Zu. Viel. Plastik – und was Supermärkte mit ihren Kunden dagegen unternehmen (könnten)

Zu. Viel. Plastik – und was Supermärkte mit ihren Kunden dagegen unternehmen (könnten)

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Von Plastiktüten haben sich einige Handelsketten schon verabschiedet. Schwerer tun sich die Supermärkte mit Alternativen für aufwändige Umverpackungen. Dabei gibt es positive Gegenbeispiele.

Partner und Sponsoren:

„Okay, Erdenmitbewohner. Wir müssen über Plastikmüll reden“, hat Buzzfeed vor kurzem eine Fotokollektion der übelsten Plastikverpackungen aus Supermärkten weltweit anmoderiert. (Klicken Sie hier besser nicht, wenn Sie zumindest einen Teil Ihrer Einkäufe mit Tupperdose oder Mehwerggemüsenetz erledigen – die Bilder könnten Schnappatmung verursachen.)

Und trotzdem scheint sich – langsam, ganz langsam – auch im Lebensmitteleinzelhandel herumzusprechen, dass sich etwas ändern muss.

Plastik- durch Papier- und Mehrwegtüten zu ersetzen war für viele Ketten ein erster Schritt (hierzulande u.a. bei Rewe, Penny, Lidl, Aldi und Real – Edeka und Kaufland lassen auf sich warten). Das ändert aber nichts daran, dass in den Läden immer noch zahlreiche Produkte maßlos überverpackt sind.


Viele Unternehmen beteuern, daran etwas ändern zu wollen: Lidl will seinen Plastikverbrauch in Deutschland um mindestens 20 Prozent reduzieren – bis zum Jahr 2025. Rewe erklärt, man habe es sich „zum Ziel gesetzt, unnötige Verpackungen komplett aus [den] Regalen zu verbannen“ – und nähert sich diesem Anspruch in Tippelschrittchen (bzw. läuft auch mal rückwärts). In den seltensten Fällen dürfte der Wandel so radikal ausfallen wie bei der britischen Tiefkühlsupermarktkette Iceland, die versprochen hat, innerhalb der kommenden fünf Jahre bei seinen Eigenmarken vollständig auf den Einsatz von Plastikverpackungen zu verzichten.

Ärgerlich ist dabei vor allem, wenn viele stolz per Pressemitteilung kommunizierten Initiativen kleine Ewigkeiten im Testmodus stecken bleiben und sich nicht als neue Standards durchsetzen können.

Dabei gibt es positive Gegenbeispiele! Und Alternativverpackungen, die von den großen Supermärkten jederzeit für ihre Eigenmarken eingesetzt werden könnten, um zu demonstrieren, dass sie es im Dienste ihrer Kunden ernst meinen mit der Plastikvermeidung. Ein Update:

Laser-Labeling

Um Obst und Gemüse in Bio-Qualität von konventioneller Ware zu unterscheiden (und an der Kasse korrekt abzurechnen), haben Discounter und Supermärkte Bio lange Zeit in Plastik verpackt. „Smart Labeling“ bzw. „Natural Branding“ machen das überflüssig: Mit der Technik werden Bio-Logos ganz einfach direkt auf die Schale der Früchte gelasert (siehe Supermarktblog). Das ist ungefährlich und kann problemlos mitgegessen werden. (Weil die Technik lediglich Pigmente auf der äußeren Schicht der Schale entfernt.)

Netto (ohne Hund) hat kürzlich angekündigt, das Labeling von Bio-Ingwer auf Bio-Gurken auszuweiten, die deutschlandweit ohne zusätzliche Verpackungen angeboten werden. „In Teilen Bayerns“ teste man die Laser-Logos außerdem auf Honigmelonen. Das ist immer noch eine überschaubare Palette, der Discounter verspricht aber:

„[W]eitere Tests dieser nachhaltigen Kennzeichnung mit sowohl biologisch als auch konventionell erzeugten Obst- und Gemüseprodukten werden folgen.“

Seit dem vergangenen Jahr lässt auch die Rewe Group lasern: In der Testphase waren zunächst Avocados und Süßkartoffeln mit Bio-Logo in rund 800 Rewe- und Penny-Märkten in NRW verfügbar.

