„Nano Store“ am Amsterdamer Flughafen: So funktioniert Albert Heijns kassenloser Amazon-Go-Konkurrent

„Nano Store“ am Amsterdamer Flughafen: So funktioniert Albert Heijns kassenloser Amazon-Go-Konkurrent

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Werden „Nano Stores“ zum neuen Standard für den Schnelleinkauf? Die niederländische Handelskette Albert Heijn to go probiert’s aus – mit einem Mini-Markt, bei dem man am Eingang bloß seine Karte scannen muss, um automatisch zu bezahlen.

Partner und Sponsoren:

14 Quadratmeter sind nicht viel Platz, aber doch ausreichend, um z.B. zwei SUV schlecht hintereinander zu parken, ein Milliardstel Saarland dort einzuquetschen – oder um einen vollautomatischen Convenience Store zu betreiben. So wie Albert Heijn das gerade in Amsterdam ausprobiert. (Mit dem Store, nicht mit dem Saarland.)

Vor dem Eingang zum Flughafen Schiphol hat die niederländische Handelskette Ende November einen zum Minisupermarkt umgebauten Container aufgestellt und dessen Regale mit Getränken, Sandwiches, Müsliriegeln befüllt. Weil danach kein Platz mehr für eine Kasse oder Personal war, hat Albert Heijn beide einfach weggelassen.

Bezahlt werden muss natürlich trotzdem: Kund:innen scannen am Eingang ihre kontaktlose Kreditkarte, daraufhin öffnet sich die Tür in der gläsernen Front, man sucht sich die gewünschten Artikel aus – und geht wieder. Dank Kameras an der Decke und Sensoren in den Regalen weiß die Handelskette, welche Produkte entnommen wurden, und belastet die Kreditkarte automatisch mit dem addierten Betrag.


Wer dem Spuk nicht traut, der kann sich am Ausgang auf einem Monitor auflisten lassen, was das System erfasst hat. Stimmt alles? Dann guten Appetit.

Der „Albert Heijn to go Schiphol boulevard“ ist – natürlich – eine Antwort auf Amazons kassenlosen Supermarkt Amazon Go (siehe Supermarktblog) und funktioniert, zumindest auf den ersten Blick, sogar noch ein bisschen einfacher. Eine vorherige Anmeldung oder ein App-Download sind nicht notwendig, die NFC-fähige Kreditkarte reicht aus. Das funktioniert (wenn man eine hat) in der Praxis erstaunlich gut. Wer will, braucht für seinen Schnelleinkauf keine zwanzig Sekunden und kann direkt zum Flieger eilen.

Dennoch ist der Container-Minimarkt am Jan Dellaertplein vor Schiphol Plaza unübersehbar noch als Experiment angelegt: Das Sortiment ist sehr überschaubar und besteht nur aus einem Bruchteil der Artikel, die es in einem der regulären Convenience Stores drinnen zu kaufen gibt.

Albert Heijn behauptet aber auch gar nichts anderes. Ende Januar soll der voll digitale Convenience-Store-Ableger schon wieder abgebaut werden, um die Testergebnisse auszuwerten.

Das dürfte interessant werden. Auch für das amerikanische Start-up AiFi, das die Technologie entwickelt hat und derzeit von zahlreichen Handelsketten in unterschiedlichen Ländern testen lässt. Alleine in den USA arbeite man mit fünf Einzelhandelsunternehmen zusammen, meldete CNBC kürzlich – welche das sind, verrät AiFi bislang nicht. (In Europa sind außerdem Carrefour aus Frankreich und Żabka aus Polen an Bord; Valora aus der Schweiz hat ebenfalls Interesse angemeldet.)

Die Kooperation mit Albert Heijn, ursprünglich gestartet am Ahold-Delhaize-Hauptquartier in Zaandam, ist quasi eine Art öffentlicher Lackmus-Test.

Mit zwiegespaltener Bilanz: Einerseits funktioniert der kassenlose Mini-Markt genau wie versprochen. Bei meinem Test wurden alle Artikel problemlos erkannt und korrekt abgerechnet; allerdings war ich alleine im Store, der trotz Lunch-Zeit auch im Anschluss nicht besonders häufig frequentiert wurde, und hab angesichts der beschränkten Auswahl nur wenige Artikel gekauft.

Akkurat ins Regal geräumt

Wie stabil das System wirklich arbeitet, lässt sich nicht so richtig einschätzen. AiFi behauptet laut CNBC, durch die Kombination aus Kamera- und Sensordaten könnten „tausende“ von Individuen mit ihren Einkäufen in „kleinen und großen“ Läden korrekt erfasst werden – übrigens nicht per Gesichtserkennung, sondern anhand äußerer Merkmale (Kleidung, Größe, Frisur).

