
Und dass Souque kürzlich in einem separaten „WiWo“-Gespräch (Abo-Text) „die Jungs“ von Flink für ihre Arbeit lobte, klingt eher nicht nach gleicher Augenhöhe – sondern eher nach dem Tonfall eines Seniorpartners, der weiß, dass er am längeren Hebel sitzt.
Rewe muss keinen Zug machen. Rewe muss nur warten, bis sich einer der globalen Plattformkonzerne durchsetzt – und dann mit dem Gewinner verhandeln.
In einem hat Flink-CEO Dames Recht: Im Moment wollen alle mit seinem Lieferdienst zusammenarbeiten. Aber vielleicht ist das weniger ein Kompliment als die Furcht, einen Wettbewerber profitieren zu lassen, mit dem man deshalb lieber im selben Boot sitzen bleibt. Und vielleicht ist der Einzige, der das Boot nicht braucht, der Lebensmittelhändler aus Köln, der an Deck sitzt und zuschaut.
Dieser Text basiert auf öffentlich verfügbaren Dokumenten, Jahresabschlüssen, dem „WirtschaftsWoche“-Interview vom 12. Mai 2026 sowie internen Informationen, die dem Supermarktblog vorliegen.
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