Hermes killt Liefery und verabschiedet sich als nächster Dienstleister aus der Lieferung frischer Lebensmittel

Hermes killt Liefery und verabschiedet sich als nächster Dienstleister aus der Lieferung frischer Lebensmittel

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Hermes hat bekannt gegeben, seine auf moderne Zustellmethoden spezialisierte Logistik-Tochter Liefery dicht zu machen, und künftig im Zweifel auf deren Geschäftskundschaft verzichten zu wollen.

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Wo Kund:innen online bestellen, hängt in der Regel von mehreren Kriterien ab: Preis und Warenverfügbarkeit natürlich, aber auch Gewöhnung, die Verlässlichkeit des Anbieters – und zunehmend: welches Transportunternehmen die Ware nachhause bringen soll. Vielleicht geht’s Ihnen anders, aber: Wenn ein Händler mir die Zustellung ausschließlich mit Hermes, dem Transportdienstleister der der Otto Group, anbietet, dann ist das ein Grund für mich, dort nicht zu bestellen. Weil die Zustellung dauert. Und es wahrscheinlich Probleme geben wird.

Bei der Hermes-Tochter Liefery war’s bislang genau andersherum. Zwar haben die allerwenigsten Händler direkt kommuniziert, dass sie Ware mit dem vor sechs Jahren gegründeten Logistik-Start-up versenden – die Lieferung noch am selben oder am nächsten Tag war in einer Stadt aber meist schon ein gutes Indiz dafür. Und für mich ein Grund, zu bestellen, weil ich wusste: Das kommt an wie versprochen.

Am vergangenen Freitag hat Hermes beschlossen, Liefery dicht zu machen. Der „Marktaustritt“ erfolge Ende Februar des nächsten Jahres, heißt es in einer Pressemitteilung.


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Schock für Mitarbeitende und Geschäftskunden

Jochen Krisch gibt sich bei Exciting Commerce „nicht so wirklich“ überrascht – und dem mag man sich vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache anschließen, dass Hermes auch sonst schon oft katastrophal unzuverlässig im Markt agiert. (Als Mieter in einer Berliner Erdgeschoss-Bürogemeinschaft weiß ich aus langjähriger Erfahrung, wovon ich rede.)

Die Entscheidung ist – so kurz vor Weihnachten – nicht nur höchst bedauerlich, sondern auch nicht ganz frei von Ironie, weil Hermes seine eigene Überforderung selten so anschaulich zu demonstrieren versteht wie in den Wochen vor Heiligabend. Das „Handelsblatt“ berichtete am Wochenende, den Mitarbeiter:innen von Liefery habe nach Bekanntgabe des Entschlusses „das blanke Entsetzen“ im Gesicht gestanden. 170 feste Jobs fallen weg. Die beiden Liefery-Gründer und CEOs, Nils Fischer und Jan Onnenberg, verlassen das Unternehmen.


Foto: Liefery

Das Aus ist aber auch ein ziemlicher Schock für regelmäßige Liefery-Geschäftskunden, zu denen u.a. der Kochboxversender Hellofresh und der Modeanbieter Asos gehören. Liefery hatte sich von Anfang an darauf spezialisiert, Kund:innen ihre Bestellungen dann vorbei zu bringen, wenn die (vor allem zu Nicht-Pandemie-Zeiten) auch wirklich zuhause sind: morgens und in den Abendstunden.

Lebensmittelzustellung im Fokus

Erst diesen Monat war in Kooperation mit dem E-Mobility Unternehmen Onomotion ein Pilotprojekt für die emissionsarme Zustellung von Paketen und größeren Lieferungen mit fünf E-Cargobikes im Ballungsraum Berlin gestartet.

Zuletzt hatte sich Liefery außerdem stärker auf die Auslieferung frischer Lebensmittel fokussiert, die bereits ein Viertel der Zustellungen ausmachten. (Kochboxen mitgerechnet waren es rund 50 Prozent.) Auch Rewe kooperiert seit mehreren Jahren mit dem Start-up, um Kund:innen z.B. bei bei Nachfrage-Peaks weitere Lieferzeitfenster anbieten zu können. (Meine letzten Rewe-Online-Einkäufe kamen durchweg mit Liefery.)

Die „Lieferung von Frischeprodukten“ wolle man bei Hermes in Deutschland nach der Abwicklung von Liefery „nicht weiter fokussieren“, kündigte die Otto-Tochter in ihrer Mitteilung an – und folgt damit DHL, das dieselbe Entscheidung bereits im Sommer des vergangenen Jahres getroffen hatte (siehe Supermarktblog), als man sich u.a. bei Amazon Fresh zurückzog.

