Unbesiegbar? Die Mehrwegpfandkiste ist der Endgegner für deutsche Lebensmittel-Lieferdienste

Unbesiegbar? Die Mehrwegpfandkiste ist der Endgegner für deutsche Lebensmittel-Lieferdienste

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Lebensmittel-Lieferdienste geben damit an, Kunden den kompletten Wocheneinkauf nachhause zu liefern. Bei Getränkekisten gerät die Charme-Offensive aber schnell an ihre Grenzen.

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Wenn man sich den Online-Lebensmittelhandel als Videospielekosmos vorstellt, ergibt plötzlich alles Sinn: Kaufland hat nach dem ersten Level von seinen Erziehungsberechtigten Zockverbot bekommen und sich selbst ins Aus geschossen. Trotz reichlich Übung und vielversprechender Taktik gab der regionale Händler Feneberg in dieser Woche das Gamepad aus der Hand, weil er zuvor nicht genügend Münzen einsammeln konnte. Und inwiefern Allyouneed Fresh nach dem angekündigten Avatar-Wechsel künftig noch mitspielt, wird sich weisen.

Ansonsten ist es beinahe übersichtlich geworden im deutschen Markt für Lieferlebensmittel. Rewe und Edeka/Bringmeister haben noch Lust auf Gewinnen, Picnic und Getnow.de wollen aufholen, und alle warten darauf, welchen Superpower sich Amazon womöglich aufgespart hat. Der (vorläufige) Endgegner wartet schon auf sie:

Das deutsche Mehrwegpfand-System! ?

Trotz langsamen Kräfteschwunds gilt der höchst berechenbare Schurke vorläufig weiter als unbesiegt – und lässt die Spieler an ganz unterschiedlichen Herausforderungen scheitern.



Rewe Lieferservice spielt: Kisten-Tetris

„Supermarkteinkauf online bestellen“ und „bequeme Lieferung in jedes Stockwerk“, verspricht Rewe den Kunden seines Lieferservices, rückt aber erst im Laufe der Bestellung mit der ganzen Wahrheit raus. Ab der dritten Getränkekiste wird nämlich ein „Getränkezuschlag“ von 1,50 € berechnet (für jede weitere Kiste). Entweder hält die Familie ihren Flüssigkeitshaushalt also sparsam im Ausgleich. Oder zahlt fürs Nichtselberschleppen noch mal ordentlich obendrauf.

Kistenfrei bestellen ist auch keine Alternative: Für einzelne Flaschen verrechnet Rewe in einem komplizierten Additionsverfahren ebenfalls Zuschläge (z.B. „1 Getränke-Sechserpackgebinde oder 6 einzelne Flaschen [0,75 l, 1 l, 1,25 l, 1,5 l oder 2 l] = 1 Getränkekiste“; gilt auch für Tetrapaks).

Richtig unbequem wird’s aber, wenn die bestellten Getränke ausgetrunken sind, bei der nächsten Lieferung wieder zurückgegeben werden sollen – und der Fahrer dem Kunden freundlich beibringt, dass er Kisten nur mitnimmt, wenn er im selben Schwung auch welche liefert. Der Rewe-Kundenservice erklärt:

„Grundsätzlich nimmt der Fahrer nur die Menge an Getränken mit, die Sie im Austausch bekommen. In Einzelfällen kann es dazu kommen, dass der Fahrer mehr Platz im Wagen hat, um mehr Pfand entgegen zu nehmen. Dies ist aber nicht der Regelfall. Sollten Sie mehr Pfand abgeben wollen als Sie erhalten, fragen Sie bitten den Fahrer, ob er die Kapazitäten hat dies mitzunehmen.“

Und wenn nicht?

„[Dann] können Sie bei Ihrer nächsten Bestellung im Kommentarfeld vermerken, dass das Pfand bei Ihrer letzten Bestellung schon nicht mitgenommen wurde, und dies bitte unbedingt erfolgen soll.“

Zur Erinnerung: Rewe hat gerade stolz sein erstes vollautomatisiertes Kommissionierlager in Köln eröffnet, sieht sich deswegen „mindestens im deutschen Lebensmittelhandel [als] Spitzenreiter und Trendsetter“ – und lässt Kunden im Regelfall betteln, das gelieferte Pfand wieder abgenommen zu kriegen. You lose!

