Alle Texte von Peer Schader

In Australien stellt sich Aldi selbst auf den Kopf

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Dass sich der Wasserstrudel in der Badewanne in Australien anders herum dreht als bei uns, ist ein Mythos. Weil die oft dafür verantwortlich gemachte Corioliskraft zwar auf Luftströme wirkt, aber in emaillierten Badezimmerarmaturen kaum was zu melden hat. Wieder anders verhält es sich mit deutschen Discountmärkten, die auf der nördlichen Halbkugel eher schlichtheitsgeprägt sind, während sie auf der südlichen in exakt die andere Richtung drehen.

Oder hätten Sie auf den ersten Blick erkannt, dass oben auf dem Foto ein australischer Aldi-Markt zu sehen ist?

Seit dem Jahr 2001 ist die Discountkette auf dem Kontinent aktiv, um den Wettbewerbern Coles und Woolworth (das dort eine Lebensmittelkette ist) das Geschäftsleben schwer zu machen. Damit das künftig noch ein bisschen besser gelingt, wurden in den vergangenen Monaten vier Testmärkte an der Ostküste eröffnet, die zum Teil deutlich schicker aussehen als die bisherigen Filialen und zugleich ein breiteres Sortiment anbieten.

Aldi Australia erklärt:

“Das neue Ladendesign verbessert die Führung durch den Laden und den Zugang zu frischen Produkten und konzentriert sich auf eine bessere Präsentation des Sortiments und die Wartezeiten an der Kasse.”

(Gemeint sind natürlich: kürzere Wartezeiten.)

In Grundzügen ist das typische Aldi-Design zwar immer noch zu erkennen (die Fliesen! die schrecklichen Neonröhren!).

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Den wesentlichen Unterschied macht aber die stärkere Fokussierung auf gekühlte Produkte und frische Backwaren aus, denen Aldi einen eigenen Brötchenknast spendiert hat. Außerdem werden Obst und Gemüse nicht mehr so spartanisch auf Paletten in die Läden geschubst. Es gibt mehr Licht, mehr Gourmet-Artikel, mehr Marken, mehr Kassen. (Zum Vergrößern das Bild anklicken.)

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Und das australische news.com.au weiß auch, warum: Aldi Australia hat marktforschen lassen, welche Kunden in die Läden kommen, und herausgefunden, dass nur 30 Prozent aus “low-income households”, also Haushalten mit niedrigem Einkommen, stammen (solche mit weniger als 45.000 australischen Dollar Jahreseinkommen, knapp 32.000 Euro). Alle anderen Aldi-Kunden müssen gar nicht so sehr aufs Geld achten, kommen aber trotzdem regelmäßig. Die Zahl der “High-income shoppers” (über 90.000 australische Dollar) hat seit 2011 gar um 6,7 Prozent zugenommen.

Aldi hat versprochen, die Preise niedrig zu halten, sieht aber seine Chance, mit weniger spartanischen Läden noch mehr Kunden zu sich zu locken, die bisher vielleicht bei der Konkurrenz einkaufen gegangen sind. Und denen öfter mal was zu verkaufen, das sich für Aldi ein bisschen mehr lohnt.

Damit folgen die Australier dem Trend, der in Deutschland allenfalls zaghaft zu erkennen ist, einem langsamen Abschied vom reinen Massengeschäft. In den beiden Aldi-Regionen kommen zwar immer mehr Markenprodukte und Gourmet-Artikel ins Regal, ganz so schrecklich wie früher sind die Läden auch nicht mehr. Vor allem im Norden waren die Umbauten aber eher der Not geschuldet, keine Kunden zu verlieren anstatt neue zu gewinnen.

In Lübeck hat Aldi Nord 2012 einen “Pilotmarkt” eröffnet, der deutlich von den übrigen Läden abweicht: mit breiter Glasfront, hohen Decken und viel Tageslicht im Laden.

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Auch Aldi Süd leistet sich die ein oder andere Designfiliale.

Aber dabei ist es – vermutlich aus Kostengründen – im Wesentlichen geblieben. (Oder haben Sie auch so einen schicken Aldi in die Nähe gebaut bekommen? Dann schreiben Sie’s doch bitte in die Kommentare!)

Solange Marktanteile und Umsätze stimmen, gibt es für den Discount-Anführer hierzulande keinen Grund, unnötig Kraft und Kohle für Innovationen aufzubringen. Im Ausland allerdings, nicht nur in Australien, ist Aldi sich selbst schon um Meilen voraus.