Noch im Mai dieses Jahres hatte Liefery-CEO Nils Fischer im Supermarktblog-Gespräch gesagt:

„Wir kommen jetzt glaube ich in eine Phase, in der der Versand von frischen Lebensmitteln deutlich öfter genutzt und in der Öffentlichkeit auch viel breiter akzeptiert wird als bisher.“

Konsolidierung mit der Paketzustellung

Auch Hermes muss einräumen, dass es „vor allem in diesem Jahr eine steigende Nachfrage zu verzeichnen“ gab. Allerdings seien „die Margen für Hermes als reinem Logistikdienstleister (…) in diesem niedrigpreisigen Produktsegment (…) so gering, dass eine Profitabilität auch mittelfristig nicht gegeben sein wird“.

Das ist vor allem deshalb ein Hohn, weil Liefery eine Lösung gefunden zu haben schien, besagte Profitabilität künftig durchaus gewährleisten zu können – und zwar durch die Konsolidierung der Lieferung frischer Lebensmittel mit der regulärer Pakete. Im Supermarktblog-Gespräch hatte Friedemann Nierhaus, Director Strategy & Business Development bei Liefery, vor wenigen Monaten erklärt, dass bereits alle Standorte auf das neue Modell umgestellt worden seien:

„Für uns macht es im prozessualen Ablauf keinen Unterscheid mehr, ob wir ein Paket von Asos oder eine Thermobox von Real ausliefern.“

Liefery könne so vergleichsweise günstige Zustellpreise pro Sendung anbieten, sagte Nienhaus, „weil wir auf einer Tour die Lieferungen mehrere Anbieter kombinieren – und nicht nur für einen einzigen frische Lebensmittel durch die Stadt fahren.“ (Wie es die „reinen Logistikdienstleister“ lange praktiziert haben.)„Wenn dann noch das reguläre Paketgeschäft obendrauf kommt, das ebenfalls wächst, lassen sich die Touren sehr viel besser auslasten.“

(Das hat im Zuge seiner eigenen Logistikambitionen bislang nicht mal Amazon hinbekommen.)

Pläne für Picking von Online-Einkäufen

Mehr noch: Um der durch Corona deutlich gestiegenen Nachfrage im Markt für Liefer-Lebensmittel gerecht zu werden, hatte Liefery zuletzt die Absicht geäußert, für Handelskunden außer der Zustellung auch das Picking von Online-Bestellungen in Läden übernehmen zu können, um mehr Kapazitäten zu schaffen.

Turbulenzen im Markt dürften einen Praxisbetrieb des Konzepts zuletzt hinausgezögert haben: Im Zuge der Übernahme durch Kaufland hatte Real.de seinen Lebensmittelshop eingestellt und die Lieferung an Kund:innen vollständig gestoppt (siehe Supermarktblog). Eine Wiederaufnahme durch Kaufland scheint derzeit unwahrscheinlich. Kürzlich setzte dann auch noch das Münchner Liefer-Start-up Getnow nach einer gescheiterten Finanzierungsrunde seine Geschäfte aus.

(Nur zur Erinnerung: All das passiert gerade in einem Markt, in dem die verbliebenen Anbieter nach wie vor regelmäßig nicht ausreichend Lieferzeitfenster anbieten können, um die gestiegene Nachfrage zu decken.)

Finanzinvestor Advent redet bei Hermes mit

Dass Hermes nun bei Liefery den Stecker zieht, dürfte folglich auch andere Gründe haben als die in der Mitteilung genannten. Das Unternehmen hatte das Start-up „wohl zunehmend als Konkurrenz im eigenen Haus empfunden“, vermutet das „Handelsblatt“. Und nachdem Eigentümer Otto zuletzt 25 Prozent von Hermes Germany an den Finanzinvestor Advent verkauft hatte, soll vermutlich gespart werden – selbst wenn dafür zukunftsweisende Unternehmensteile abgestoßen werden. Dass Liefery 2020 operativ profitabel arbeiten sollte, reichte in Hamburg als Argument wohl nicht aus.

Gleichwohl scheint Hermes um jeden Preis verhindern zu wollen, dass Liefery unter einem neuen Besitzer weiter am Markt agieren könnte: Laut „Handelsblatt“ hätten Kunden überlegt, „die Dienste von Liefery zu übernehmen und in Eigenregie weiterzuführen“. Dafür habe es aber „auf Seiten von Hermes kein Entgegenkommen gegeben“.

Kundschaft? Ach, egal

Zugleich bekräftigte eine Hermes-Sprecherin, dass man bisherigen Liefery-Kunden keine klare Zusage für eine Übernahme deren Aufträge innerhalb der Gruppe machen könne („Stand heute können wir dazu noch keine abschließende Aussage treffen“).

