Just Eat Takeaway bei Flink: Wer wird hier der Boss?

Just Eat Takeaway bei Flink: Wer wird hier der Boss?

Inhalt:

Schon 2024 zog ein Just-Eat-Takeaway-Manager in den Flink-Aufsichtsrat ein – als Observer, ohne Stimmrecht. Die mögliche Übernahme des Berliner Quick-Commerce-Pioniers durch einen strategischen Akteur blieb bislang jedoch aus. Was ist los bei Flink? Ein Rekonstruktionsversuch.

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Der vor wenigen Tagen veröffentlichte Jahresabschluss 2023 von Flink enthält einen interessanten Eintrag: In der Aufzählung der Aufsichtsräte taucht dort Guido Fambach auf, Executive Vice President Sales bei Just Eat Takeaway (JET). Fambach gehört dem Aufsichtsrat des Berliner Quick-Commerce-Anbieters zusammen mit Sajal Srivastava von Triple Point Capital seit dem 15. August 2024 an – also kurz bevor Flink den Abschluss einer neuen Finanzierungsrunde bekannt gegeben hatte, deren Beteiligte man (auch auf Nachfrage) nicht vollständig nennen wollte.

Das US-Magazin TechCrunch spekulierte damals, Just Eat Takeaway könne unter den neuen Investoren sein. Eine offizielle Bestätigung blieb aus.

Auf Supermarktblog-Anfrage erklärt Flink nun:

„Guido Fambach und Sajal Srivastava sind als Observers im Aufsichtsrat tätig, nicht als vollwertige stimmberechtigte Mitglieder.“

Deshalb stehen sie wohl auch nicht auf einer im März 2025 im Handelsregister aktualisierten Aufsichtsratsliste, die laut Flink ausschließlich stimmberechtigte Mitglieder führen muss: Jessica Schultz (Northzone), Patrick Lambertz (Rewe) und Daegwon Chae (BOND Capital).

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Auch Just Eat Takeaway äußert sich erstmals dazu – allerdings zurückhaltend.

Welche Rolle spielt JET?

All das ist relevant, weil es erklären helfen könnte, was gerade bei Flink los ist – dem einzigen Überlebenden des Quick-Commerce-Booms während der Corona-Krise. Anders als Gorillas, Getir & Co. hat sich das Berliner Start-up mit cleveren Strategien, Markenerweiterungen und Kooperationen bis heute im Markt behaupten können.

Gleichwohl wurde in der Branche vielfach erwartet, dass Flink auf Dauer eher nicht als eigenständiger Akteur im Markt weiter existieren würde. Mehrfach war über einen Verkauf spekuliert worden – der jedoch bis heute nicht erfolgt ist. Warum? Und welche Rolle spielt JET?

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Die folgende Rekonstruktion basiert auf öffentlich verfügbaren Dokumenten, Medienberichten, Branchenanalysen und eigenen Anfragen.

Enge Partnerschaft, aber keine Übernahme

Just Eat Takeaway, das im vergangenen Jahr selbst vom südafrikanischen Investor Prosus geschluckt wurde, lag bzw. liegt als Flink-Käufer durchaus nahe. Bereits Anfang 2024 soll Flink laut „Manager Magazin“ mit JET über eine Fusion gesprochen haben. Im September 2024 sammelte Flink neues Geld ein.

Ende November 2024 beendete das Start-up überraschend seine Partnerschaften mit den Plattformen Wolt und Uber Eats und konzentrierte sich vollständig auf Lieferando (siehe Supermarktblog). Seither ist die JET-Tochter Lieferando die einzige externe Plattform, über die Flink-Kund:innen frische Lebensmittel bestellen können. (Über die eigene App geht das weiterhin.)

In den Monaten danach bauten beide Partner die Kooperation systematisch aus: Flink liefert seitdem nicht nur unter eigenem Namen, sondern auch als „Rewe express“ und unter diversen virtuellen Submarken wie „Kiosk“, „Brot Manufaktur“ oder „Weinfreunde“. Die Kommissionierung erfolgt in allen Fällen aus Flink-Lagern, die Auslieferung übernimmt Flinks Logistik (siehe Supermarktblog).