Amazon spielt: The Legend of Mehrwertsteuer

Auf ausländische Händler muss das deutsche Pfandsystem wie ein besonders trickreich zusammengebauter Irrgarten wirken, in dem sich ständig neue Gänge mit Ausnahmen auftun und Zusatzbetragsmonster besiegt werden müssen. Amazon hat sich dennoch tapfer hineinbegeben. Und sucht seitdem den Ausgang.

Nach dem Berlin-Start seines Lebensmittel-Lieferdienst Fresh im vergangenen Jahr verschickte der Online-Konzern an Kunden zunächst Pfand-Rückerstattungen mit dem Vermerk: „Pfandrückgabe am: 18.01.1970“. Seit der Rückkehr in die Gegenwart fährt die Pfandanzeige auf der Website kontinuierlich Achterbahn: Während der Pfandbetrag z.B. bei Wasser-, Cola- und Bierkästen in der Produktübersicht korrekt ausgewiesen wird, rechnet das System den Mehrwertsteueranteil in der Bestellübersicht dem Getränkepreis zu, der dadurch plötzlich höher wirkt – um letztlich aber doch korrekt abgerechnet zu werden.

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Screenshots: amazon.de

Zurück genommene Kisten werden als Gutschrift für die nächste Bestellung hinterlegt oder mit mehrtägiger Verspätung überwiesen; mit dem Einkaufsbetrag kriegt Amazon die Beträge nämlich nicht verrechnet.

Prime-Now-Kunden müssen zusätzlich achtsam sein: Während Pfandbeträge im Amazon-eigenen Sortiment korrekt aufgelistet sind, werden sie bei Partnerläden einfach auf den Gesamtpreis addiert – wodurch die Produkte dort auf den ersten Blick viel teurer wirken. (Man kann bloß hoffen, dass Händler die von Amazon verlangte Kommission nicht auch noch aufs Pfand bezahlen müssen.)


Screenshots: amazon.de

Picnic spielt: Super Einweg Bros.

Picnic aus den Niederlanden wird in den Medien für sein ausgeklügeltes Liefermodell gefeiert und erklärt seinen Kunden:

„Picnic hat keine teuren Geschäfte und daher niedrigere Kosten. Deshalb können wir alle Lebensmittel zu günstigsten Preisen anbieten und sie sogar noch gratis liefern.“

Na ja: fast alle Lebensmittel. Mehrweg-Getränkekisten sind im Picnic-Sortiment nämlich nicht zu finden, weil sie schlicht und einfach nicht in die schicken Lieferautos passen, die sich das Start-up selbst gebaut hat und die zweifellos mit cleverer Beladung überzeugen können. Nur halt offensichtlich, ohne dass ein Kasten Wasser oder ein Kasten Bier aus dem Nachbarland reinpasst.

Der Kundenservice erklärt, man könne Getränkekästen leider nicht ins Sortiment aufnehmen, „da diese für unsere Transportweise nicht umsetzbar sind“. Picnic-Deutschland-Chef Frederic Knaudt sagt auf Anfrage:

„Wir bieten Einzelflaschen und Sixpacks an. Diese Einheiten passen optimal zu unserem Logistik-Konzept und die Kunden haben die volle Auswahl.“

Außer natürlich, sie wollen weiter ihr regionales Bier oder Mineralwasser trinken, das nicht in den entsprechenden Gebinden angeboten wird. Dafür können sie dann doch wieder zum Super- oder Getränkemarkt fahren.

Abgesehen davon, dass die Einweg-Getränkeauswahl nur so mittelgut zum Picnic-Ansatz passt, sich als umweltbewusster Lieferdienst (mit E-Lieferautos!) bei der Nachbarschaft einzuschmeicheln, bestellt man vom Mineralwasser in der 1,5-Liter-Einwegpfandflasche besser auch nicht zuviel auf einen Streich, weil sonst theoretisch die „artikelspezifische Mengenbegrenzung“ aus den AGB droht. Knaudt verspricht zwar:

„Unsere Kunden können bei uns alles bestellen, was sie benötigen. Rein technisch haben wir ein Limit bei 99 Stück pro Artikel. Das wurde bisher noch nicht erreicht.“

Letztlich hat aber auch Picnic nur eingeschränktes Interesse daran, seine Lieferautos mit Vorratsbestellungen vollzuballern. Die Niederländer wollen schließlich in der Woche drauf mit dem nächsten Wocheneinkauf wiederkommen – um ihren Investoren mit hohen Wiederbestellquoten zu belegen, dass ihr Modell funktioniert.