Das muss man sich mal vorstellen: ein Unternehmen, das einem Teil seiner Geschäftskunden offen gegenüber kommuniziert, dass es wahrscheinlich keinen Bock mehr auf sie hat, sich das aber vielleicht nochmal überlegt. Sowas ist aktuell auch nur im deutschen Logistikmarkt möglich, der immer noch von den Giganten der Urzeit beherrscht wird, die nicht merken, dass der Asteroid bereits Kurs auf sie genommen hat.

DHL & Co. sind der Ansicht, dass sich die Kund:innen halt fügen sollen. Es ist unwahrscheinlich, dass das dauerhaft so bleibt. Nicht nur, weil Amazon dem entgegen arbeitet. Sondern auch, weil zunehmend mehr Unternehmen an den Punkt geraten, an dem sie sich überlegen müssen, ob sie ihren geschäftlichen Erfolg wirklich langfristig an Logistikpartner binden wollen, die eben diesen mit Unzuverlässigkeit und Borniertheit gefährden.

Baut sich Hellofresh jetzt eine eigene Flotte?

Wie Amazon diese Frage für sich beantwortet hat, ist klar. Hellofresh ist als nächstes dran: Durch Corona sind die Umsätze des Kochboxen-Versenders in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Möglicherweise bleibt dem Unternehmen wenig anders übrig, als künftig selbst dafür zu sorgen, dass die (derzeit wieder stark als Alternative zum klassischen Lebensmitteleinkauf beworbenen) Boxen rechtzeitig den Weg zu ihren kochenden Empfänger:innen finden.

Im europäischen Ausland hat Hellofresh bereits eine eigene Lieferflotte aufgebaut. Der deutsche Markt könnte als nächstes dran sein. Und was spräche mittelfristig dagegen, mitsamt der Kochboxen auch Pakete befreundeter Handelsunternehmen zuzustellen, um Lieferkosten zu senken?

Mag sein, dass Hermes durch die Selbstsabotage kurzfristig dafür sorgt, dass ihr im Markt kein neuer Konkurrent aus dem eigenen Haus erwächst. Das Know-How, das man mit Liefery gehen lässt, dürfte an anderer Stelle jedoch äußerst gefragt sein. Und wird allen, die sich als Logistikdienstleister einer vergangenen Zeit behaupten wollen, noch ziemliche Kopfschmerzen bereiten.

Titelfoto: Liefery, Fotos: Supermarktblog"

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9 Kommentare
  • Ich habe bis zu seiner Einstellung sehr häufig den real Lebensmittellieferdienst benutzt. Auch hier erfolgte die Ausbringung der bestellten Sachen durch Liefery. Ich habe diesen Lieferservice als absolut zuverlässig erlebt. Nie kam etwas zu spät, immer waren die Zusteller freundlich und hilfsbereit.

    Der Real Lieferdienst für Lebensmittel war zwar kein großes Unternehmen, in Betracht auf den Gesamtmarkt der Lebensmittellieferdienste, aber dennoch, durch den Wegfall von Real als großen Kunden für Liefery, wird sich dort die Einnahmesituation weiter verschlechtert haben.

    Und ja, mir ist auch als Kunde durchaus bewusst, dass Liefer rie beziehungsweise real bei den relativ geringen Lieferkosten und dem gleichzeitig relativ hohen Aufwand nie wirklich schwarze Zahlen schreiben konnten.

  • Während Amazon Logistics an der Haustür klingelt, versendet DHL eine E-Mail mit einem möglichen Zustelltermin. Hermes versendet nichts, die wissen von keiner Sendung.
    Welches Unternehmen das bald verfügbare Wissen einkauft, ist eigentlich absehbar.
    Der Ausbau von Abholstationen, anstatt neuer Lösungen, zeigt den Zerfall eines selbstgefälligen Unternehmen.

  • Wenn ich sehe, wie viele Anbieter aus dem angeblichen Hypemarkt „Online-Lebensmittel“ in Deutschland verabschieden, muss ich mir doch die Frage stellen: Lohnt sich das in Deutschland wirklich nicht oder wird der Markt künstlich kaputt gemacht (z.B. mit der Einstellung der real-Lebensmittellieferung)?
    Ich tendiere, außerhalb von Großstädten, tatsächlich zu Ersterem, wenn es um Lebensmittel des täglichen Bedarfs geht.

  • WHY!
    WHY gibt es hier im Blog keine Suchfunktion oder warum hat der neu eröffnete Aldi in der Wilmersdorfer keine Veggieprodukte?
    Wir sollten, glaube ich, Lebensmittel einfach selber anbauen und dazu noch ein paar Schafe halten.

    • Die Suchfunktion steht mit dem Archiv in der Seitenleiste bzw. in der Mobilversion unter den Kommentaren.

    • Jein. Wenn ich einen Beitrag aufrufe, dann ja, nicht wenn ich nur die Übersichtsseite aufrufe, dachte das wäre global impementiert.

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