Auf Nachfrage erklärt Rewe, das „Natural Branding“ werde weiterhin ganzjährig bei Bio-Avocados (in NRW und Teilen von Rheinland-Pfalz) sowie Bio-Süßkartoffeln (NRW, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland) praktiziert. Allerdings ist die Zahl der Märkte, in denen die Produkte verfügbar sind, mit gerade einmal 330 (Avocados) bzw. 300 (Süßkartoffeln) ziemlich überschaubar. (In der Sommersaison wurden in NRW auch gelaserte Bio-Wassermelonen verkauft.)

Ein Rewe-Sprecher erklärt dazu, man prüfe, wie das „Natural Branding“ ausgeweitet werden könne:

„Die größten Hürden stellen aktuell noch die fehlenden maschinellen Kapazitäten dar, um unseren Mengenbedarf entsprechend auszuzeichnen, und die Tatsache, dass sich längst nicht alle Naturprodukte überhaupt für das Branding anbieten, weil es entweder technisch nicht möglich ist, oder die Qualität und Haltbarkeit darunter leidet.“

(Wobei zumindest die Frage bleibt: Wer, wenn nicht eine riesige Handelskette wie Rewe sollte sonst dafür sorgen können, entsprechende Kapazitäten für die Umsetzung in größerem Maße zu schaffen?)

Noch ein Aspekt dürfte für die Handelsketten entscheidend sein: Die Gravuren dürfen nicht so dezent sein, dass Mitarbeiter an der Kasse sie übersehen – sonst steht die teurere Bio-Ware am Ende doch zum Preis der konventionellen auf dem Bon. Und das wollen die Händler nachvollziehbarerweise vermeiden.

Die zweite Schale

Regelmäßig betonen Supermarktketten, in vielen Fällen nicht auf Verpackungen verzichten zu können, weil sonst der Verderb der Ware beim Transport riskiert werde – und die Ware schlimmstenfalls entsorgt werden müsste, weil die Kunden sie im Laden nicht mehr kaufen wollen.

Das bedeutet aber nicht, dass der Verderblichkeitsschutz unbedingt aus Plastik sein muss. Das amerikanische Start-up Apeel hat eine Schutzschicht für Obst und Gemüse entwickelt, die die Reifung der Früchte deutlich verlangsamt und sie dadurch länger haltbar macht. Die Schicht funktioniert im Grunde wie eine zweite Schale: Wasser bleibt drinnen, Sauerstoff bleibt draußen. Produzenten müssen das von Apeel auf pflanzlicher Basis hergestellte Pulver bloß mit Wasser mischen und die Früchte darin „waschen“. Fertig.


Foto: Apeel Sciences

Apeel beteuert, die Schicht sei farblos, geschmacksfrei, geruchlos und könne theoretisch sogar mitverzehrt werden.

Derzeit kooperiert das Unternehmen mit dem kalifornischen Produzenten Del Rey Avocado, will mit Apeel gewaschene Avocados u.a. in 30 Costco-Märkten in den USA verkaufen und verspricht, dass die Früchte doppelt so lange frisch bleiben. Bei Erfolg könnte das den Absatz von Avocado-Meme-T-Shirts drastisch einbrechen lassen. Aber gewisse Opfer müssen nunmal gebracht werden.

Zurück zum Glas

Nein, es gibt keine Vorschrift, dass Alternativlösungen kompliziert sein müssen, um zu funktionieren. Die österreichische Supermarktkette Spar zum Beispiel kündigte gerade stolz an, Milchprodukte ihrer Bio-Eigenmarke „Spar Natur pur“ nicht mehr in Plastik, sondern in Glas zu verpacken – „ganz nach dem Motto ‚Milch trinken wie früher‘“.


Foto: Spar

Beim Eigenmarken-Eistee war Spar zuerst umgeschwenkt, Ende Mai folgten Bio-Milch und Bio-Joghurts. Die Kette erklärt dazu:

„Hochwertige Inhalte verlangen auch eine besondere Verpackung.“

Kompostierbare Verpackungen

Häufig sind es zunächst kleinere Hersteller, die sich trauen, auf Plastikalternativen umzusteigen – so wie Snact aus Großbritannien, das für seine Fruchtriegel Umverpackungen des israelischen Produzenten Tipa nutzt. Die sollen (trotz ihres knallbunten Designs) vollständig kompostierbar sein, sogar daheim im Garten:

„The innovative film is just as durable and impermeable as ordinary plastic packaging, but unlike other commonly used materials on the market, it biologically decomposes in a home composter (an ordinary compost heap or your local council’s food waste collection) and returns to the natural cycle, behaving just like an orange or banana peel.“


Foto: Snact

Ebenfalls in Großbritannien füllt Troofoods u.a. sein „Super Seedy Granola with Calming Ginger“ seit vergangenem Jahr nicht mehr in Plastikbeutel, sondern nutzt stattdessen die „Earthpouch“ des Produzenten B&G.

