Modernisierung oder Werte-Widerspruch? Bio Company testet To-Go-Mahlzeiten und Selbstbedienung für Backwaren

Modernisierung oder Werte-Widerspruch? Bio Company testet To-Go-Mahlzeiten und Selbstbedienung für Backwaren

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Geht das gut, wenn sich sich der Bio-Fachhandel Konzepte abguckt, die bei der konventionellen Konkurrenz schon funktionieren?

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Um verstärkt Käufer:innen von Bio-Lebensmitteln zu gewinnen, bedienen sich klassische Supermärkte und Discounter seit einiger Zeit großzügig bei den Strategien des Bio-Fachhandels – und kopieren diese für die eigenen Märkte (siehe Supermarktblog). Bio Company, mit 57 Filialen in Berlin und Brandenburg die größte unter den Regional-Biomarktketten, testet nun, ob das auch umgekehrt funktioniert: Indem sich der Fachhandel das abguckt, was bei den Konventionellen schon funktioniert.

Seit kurzem verkauft Bio Company unter dem Namen „Take it easy“ fertige Sandwiches, Gemüse-Bowls, Salate und Desserts zum Mitnehmen. Das „Bio-Proviant für unterwegs“ ist Eigenmarken wie Rewe to go nachempfunden und steht bislang in den Kühltheken von sieben Berliner Märkten.

Bio Company wirbt damit, dass alle Gerichte aus „hochwertigen und veganen Bio-Zutaten“ produziert werden („natürlich und easy“). Hersteller ist die Biomanufaktur Havelland.

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Gleichzeitig heben sich die Rezepturen deutlich von dem ab, was der klassische Lebensmitteleinzelhandel als Sofortessen verkauft. Angeboten werden z.B. Süßkartoffelsalat mit Jackfrucht-Bällchen, eine Protein Bowl mit Tempeh, Hirse, Avocado, Spinat, Tahin und Walnüssen und eine Linsen-Curry-Bowl. Dazu gibt es einen Mediterranen Wrap mit Cashew-Frischcreme, ein Kichererbsen-Sandwich mit Staudensellerie und Algen-Aufstrich, Blumenkohl-Sellerie-Suppe und Kakao-Creme mit Avocado. Wer lieber einen einfachen Salat mag, kriegt den aber auch.

Alle Gerichte werden bis Ende September als „Probier-Angebot“ zwischen 3,99 und 6,95 Euro verkauft. Regulär will Bio Company anschließend bis zu 8,95 Euro für die „Take it easy“-Gerichte aufrufen – das dürfte am oberen Rand dessen liegen, was Kund:innen für eine Mittagsmahlzeit aus dem Supermarkt auszugeben bereit sind.

Bio-Brot zum Selbsteintüten

Eine weitere Neuerung betrifft die Bedientheken für Backwaren, die in den meisten Bio-Supermärkten mit Produkten unterschiedlicher Bäckereien und Partner gefüllt werden. Testweise verlagert Bio Company nun einen Großteil dieses Angebots in die Selbstbedienung.

Dafür hat die Kette Brötchenknasts in zwei Filialen integriert. Dort können bzw. müssen Kund:innen sich frische Brötchen und Brote nun selbst herausnehmen. Belegte Brötchen, Snacks, Kaffee und Kuchen werden weiterhin in Bedienung an der verkürzten Theke verkauft – mit direktem Anschluss an das SB-Regal.

Damit finden die im Discount etablierten und von Supermärkten adaptierten SB-Regale langsam auch Einzug in den Bio-Fachhandel – auch Wettbewerber Alnatura testet in seiner Filiale am Leipziger Hauptbahnhof bereits, wie das bei den Kund:innen ankommt (siehe Supermarktblog).

Damit geben die Händler freilich ein Stück der Beratungskompetenz ab, auf die man sich in der Branche sonst gerne zur Unterscheidung beruft. Gleichzeitig dürften sich durch die Selbstbedienung für häufig gekaufte Backwaren Warteschlangen vermeiden lassen, weil die allermeisten Kund:innen nicht mehr für ein Brötchen oder ein Brot anzustehen brauchen. (Es sei denn, sie tun das doch noch, um sich z.B. das richtig Brot empfehlen zu lassen.) Dafür müssen Brote nun an der integrierten Brotschneidemaschine selbst geschnitten werden.

Die Neuerungen sind Chance und Risiko zugleich: Einerseits dockt Bio Company damit an Gewohnheiten an, die Kund:innen aus Supermärkten und Discountern kennen und adaptiert sie für das eigene Klientel.

Andererseits könnten viele Bio-Stammkäufer:innen diese Annäherung auch kritisch beurteilen – weil sie nicht so recht zu der sonst kommunizierten Strategie passt. Auch Bio Company hat sich die Vermeidung von Verpackungsmüll groß auf die Fahnen geschrieben und wirbt über seine Kanäle für entsprechende Initiativen: beim Obst- und Gemüsekauf, an der Frischetheke, durch Nachfüllstationen („Unser Engagement gegen Verpackungsmüll“). Wie erfolgreich man damit sei, „hängt nicht zuletzt davon ab, ob Sie als Kund*innen das Angebot annehmen und an dieser Stelle Verpackungsmaterial bei Ihrem Einkauf einsparen!“, kolumnierte Bio-Company-Geschäftsführer Georg Kaiser im vergangenen Jahr.

