Netto vs. Netto: Wer ist der Ramschigste im ganzen Land?

Netto vs. Netto: Wer ist der Ramschigste im ganzen Land?

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Seit dem Eroberungsfeldzug der Sudokus sind traditionelle Fehlersuchspiele zunehmend aus ihrem natürlichen Lebensraum, dem Rätselheft, verdrängt worden. Um einen Teil zur Rettung dieser selten gewordenen Spezies beizutragen, veröffentlicht das Supermarktblog folgendes Suchbild.

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Okay, okay, das war gemogelt: Es gibt gar keine Fehler. Ein Rätsel ist es trotzdem: Warum leistet sich ein und derselbe Discounter zwei unterschiedliche (aber ähnlich hässliche) Logos?

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Die Antwort: Macht er gar nicht.

Es handelt sich nämlich um zwei voneinander unabhängige Nettos, die zu unterschiedlichen Firmen gehören. Der linke, der sich offiziell „Netto Marken-Discount“ nennt, ist Teil des größten deutschen Lebensmittelhändlers Edeka; der rechte gehört zum dänischen Konzern Dansk Supermarked Group, der vom mecklenburgischen Stavenhagen aus auch Filialen in Deutschland betreibt. Einfach zu unterscheiden ist das trotzdem nicht. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle eine Differenzierung anhand des Maskottchens empfohlen: Der Edeka-Discounter hat keins (mehr), der dänische Netto trägt einen sehr aktiven schwarzen Schnauzer im Logo (was läge näher?). Im Folgenden unterscheiden wir also: „Netto (mit Hund)“ und „Netto (ohne Hund)“.

Genauer geht’s nicht? Doch, doch. Man darf sich dafür nur nicht bei den Discountern selbst erkundigen. Netto-(mit Hund)-Geschäftsführerin und Pressesprecherin Margit Kühn antwortet gar nicht auf die Supermarktblog-Anfrage. Und Christina Stylianou, Pressesprecherin von Netto (ohne Hund) sagt ganz selbstverständlich:

„Wir haben in Deutschland eine einmalige Wettbewerbssituation, bei der es üblich ist, dass in einem Wettbewerbsumfeld mehrere Märkte bestehen. Die ähnlichen Firmierungen von Netto Marken-Discount und unserem Wettbewerber Netto Stavenhagen sorgen dabei kaum für Verwechslungen bei Kunden.“

Klar. Wer wäre denn auch so doof, zwei Lebensmittelmärkte durcheinander zu bringen, die beide denselben Namen tragen, sich für die Grundfarbe gelb entschieden haben und bei der Kundschaft vor allem mit günstigen Preisen punkten wollen?

Ach: Sie? Dann lesen Sie gleich weiter – den Supermarktblog-Netto-Netto-Vergleich!

* * *

Verbreitung

Netto (ohne Hund): in ganz Deutschland. Der Edeka-Discounter ist zwar nicht so groß wie Aldi und Lidl. Aber seit Netto (ohne Hund) vor zwei Jahren Plus gekauft hat (Schnüff) und auf einen Schlag um 2300 Filialen gewachsen ist, hat er sich inzwischen auf Platz 3 im deutschen Discounter-Geschäft vorgedrängelt, direkt an Penny vorbei. Insgesamt gibt es rund 4000 Netto-(ohne Hund)-Filialen. Die Übernahme von Plus ist auch mit Schuld daran, dass sich die gleichnamigen Konkurrenten jetzt überhaupt in die Quere kommen. Vorher gab es nämlich kaum Überschneidungen der Verbreitungsgebiete.

Netto (mit Hund): im Norden und Osten. Im Vergleich zur Konkurrenz ist Netto (mit Hund) viel kleiner: gerade mal 325 Märkte gibt es derzeit in Deutschland (in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt). Jährlich sollen etwa 20 bis 25 dazukommen, heißt es auf der Website des Unternehmens. In diesem Tempo könnte Netto (mit Hund) bereits in 147 Jahren mit seinem Wettbewerber gleichziehen.

Sortiment

Netto (ohne Hund): groß – aber auf kleinstem Raum. Mit seinem Konzept könnte Netto (ohne Hund) jederzeit bei „Wetten dass..?“ auftreten. Statt zehn Leute in eine Telefonzelle oder 20 in einen Kleinwagen würden sich dann eben 3500 Produkte in einen engen Discounter quetschen. Das sind mehr als doppelt so viele wie ein klassischer Aldi im Regal hat (aber immer noch drastisch weniger als zum Beispiel ein Edeka). Das Konzept ist einerseits ein ziemlicher Fluch: weil kaum Vorrat in die Regale passt, der Orangensaft deshalb permanent ausverkauft ist und die Mitarbeiter ständig nachräumen müssen. Andererseits ist die theoretisch größere Auswahl für viele Kunden ein hervorragendes Argument, mal nicht zu Aldi zu gehen.