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Die sieht genauso aus wie jede andere Knuspermüslipackung, ist laut Hersteller ebenso widerstandsfähig wie die bisher verwendete Lösung und kostet (theoretisch) nicht mal mehr. Vor allem aber ist sie kompostierbar. Nur einen (entscheidenden) Nachteil hat die Sache: Der Inhalt bleibt mit der Bio-Beschichtung nicht mehr ganz so lange frisch wie in der Plastiktasche. „Courier“ zufolge reduziert sich das Mindesthaltbarkeitsdatum von einem Jahr auf sechs Monate.

Dadurch ändern sich die Mengen, die Troofoods vorproduzieren kann. Und das wirkt sich dann doch auf die Produktionskosten aus.

Zumindest dieses Problem könnten größere Hersteller mit den von ihnen benötigten Mengen in den Griff kriegen; aber aller Voraussicht nach reicht es eben nicht, nur Produzenten und Supermärkte in die Pflicht zu nehmen, ihre Verpackungskonzepte zu überdenken. Im Zweifel müssen sich auch Kunden umgewöhnen – indem sie nicht massig Lebensmittel auf Vorrat kaufen. Sondern nur soviel, wie sie auch tatsächlich (ver)brauchen. (Aber: pssst, das sagen wir besser nicht den Handelsketten.)

Titelfoto [M]: Snact/Apeel Sciences/Smb"

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4 Kommentare
  • ich habe auf einer Messe in Köln erfahren, dass schon länger Mars und Snickers-Verpackungen kompostierbar sind. Sie werben nur nicht dafür, weil es um “Industriekompostierung” geht, also einiges langsamer als üblich und sie deshalb Reklamationen vermeiden wollen

  • Es ist hier auch zwischen Bauchgefühl und Ökobilanz zu unterscheiden, leider scheint es für den Handel letztlich nur um PR zu gehen.

    So Glas verdammt energieintensiv in Transport und Recycling. Tetrapak oder Schlauchverpackungen aus Kunststoff können hingegen sortenrein erfasst und recycled werden, Dank des geringen Gewichts mit kleinem Energieaufwand.

    Dito die alte Geschichte mit der Plastiktüte, sogar Umweltverbände bevorzugen eindeutig die Mehrweg-Plastikbeutel gegenüber den sowohl empfindlicheren, als auch mit größerem ökologischem Fußabdruck herzustellenden, Jutebeuteln.

    Alle wollen jetzt plötzlich Lebensmittel ohne Konservierungsstoffe und mit wenig Verpackung. Wenn dadurch aber wieder mehr Lebensmittel durch Transport oder Verderbnis für die Katz angebaut würden, so ist das auch zu berücksichtigen.

    Es kommt immer wieder darauf zurück, dass Plastik nicht das Problem ist, wohl aber das Recycling. Und wie das zu lösen ist hat das Pfand gezeigt. Einweg PET Flaschen liegen nirgendwo mehr herum, höchstens bis ein Flaschensammler sie gefunden hat.

    Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das mit einem Pfandsystem auf Verpackungen nicht so wäre, wie man das auch immer im Detail ausgestaltet.

    Aber das ist für den Handel mehr Aufwand, daher macht er genau das nicht. Der Gesetzgeber schläft ebenso. Aber solange wir uns alle besser “fühlen”, mit Verbot von Plastiktüten oder Strohhalm…

  • Habe mir mal die verlinkte Buzfeed Fotosammlung angesehen und kann erfreut feststellen, dass ich nicht eine derartige Verpackung bei uns in einem Supermarkt gesehen habe. Überhaupt ist mein Eindruck, dass wir in Deutschland schon ziemlich weit vorne sind, was den Verpackungsmüll im Lebensmittelhandel betrifft.
    Und: man sollte Kompromisse konzentrieren. Ich kann absolut nachvollziehen, dass Smart Labeling aus diversen Gründen schwierig umsetzbar ist. Vielleicht konzentrieren wir hier verschwendete Energie eher auf machbares. Zum Beispiel könnten die Containerschiffe und LKWs, die uns u.a. die hier oft zitierten Avocados nach Deutschland bringen, erst einmal auf saubere Energie umgestellt werden.

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