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Mehr Müll, aber gutes Gewissen?

Die „Take it easy“-Gerichte produzieren jedoch zwangsläufig zusätzlichen Müll; auch wenn die Handelskette auf der Verpackung der Gerichte vorsorglich darauf hinweist, dass diese „aus nachwachsenden Rohstoffen“ bestehen:

„für doppelte Freude am Produkt und einen möglichst kleinen CO2-Fußabdruck. Also lehn Dich mit gutem Gewissen zurück und Take it Easy“.

Noch besser könnte das Gewissen freilich sein, wenn Bio Company die Innovationsfähigkeit, die man in der Bio-Branche sonst ebenfalls gerne für sich in Anspruch nimmt, beschworen hätte – und die neuen Mahlzeitenangebote von vornherein mit der Einführung eines Mehrwegbehälter-Angebots kombiniert hätte, ähnlich wie Coop in der Schweiz.

Noch interessanter dürfte sein, wie Bio Company seinen Kund:innen erklären will, warum man einerseits für Plastikreduktion wirbt, an den Brötchenknasts aber wie im Discounter Einweghandschuhe zur Entnahme der Produkte und Papiertüten mit Foliensichtfenster zum Transport anbietet. Das war bislang durch die Thekenbedienung so nämlich nicht notwendig.

Auf Supermarktblog-Anfrage möchte sich Bio Company nicht konkreter zu den Neuerungen und den Plänen für eine mögliche Ausweitung äußern. Eine Sprecherin erklärt, es handele sich „um Testprojekte“:

„Wir bitten um Verständnis, dass solange uns hier noch keine Auswertungen vorliegen, wir dazu auch keine weiteren Aussagen treffen können.“

Bioketten müssen sich bewegen

In jedem Fall kommen die Tests zu einem hochinteressanten Zeitpunkt. Das liegt zum einen daran, dass der konventionelle Handel – wie erwähnt – den Bio-Fachhändlern einen Teil ihrer bisherigen Alleinstellungsmerkmale albgespenstig macht. Lidl arbeitet seit diesem Jahr mit dem Anbauverband Bioland zusammen, um seiner Kundschaft hochwertigere Bio-Produkte anzubieten.

Der Branchenkenner Klaus Braun findet, dass es „natürlich zu begrüßen [ist], wenn in allen Vertriebswegen Lebensmittel aus ökologischem Anbau angeboten werden“. Wie Braun im Fachmagazin bio-markt.info schreibt, glaubt er aber auch, dass diese Allianz (und alle, die darauf folgen) Konsequenzen für den Markt haben wird:

„Am stärksten gefährdet von dieser Entwicklung sind meines Erachtens die filialisierten Biomärkte, die als zentral gesteuerte Regiebetriebe systembedingt am weitesten entfernt sind von einer persönlichen, individuellen, Vertrauen, Wohlgefühl und ‚Heimat‘ gebenden Einkaufsstätte.“

Er meint: Handelsketten wie Bio Company – die deshalb quasi gezwungen sind, sich ebenfalls weiterzuentwicklen.

Wie konventionell darf Bio sein?

Gleichzeitig eskaliert in der Branche gerade die Diskussion darüber, wie sehr es den kleinen Bio-Fachhändlern schadet, wenn die großen Bio-Ketten immer stärker so agieren wie die Händler, von denen sie sich ursprünglich abgrenzen wollten (siehe dazu auch diese Supermarktblog-Analyse). Vor einigen Wochen publizierten die Betreiber:innen des Berliner Biomarkts bioase44 einen „Offenen Brief“ an die Branche, in dem sie mangelnde Solidarität mit den kleinen Fachhändlern beklagen, die sich zunehmend an den Rand gedrängt fühlen – insbesondere, weil Ketten wie Bio Company, Alnatura und denn’s ihnen mit Neueröffnungen in der Nähe die Kundschaft streitig machen (PDF lesen).

(Die Geschäftsführer der Bio-Handelsketten haben die Argumente bislang eher halbherzig zu entkräften versucht.)

Die Autor:innen des Offenen Briefs schreiben:

„Wenn wir aus Angst vor dem konventionellen Lebensmittelmarkt unsere Werte verlieren und die gleichen Mechanismen anwenden, haben wir aus unserer Sicht bereits verloren. Dann gibt es nichts mehr, was uns unterscheidet.“

Die (vermutlich notwendigen) Bestrebungen der Bio-Supermarktketten, sich erfolgreiche Konzepte bei klassischen Supermärkten und Discountern abzugucken, dürften diese Diskussion noch zusätzlich verschärfen.

Mehr zu den Umwälzungen in der Bio-Branche steht in den kommenden Wochen hier im Blog.

Mehr zum Thema:

Fotos: Supermarktblog

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1 Kommentar
  • wobei es spannend ist, ob Die Kunden wirklich 8,95 nicht als deutlich zu teuer ansehen
    hier in Köln kriegt man für denselben Preis ein Business-Lunch in einem guten Restaurant.
    Aber vielleicht haben die Berlin-Mitte Bewohner nachdem die durch den Mietendeckel ab 2020 nur noch 6 Euro pro QM für ihren Altbau zahlen müssen,so viel Geld um diese Produkte zu kaufen.

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