Fotos: mit freundl. Genehmigung v. Aldi Australia/Creation.io (3), Supermarktblog

Wie BackWerk sein Aufbackrevier an die Discounter verlor (und trotzdem erfolgreich ist)

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Manche Geschäftsmodelle halten eine Ewigkeit. Andere nur so lange, bis Aldi und Lidl sie für sich entdecken. BackWerk-Geschäftsführer Karl Brauckmann sagt:

“Als die großen Discounter erstmals in eigene Backstationen investiert haben, gab es hier bei uns richtig Alarm. Wir wussten, dass sich das Kaufverhalten vieler Kunden dadurch wesentlich verändern könnte.”

Weil die meisten ihre Aufbackbrötchen dann beim Discounter kaufen würden – und viel seltener bei SB-Bäckern wie BackWerk, das nach der Gründung im Jahr 2001 lange Jahre als größter Feind der klassischen Bäckerien galt. Dabei war die Franchise-Kette bloß eine Zwischenstufe.

Heute werden in den inzwischen 330 Filialen zwar immer noch Backwaren verkauft. Aber hauptsächlich solche, die belegt, überbacken und gefüllt sind. Mit Schinken, Käse, Putenbrust, Buletten. Discounter und Supermärkte haben das Aufbackrevier mit ihren Brötchenknasts für sich erobert und die Billigbäcker fast überflüssig gemacht. Die hatten zwei Möglichkeiten: entweder aussterben – oder sich neu erfinden.

BackWerk hat sich für Letzteres entschieden. Rund 80 Prozent der Waren, die heute verkauft werden, sind Snacks. Und anstatt billig Brötchen in Tüten zu schaufeln und dann wieder zu verschwinden, wollen sich die Leute heute hinsetzen und einen Kaffee zum belegten Brötchen trinken. Brauckmann sagt: “Die Kunden haben ganz andere Erwartungen als vor fünf Jahren.” Die Filialen werden größer und moderner. Giganten wie McDonald’s kriegen neue Konkurrenz.

Wie BackWerk den Discountern ausgewichen ist, und was das mit dem Fast-Food-Konsum der Deutschen zu tun hat, hab ich für Krautreporter aufgeschrieben:

“Unser täglich Schnitzelbrötchen”.

Foto: BackWerk

Sind die Supermärkte geliefert, wenn Amazon Fresh nach Deutschland kommt?

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Mit der Ankündigung, Amazon könnte in Deutschland einen eigenen Zustellservice aufbauen, hat die “Wirtschaftswoche” gerade eine kleine Meldungslawine ausgelöst. Dabei gibt es eigentlich gar nichts Neues zu berichten. Die “WiWo” hat bloß bei Amazon nachgefragt, keine Auskunft erhalten und schreibt deshalb: “Amazon äußert sich dazu nicht, dementiert die Pläne aber auch nicht.” Aus dem Nicht-Dementi wird dann eine Quasi-Bestätigung, z.B. bei t3n.de unter der Überschrift: “Amazon attackiert DHL: Jeff Bezos plant eigenen Zustelldienst”.

Dabei ist die grundlegende Logik der “WiWo” natürlich nicht falsch, weil sie die Spekulationen fortspinnt, Amazon könnte mit seinem Lebensmittel-Lieferdienst Fresh nach Europa kommen:

“Branchenkenner schätzen, dass Amazon Fresh noch in diesem Jahr in Deutschland startet. Auf dem Frische-Lieferdienst könnten die Amerikaner dann einen klassischen Paketdienst aufbauen.”

“Branchenkenner” schätzen aber nicht nur. Sie sind sogar ziemlich in Alarmstimmung. So wie Rewes Chief Digital Officer Jean-Jacques van Oosten, der im vergangenen November bei seinem Vortrag auf der Londoner Noah-Konferenz ziemlich konkret wurde:

“We expect them [Amazon Fresh] to come in the UK and Germany within the next six to nine months.”

(Also quasi: jetzt.) Van Oosten, der davor für Tesco gearbeitet hat, warnte mit deutlichen Worten vor den neuen Konkurrenten, die den klassischen Supermärkten ihr Geschäft wegnehmen könnten und zu denen der Rewe-Manager auch Instacart (deutsches Samwer-Kopier-Pendant: shopwings.de) zählt:

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Mittagessen im Supermarkt? So machen Globus, Rewe und Tesco ihre Kunden satt

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Wenn die europäischen Supermärkte nicht völlig auf dem Holzweg sind, dann wollen künftig immer mehr Kunden dort, wo sie einkaufen, auch was essen. Wie die Fusion aus Lebensmittel-Laden und Restaurant aussehen soll, wird derzeit in zahlreichen Projekten ausprobiert. Das Supermarktblog stellt drei davon vor.