Einblick in Finanzen, Strategie und Operations

Mit genau dieser „preferred partnership“ erklärt man in Amsterdam auch die Observer-Rolle von Fambach im Flink-Aufsichtsrat – und dementiert gleichzeitig, bereits bei Flink investiert zu sein. Auf Supermarktblog-Anfrage sagt eine Just-Eat-Takeaway-Sprecherin:

„JET is not currently a shareholder in Flink SE. We do have an active relationship with them and have been collaborating since 2023. In connection to that we hold a Board Observer role (Guido Fambach).“

„The Observer position is indeed part of our overall agreement which is confidential between the parties as you probably understand.“

Foto [M]: Lieferando, Smb

Der Status ermöglicht JET (und Triple Point Capital) in jedem Fall detaillierten Einblick in Finanzen, Strategie und Operations von Flink, ohne Stimmrechte oder Haftung. In der Startup-Welt sind Observer-Positionen üblicherweise Investoren vorbehalten. Eine solche Rolle allein aufgrund einer Geschäftsbeziehung zu vergeben, wäre höchst ungewöhnlich.

Prosus bekam JET nur unter Auflagen

Eine mögliche Lesart: Triple Point Capital, spezialisiert auf Venture Debt, und JET könnten in einem gemeinsamen strategischen Ansatz Flink für eine Übernahme vorbereitet haben – JET als strategischer Käufer, Triple Point als Finanzier. Dann könnte es zu Verzögerungen gekommen sein. Hatte oder hat JET diese Absicht? Bislang ist das nur Spekulation. In Amsterdam heißt es auf Supermarktblog-Anfrage:

„As per company policy, we never comment on market speculation including M&A activities.“

Und weiter:

„I can confirm JET did not take part in Flink’s funding rounds in 2021 and 2024.“

Die präzise Formulierung lässt freilich Raum für andere Formen der Beteiligung.

Möglicherweise wurde eine vollständige Integration als kartellrechtlich heikel bewertet: Die EU-Kommission hatte die Übernahme von Just Eat Takeaway durch Prosus im Sommer 2025 nur unter strengen Auflagen genehmigt. Zentrale Bedingung war, dass Prosus seine Beteiligung am Konkurrenten Delivery Hero von rund 27 Prozent stark reduzieren und jeglichen Einfluss auf das Management aufgeben muss. Ziel der Kommission war, sicherzustellen, dass Delivery Hero und Just Eat Takeaway als unabhängige Wettbewerber erhalten bleiben.

Turbulenzen im vergangenen Frühjahr

Zwei Interpretationen sind denkbar: Entweder scheut(e) Prosus weitere kartellrechtliche Komplikationen – man würde dann abwarten, bis die Auflagen der Kommission erfüllt sind, bevor man sich an weitere Übernahmen wagt. Oder die kartellrechtlichen Bedenken spielen keine entscheidende Rolle, und Prosus sieht in Flink derzeit schlicht keinen Mehrwert, der eine kapitalintensive Übernahme rechtfertigt.

Was davon zutreffen könnte, lässt sich derzeit von außen nicht beurteilen.

Auf jeden Fall befindet sich der Berliner Quick-Commerce-Pionier schon seit längerer Zeit in einem merkwürdigen Schwebezustand. Und die Ereignisse im vergangenen Jahr deuten zumindest auf zwischenzeitliche Turbulenzen hin: Ende März 2025 lud Flink zu einer außerordentlichen Hauptversammlung ein. Auf dieser sollte Ende April die Ausgabe von Aktien an Führungskräfte beschlossen werden. In der Einladung hieß es, man wolle „einen zusätzlichen Anreiz schaffen“ und die Führungskräfte „langfristig an das Unternehmen binden“.

Das nützliche Amazon-Gerücht

Ungefähr zeitgleich, mit Handelsregistereintrag vom 9. April 2025, folgte der nächste Umbruch: Zwei der Flink-Mitgründer, Christoph Cordes und Oliver Merkel, schieden aus dem Vorstand aus. Julian Dames führt das Unternehmen seither allein.

Die „Lebensmittel Zeitung“ berichtete im Herbst 2025, bei einer früheren Finanzierungsrunde solle es „zum Bruch mit den Gründern gekommen“ sein, als Rewe „für wenig Geld vieles“ haben wollte. Als sich das nicht umsetzen ließ, sei das Rewe-Interesse an Flink „erkaltet“. Inzwischen hat Rewe-CEO Lionel Souque mehrfach öffentlich bekundet, Flink nicht übernehmen zu wollen.