Netto (mit Hund): rumpelig. Zu Studienzwecken ist das sicher interessant: beim Einkaufen festzustellen, auf wieviele Arten sich Fleisch zerschreddern lässt, um es, mit oder ohne Geleezugabe, in Plastik zu verschweißen und aufeinanderzustapeln. Aber essen kann man das alles nicht – oder? Kühltheken im Netto (mit Hund) sehen im wahrsten Sinne des Wortes aus wie Schlachtfelder. Das ist gut für Kunden, die im eigenen Kühlschrank gerne absurde Lebensmittel sammeln, zum Beispiel „Kasseler Hawai“:

Für alle anderen ist der Dänen-Netto eher ein Lebensmittel-Kuriositätenkabinett, das – angesichts des tiefgefrorenen Salats (drei Minuten in der Mikrowelle auftauen, fertig) – übrigens auch nichttierische Produkte betrifft.

Viel problematischer ist sowieso, dass es ein Großteil der Produkte nur als Resteware gibt, dafür zum Teil in absurden Verpackungsgrößen (für exzessiven Grillgenuss etwa: 1,5 Kilo-Ketchup-Flaschen). Und obwohl im Laden Schilder mit dem Hundemaskottchen hängen, auf denen steht: „Netto ist stolz auf seine dänischen Wurzeln“, hab ich Regale mit spezifisch dänischen Produkte bisher vergeblich gesucht. Eine separate Bio-Linie gibt es nicht, neu im Angebot ist zumindest Bio-Milch der Eigenmarke „Maximum Natur“ (kommuniziertes Kaufargument: „ohne Geschmacksverstärker“, was unschöne Rückschlüsse auf den Rest des Angebots zulässt). Von der gibt es aber auch Gourmet-Pökelfleisch, das eher an den Wildunfall auf einer Landstraße erinnert.

Ramschigkeit

Netto (ohne Hund): durchschnittlich bis groß. Schuld sind vor allem die kleinen Ladenflächen, von denen viele noch aus Plus-Zeiten stammen, auf die Netto (ohne Hund) aber wie gesagt viel mehr Produkte quetscht. In manchen Filialen wurden einfach zusätzliche Regalreihen gestellt. Damit sich die Kunden besser kennenlernen, wenn sie versuchen, sich mit ihren Einkaufswägen in den engen Gängen aneinander vorbei zu drängeln.

Netto (mit Hund): unschlagbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass Netto-(mit Hund)-Läden nachts von blinden, einarmigen Heinzelmännchen eingeräumt werden, liegt bei 98 Prozent. Anders lässt sich das Durcheinander in vielen Filialen nicht erklären. Das fängt damit an, dass scheinbar nichts seinen Platz hat: Der Räucherlachs steht direkt neben dem Joghurt, Leberwurst neben Müsli, Edelsülze und Debrecziner direkt über Germknödeln, Windeln vor Grillanzündern neben Hundefutter. Und die H-Milch schmiegt sich sanft an die Grillbriketts.

Die Botschaft ist klar: Wer beim Einkaufen einzig und allein ans Sparen denkt, weiß sofort, dass es billiger nicht mehr gehen kann. Noch dazu steht die Hälfte der Ladenfläche mit Aktionstischen voll, auf denen wahllos Lebensmittel, Motorenöle, Kunstblumen und Teppiche zusammengeschüttet wurden. Lassen Sie sich doch beim Einkaufen mal inspirieren! So ein mitten im Sommer günstig erworbener Isländisch-Moos-Hustenhonig wird sicher irgendwann mal von großem Nutzen sein.

Ladendesign

Netto (ohne Hund): erwartungsgemäß billig. „Pures Unvermögen“ vermutet Jürgen Siebert vom Fontblog als Ursache für das „Design“ bei Netto (ohne Hund). Zumindest gibt man sich größte Mühe, um jeden Preis den Eindruck zu vermeiden, es gebe eine Art Konzept für den Markenauftritt. Hinzu kommt der eiserne Wille, bloß keinen Cent zuviel auszugeben, damit die Kunden sich wohlfühlen.