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Fridel – die Click-&-Collect-Lockgastro (Saarbrücken)

Mitte April hat die SB-Warenhauskette Globus, die sonst vor allem Riesenmärkte am Stadtrand betreibt, eine Filiale nahe der Saarbrücker Innenstadt eröffnet, die gleichzeitig Anlaufstelle für hungrige Büromittagspäusler sein soll, weil sie auch ein Restaurant ist. Vermutlich wurde der Test deshalb nicht “Globus Mini” getauft, sondern “Fridel” – eine Kombination aus “frisch” und “delikat”, an die der Zusatz “markt & restaurant” drangehängt ist, weil im Saarland 1974 die Großschreibung wieder abgeschafft worden ist.

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Wie sieht’s aus? Der gesamte Laden ist gerade mal 800 Quadratmeter groß, also kleiner als ein mittelmoderner Aldi. Ungefährt die Hälfte benötigt der Restaurantbetrieb; die Gerichte werden von den Mitarbeitern an Theken zubereitet (Foto ganz oben), ein bisschen so wie im Jumbo Foodmarkt in Amsterdam (siehe Supermarktblog), nur eben auf deutlich kleinerer Gesamtfläche.

Etwas unpraktisch ist, dass es zwar bis 22 Uhr was zu essen gibt, der Supermarktteil aber wegen Ladenschlussvorschriften bereits um 20 Uhr schließen muss. Dann wird’ schnell deutlich leerer bei Fridel, wie Supermarktblog-Leser Robert fotografiert hat:

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Besondere Merkmale? Sämtliche Einkäufe und das, was man im Laden verfuttert, wird wie bei Vapiano auf eine Karte gebucht, die man am Eingang kriegt. Zum Schluss zahlt man an der Kasse alles gemeinsam.

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Veggie vom Discounter – passt das zusammen?

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Eine wachsende Zahl Deutscher findet es in Ordnung, nicht mehr jeden Tag ein Stück Fleisch auf dem Teller liegen zu haben. Viele verzichten gleich ganz darauf und ernähren sich komplett vegetarisch oder vegan und kaufen so genannte “Fleischersatzprodukte”. Die gehören inzwischen sogar zum Sortiment vieler Discounter.

Aber – lohnt sich das für Aldi, Penny & Co. überhaupt? Drei Erklärungsversuche (und ein Ratespiel).

1. Veggie-Käufer sind gar keine Vegetarier

Jedenfalls nicht mehrheitlich, hat die GfK ausgerechnet. In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Umsätze mit vegetarischen Brotaufstrichen und “Fleischersatzprodukten” – sagen wir doch einfach: Alternativschnitzel – fast verdoppelt, nämlich auf 213 Millionen Euro. Nielsen kommt sogar auf einen Jahresschnitt von 289 Millionen Euro (Februar 2014 bis Januar 2015). Die GfK vermutet, dass unter den rund 11 Millionen Veggie-Käufern zahlreiche “Flexitarier” sind, also Leute, die ihren Fleischkonsum nicht ganz einstellen, aber zumindest reduzieren. Anders gesagt: Viele Veggie-Käufer sind gar keine Vegetarier. Sondern essen z.B. weniger Fleisch, weil sie Massentierhaltung satt haben oder die Umwelt schonen wollen.

Dabei werden ausgerechnet die Fleischkonzerne bald die größten Veggie-Produzenten sein: Vor einigen Monaten hat der Wurstproduzent Rügenwalder Mühle seine “Vegetarischen Schinken-Spicker” in die Läden gebracht und erzielt damit schon 15 Prozent seines Gesamtumsatzes. Ab diesem Monat soll es “Vegetarische Mühlen-Schnitzel” und “Mühlen-Nuggets” geben, “unterstützt vom Vegetarierbund”.

Wiesenhof legt mit “Crispy Schnitzel” und “Veggie-Sticks” unter der Marke “Paul’s Veggie” (mit echtem Deppenapopstroph) nach, Fleischproduzent Tönnies macht bald Tofu-Würstchen. (Mehr dazu hat FAZ.net aufgeschrieben.)

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