Im Oktober 2025 meldete das „Handelsblatt“ (Bezahl-Text) schließlich, Amazon sei an einem Einstieg bei Flink interessiert. Flink-CEO Dames bestätigte damals, man suche nach Investoren für weiteres Wachstum. Amazon hat bei Quick Commerce nach dem Ende von Prime Now (siehe Supermarktblog) zwar enormen Nachholbedarf und testet derzeit (wieder) ein solches Format in wenigen US-Städten. Ein umfassendes Deutschland-Investment vor der Etablierung im US-Markt wäre strategisch aber äußerst ungewöhnlich.

Profitabel, aber mit Einschränkungen

Die Amazon-Meldung ließ sich deshalb auch anders lesen: als Drohkulisse für bestehende Investoren, zu handeln – oder um Flink im Markt (wieder) interessant zu machen.

Dabei schien das Unternehmen im Alltagsgeschäft zuletzt auf Kurs zu sein. Auf einem Partnership Day im Herbst 2025 präsentierte Flink nach Supermarktblog-Informationen gegenüber Herstellern gute Zahlen. 75 Prozent der Lieferungen würden „gestapelt“, das heißt: mehrere Bestellungen in einer Tour ausgeliefert (23 Prozent zweifach, 44 Prozent dreifach, 8 Prozent sogar vierfach). Pro Hub würden durchschnittlich 350 Bestellungen täglich abgewickelt, die Kommissionierzeit liege bei sieben bis elf Sekunden pro Artikel.

Flink-CEO Dames sagte gegenüber dem „Handelsblatt“: „Seit August sind wir profitabel.“ Auf Supermarktblog-Anfrage präzisiert das Unternehmen nun: Man arbeite „auf EBITDA-Basis auf Konzernebene profitabel“. EBITDA misst die operative Profitabilität vor Zinsen und Abschreibungen – eine gängige, aber geschönte Kennzahl.

Rewe hat direkten Einfluss

Gleichwohl sollten die Flink-Aktionäre im Dezember 2025 laut einer erneuten Einladung zur außerordentlichen Hauptversammlung die Aufnahme eines Wandeldarlehens – mit entsprechenden Zinsverpflichtungen – über bis zu 87,5 Millionen Euro beschließen.

Ein Wandeldarlehen ist ein klassisches Übergangsinstrument: Die Gläubiger können ihre Forderung unter bestimmten Bedingungen in Unternehmensanteile wandeln – oder sind dazu verpflichtet, etwa bei einer neuen Finanzierungsrunde. Es erlaubt Investoren, Geld bereitzustellen, ohne sich auf eine konkrete Bewertung festzulegen.

Das Darlehen könnte Zeit kaufen – bis sich entweder die Lage verbessert oder eine strategische Lösung gefunden ist. Ob Triple Point Capital, spezialisiert auf Venture Debt, beteiligt ist, bleibt unklar.

Auch die Rolle von Rewe bei Flink dürfte wesentlich sein. Der Kölner Handelskonzern hält knapp 20 Prozent an dem Unternehmen und sitzt stimmberechtigt im Aufsichtsrat. Vielleicht lagen die Vorstellungen, für welche Summe die eigenen Anteile abgegeben werden könnten, bislang zu weit auseinander? Oder: Rewe wartet ab – entweder, bis JET übernimmt. Oder bis Flink keine anderen Optionen mehr hat und doch zu einem günstigeren Preis zu haben wäre?

Alles in der Schwebe

Sollten Prosus/JET und Rewe beide nicht (mehr) übernehmen wollen, wäre das für Flink ein Problem: Denn für viele andere potenzielle Käufer – auch Amazon – dürfte das Unternehmen nur mit größeren Umbauten nützlich sein. Die enge Verzahnung mit Rewe (Sortiment, Großhandelsvertrag) und Lieferando (Frequenz) machen Flink für Dritte mäßig attraktiv.

Wer Flink kauft, kauft faktisch die Rewe-Zulieferung und die Lieferando-Partnerschaft mit – ohne Garantie, dass diese Beziehungen Bestand haben. Außerdem wird Rewe sehr gut überlegen, welchen Käufer man zuließe, wenn er via Flink Einblicke in das Kaufverhalten der Kund:innen bekäme.

Die operative Kooperation zwischen Flink und Lieferando läuft derweil weiter – vermutlich, weil es dafür einen längerfristigen Vertrag gibt. Doch die Frage bleibt: Wer wird hier der Boss?

Mit Unterstützung von North Data GmbH.

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