Das scheint mir arg optimistisch zu sein. Im Testmarkt sind die Produkte derart akkurat in die Regale geräumt, dass es bei Amazon Go dagegen fast schon unordentlich aussieht.

Und ich kann nicht sagen, ob der offensichtlich zur Kontrolle abgestellte AH-Mitarbeiter, der nach mir aus einer Seitentür des Containers in den Store kam, tatsächlich die von mir gestörte Rosinenbrötchenreihe wieder gerade rücken musste, damit alles funktioniert, oder ob das Zufall war. Andere Testkäufer berichten davon, dass sie das System durch Zurücklegen der Ware bzw. unvorsichtiges Anlehnen an eines der Regale, was die Sensoren offensichtlich nicht gerne haben, durcheinander brachten.

Kurz gesagt: Der Digitalladen scheint so lange gut zu funktionieren, wie man sich als Kund:in darin wie vom System vorgesehen verhält. Für den regulären Praxisbetrieb dürfte das eher noch nicht reichen.

Der „Plug & Play“-Mini-Markt

Während der Testphase wirbt Albert Heijn im Flughafen vor seinen übrigen Stores auf Videoscreens explizit dafür, die neue Technologie auszuprobieren.

Denn die „Nano Store“ getaufte Container-Lösung hat durchaus Vorteile: Über die Türsperre kann das System jeweils nur eine beschränkte Zahl an Kund:innen zum Einkauf einlassen, um sich nicht selbst zu überfordern – wenn mehr als vier Leute gleichzeitig Kühlregaltüren öffnen wollen, wird es ohnehin eng.

Den wichtigsten Vorteil allerdings hat Albert Heijn in seiner Pressemeldung (auf niederländisch; engl. Zusammenfassung hier) schon selbst genannt: Der Mini-Markt ist quasi eine „Plug & Play“-Lösung und kann überall dort platziert werden, wo die Handelskette einen – auch nur vorübergehenden – Bedarf identifiziert, aber kein Raum für einen regulären Laden wäre.

Aus Sicht von Albert Heijn ist die Technologie auch deswegen attraktiv, weil sie sich theoretisch 24 Stunden am Tag betreiben ließe; und weil sich – sofern das System fehlerfrei läuft – Diebstahl damit quasi ausschließen lässt. Das, was in regulären Läden Diebstahl wäre, ist im automatisierten Store ja einfach: Einkaufen.

Aber natürlich müssen sich Händler und Entwickler auch die Frage gefallen lassen, ob der kassenlose Sensoren-Markt überhaupt nötig ist, wenn er eigentlich bloß den Zweck eines begehbaren Snackautomaten erfüllt. Sandwiches, Schokoriegel und Getränke lassen sich ja auch schon jetzt ohne den ganzen Digitalzauber aus Maschinen an Verkehrsknotenpunkten ziehen, im Zweifel sogar per Kontaktloszahlung.

Damit sich der Aufwand überhaupt lohnt, müsste der Container-Markt schon eine deutlich größere Auswahl an Artikeln bieten. Nicht bloß Coke, Mars, Mints und Wraps. Sondern vielleicht auch loses Obst, frische Backwaren, Mini-Drogerieartikel für den Flieger – oh, und Kaffee wäre großartig!

Weil sonst ein nahe gelegener regulärer Convenience Store sicher für viele Kund:innen die bevorzugte Lösung bliebe.

So ein Bon wäre fein

Dass man als Kund:in im Nachhinein nicht aufrufen (bzw. reklamieren) kann, was man gekauft (bzw. angeblich gekauft) hat, ließe sich ebenfalls verbessern. Anonym ist der Einkauf durch die Kartenzahlung ja ohnehin nicht, praktisch wäre die – freiwillige – Verknüpfung mit einem Kundenkonto, in dem dann auch digitale Bons angezeigt werden und Reklamationen möglich sind. (So wie bei Amazon Go).

Aber natürlich muss man den Niederländern hoch anrechnen, dass sie überhaupt soviel Experimentierfreude an den Tag legen und neue Technologien testen, um das Einkaufseerlebnis für Kund:innen zu verbessern (und natürlich: um Geld zu verdienen) – weil das Ausweis davon ist, dass ein Unternehmen verstanden hat, dass die Digitalisierung auch an der Transformation des Lebensmitteleinzelhandels nicht spurlos vorübergehen wird.