In den Niederlanden hat Picnic übrigens gemeinsam mit dem Bierabfüller Heineken Sixpacks mit Kartongriff („KwartKrat“) entwickelt, die nicht nur aufrecht in die Picnic-Lieferboxen gestellt werden können, sondern theoretisch auch kistenweise in die Liefermobile geschoben werden könnten. Bloß für den deutschen Markt sind die 300-ml-Gebinde als Standard vermutlich ungeeignet. Es sei denn, Picnic wird sich mit jedem einzelnen Getränkeabfüller über Sondergrößen einig.


Anders formuliert: Bis einer der Lebensmittelliefer-Gamer am Mehrwegpfand-Endgegner vorbei kommt, wird es noch eine zeitlang dauern. Zumal fiese Express-Getränkelieferanten wie Durstexpress in Berlin (Radeberger/Oetker) und Flaschenpost in NRW (versch. Investoren) sich mit selbst entwickelten Cheats einfach so dazwischen hacken.

Letztlich hilft nur eines, um die verschleppte Prinzess… – äh: den ersehnten Kunden-Highscore zu erobern: üben, üben, üben. (Und vielleicht schleunigst eine Art Hoverboard für Getränkekisten erfinden.)

Titelfoto [M]: Supermarktblog, Fotos: Picnic, Supermarktblog

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8 Kommentare
  • Ich finde es OK wenn sich ein Lieferdienst nur auf Lebensmittel OHNE Getränke konzentriert. Diese kann man doch in der Tat ohne Problem auch woanders bestellen und liefern lassen.
    Heinecken möchte ich übrigens in gar keiner Variante geliefert bekommen 😉

  • Mir fehlen die Bringmeister in Ihrem Artikel, die haben ganz schnell nach der Übernahme von Kaiser’s mal festgelegt, dass Getränke keine Anrechnung auf den Mindestbestellwert finden. Fand ich auch sehr kundenfreundlich.

  • Bei Flaschenpost in Hamburg kein Problem:
    Bei der Bestellung wird der Gesamtbetrag per PayPal autorisiert. Bei der Lieferung werden dann die Kisten vom Lieferanten auf seinem Handheld erfasst. Es werden nur Kisten zurückgenommen, fehlende Flaschen sind aber kein Problem. Bei uns wurde bisher alles mitgenommen, auch eher exotische Sorten.

    Der Pfandbetrag wird dann mit der Bestellung verrechnet und man erhält kurz nach der Lieferung eine korrekte Rechnung über den tatsächlich gezahlten Betrag.

  • Nicht, dass ich’s bestellen möchte – aber wie hält es denn der holländische Versender mit der Biersteuer? (Oder Kaffeesteuer usw.)

    Rechtsgrundlage bei Bier: § 21 Biersteuergesetz
    (1) Versandhandel betreibt, wer Bier aus dem steuerrechtlich freien Verkehr des Mitgliedstaats, in dem er seinen Sitz hat, an Privatpersonen in anderen Mitgliedstaaten liefert und den Versand der Ware an den Erwerber selbst durchführt oder durch andere durchführen lässt (Versandhändler). Als Privatpersonen gelten alle Erwerber, die sich gegenüber dem Versandhändler nicht als Abnehmer ausweisen, deren innergemeinschaftliche Erwerbe nach den Vorschriften des Umsatzsteuergesetzes der Umsatzsteuer unterliegen.
    (2) Wird Bier durch einen Versandhändler mit Sitz in einem anderen Mitgliedstaat in das Steuergebiet geliefert, so entsteht die Steuer mit der Auslieferung an die Privatperson im Steuergebiet.

  • Es gibt – zumindest hier im Südwesten – zahlreiche Brauereien und Getränkehändler, die einem gerne regionale Biere, Mineralwässer, Weine und Säfte in beliebiger Menge in Mehrweggebinden in den Keller tragen – da braucht man das Rad nicht neu zu erfinden.

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