Den ehemaligen Konkurrenten Plus zu kaufen, war schließlich schon teuer genug, also hat Edeka einfach möglichst viel beim Umbau der Filialen gespart. Über den Läden hängt nun das Netto-(ohne Hund)-Logo in den Farben Gelb und Rot, auch die Kassenblenden sind entsprechend eingefärbt. Einkaufswägen, Fensterrahmen und Kassentresen leuchten jedoch weiterhin im Plus-Orange. Besser ist, Sie schauen nicht zu lange hin, die Farbkombination reißt Ihnen sonst nämlich augenblicklich ein Loch in die Netzhaut.

Ärgern Sie sich doch stattdessen lieber ein bisschen, dass Netto die sympathischen „kleinen Preise“ abgeschafft hat, und das, obwohl sie sich doch schon fast mit dem neuen Hausherrn angefreundet hatten, wie letzte Relikte an Netto-Filialen mahnend erinnern (siehe Foto).

Netto (mit Hund): nicht vorhanden. Mit dem Dänen-Netto ist es in der Stadt im Grunde genommen wie mit kleinen Waldtieren: man findet sie vor allem in düsteren, feuchten Höhlen – in diesem Fall: Erdgeschossen heruntergekommener Einkaufszentren und Ecklagen, die anderweitig unvermietbar wären. Zugute halten muss man Netto (mit Hund) allerdings: bei Neubauten gibt sich das Unternehmen richtig Mühe und stellt nicht ein überdimensionales Vogelhäuschen nach dem nächsten in die Landschaft wie die Konkurrenz. Dafür gab’s 2010 den Bauherrenpreis 2010 vom Bezirksamt Reinickendorf von Berlin, Abteilung Wirtschaft und Bauen, wahrscheinlich der Oscar unter den Supermarktpreisen.

Drinnen sieht’s dann trotzdem genauso schlimm aus wie in den Höhlen-Läden.

Bonuspunkte

Netto (ohne Hund): Das Bio-Sortiment. Praktischerweise hat Netto (ohne Hund) zu den Plus-Läden eine der etabliertesten Eigenmarken im Discount dazu geschenkt gekriegt: BioBio – noch so ein Abgrenzungsvorteil zur Konkurrenz. Dass man ein Weilchen gebraucht hat, um das zu erkennen, stand neulich ja schon an dieser Stelle. Auf jeden Fall ist die Auswahl der Bio-Produkte einzigartig im deutschen Discount. Zumindest würde der Kunde bei Aldi eher nicht auf die Idee kommen, das Personal zu fragen, in welchem Regal er die Tofu-Bolognese findet.

Netto (mit Hund): Einkaufskörbe! Eine wahre Seltenheit im Discounter (siehe auch: „5 neue Supermarktmythen“). Und Scanner, an denen die Kunden im Laden überprüfen können, wieviel nochmal das Pökelfleisch kostet, um auf den Cent genau einkaufen zu können.

Mit diesen Informationen stehen Sie künftig nie mehr im falschen Netto! Falls Sie da überhaupt stehen. Und natürlich ist die Liste nach unten offen. Wenn Ihnen also noch Ergänzungen einfallen: nur zu!

Fotos: Supermarktblog

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9 Kommentare
  • Der Link zum „Gourmet-Pökelfleisch“ führt leider(?) ins Leere. Nicht, dass ich mir nicht vorstellen könnte, wie ein Wildunfall aussieht, aber mich hat dann doch die Neugier gepackt, wie naturgetreu die Lebensmittelindustrie einen solchen Schauplatz inzwischen nachstellen kann.

  • Apropos Aldi-Vogelhäuschen:
    Was ist da eigentlich unterm Dach? Umbauter Raum… aber auch „was drin“ oder nur Luft und Dämmwolle?
    Sollte es denn wirklich sein, dass jemand festgestellt hat, dass ein Ziegeldach „über 30 Jahre“ schlicht billiger ist als ein Flachdach? (Wenn man Baukosten und Unterhaltskosten plus Wasserschäden zusammenrechnet)

    • Das liegt daran, dass der Text schon drei Jahre alt ist und die Nettos fröhlich ihre Websites durcheinander schmeißen bzw. Seiten löschen.

  • Wenn hier in den Kommentaren schon nur unfunktionable Links bemeckert werden … dann mach ich da doch gleich mal mit: Der Link am Anfang des Textes mit dem ’sehr aktivem‘ Maskottchen (dahinter verbarg sich glaubig der kopulierende Scottie auf dem Bauschild oder der Artikel mit dem Bild) klappt auch nicht mehr.

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