(Die vor zwei Jahren erstmals getestete Tap-and-go-Technologie hat Albert Heijn inzwischen übrigens auf reguläre To-go-Stores ausgeweitet; Voraussetzung für die Nutzung ist eine Anmeldung mit niederländischer Mobiltelefonnummer.)

Mehr Experimente, bitte!

Auch auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Ertwas mehr Ausprobierlaune stünde auch deutschen Händlern gut zu Gesicht. Noch allerdings scheinen große Teile der Branche mit der Aufregung bzw. Bewältigung der Anfang des Jahres in Kraft getretenen Bonpflicht ausgelastet zu sein.

Technolgisch hinkt man der internationalen Entwicklung mehrere Stufen hinterher. Derzeit wird vor allem versucht, Kund:innen anzutrainieren, die Artikel im Laden mit dem selbst mitgebrachten Smartphone per App zu scannen, um den Bezahlvorgang zu beschleunigen (und selbst nicht soviel für die Anschaffung neuer Technologien investieren zu müssen). Getestet wird u.a. bei Penny in Köln (siehe Supermarktblog) und einem Edeka-Händler in Pinneberg bei Hamburg.

Mag sein, dass das auch der Vorsicht eines großen Teils der Kundschaft geschuldet ist. Aber wenn der deutsche LEH nicht den Anschluss an das verpassen will, was derzeit in den USA, Asien und in anderen europäischen Ländern passiert, muss er sich 2020 dringend aus seiner Komfortzone rausbewegen, in der er es sich so schön bequem Geld verdienen lässt.

Ob das realistisch ist? Ich bin mir da nicht so sicher. (Go, Rewe express, go!)

Fotos: Supermarktblog"

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5 Kommentare
  • Interessantes Experiment. Als leidgeprüfter Globus-Selbst-Scan-Kunde bin ich bei automatischen Systemen inzwischen nicht mehr so begeistert, aber das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

    P.S.:
    „Wer will, braucht für seinen Schnelleinkauf keine zwanzig Sekunden und kann direkt zum Flieger zu eilen.“
    Da ist ein ‚zu‘ übrig. 😉

    • Danke, geändert!
      Und warum denn „leidgeprüft“? Das Self-Scanning von Globus wird sonst immer so gerne gelobt. (Ich hab’s noch nicht selbst ausprobiert.)

  • ich frage mich schon seit langem, warum man so etwas nicht in jedem kleinen Dorf macht, wo es keine Nahversorgung mehr gibt.
    Nur mit Waren des täglichen Bedarfs, ganz kleines Sortiment und natürlich extrem nutzerfreundlich (bspw. für ältere Mitbürger), so dass jeder Kleinigkeiten bekommen kann, ohne in die nächste Stadt zu fahren. Würde mit Sicherheit auch von den lokalen Kommunen unterstützt werden.

    • Das Problem da ist natürlich, dass trotzdem mindestens einmal am Tag ein Mitarbeiter raus und den Laden nachfüllen muss. Bei meiner Großmutter fuhr vor ein paar Jahren noch ein rollender Supermarkt über die Dörfer – der hat inzwischen auch aufgegeben, weil die Leute den Aufpreis, den er gegenüber den Supermärkten in den Städten nehmen musste, damit sich das rentiert, nicht zu zahlen bereit waren. Denn den eigenen Spritverbrauch rechnet man natürlich nicht in den Einkauf ein.
      Grundsätzlich wäre das natürlich wünschenswert, aber außer für „Liebhaberprojekte“ (Eier-/Milchautomat beim Bauern, Wurstautomat vom Fleischer im Nachbarort) sehe ich da zumindest in naher Zukunft eher schwarz, so lange es für die Mehrheit der Kunden vor Allem eins sein muss: so billig wie möglich.

    • Ganz ohne Personal würde so ein Laden auf dem Dorf nicht funktionieren. Irgendjemand muss ja Waren annehmen, auffüllen, sauber machen, nach dem Rechten sehen.

      Der Aufpreis ist glaube ich gar nicht so sehr das Problem, den zahlt der Dorfbewohner schon, wenn er den Artikel dringend braucht. Aber der Dorfbewohner will eben auch die Auswahl vom großen Supermarkt haben und fährt deshalb mit dem Auto dahin. Da wird dann gleich ein ordentlicher Vorrat gekauft und somit kommt man selten in die Verlegenheit etwas vom Dorfladen zu brauchen. Der kann von Hoppla-Butter-vergessen-Einkäufern aber nicht überleben. Auf dem Dorf laufen eben nicht wie am Flughafen täglich tausende potentielle Kunden vorbei.

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