Wolt liefert Lebensmittel aus Märkten von Edeka und nah & gut

Wolt liefert Lebensmittel aus Märkten von Edeka und nah & gut

Foto: Wolt / Jonathan Hefner
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Um sich gegen Gorillas, Flink & Co. zur Wehr zu setzen, lassen selbstständige Edeka-Kaufleute Einkäufe per App ab sofort mit dem Lieferpartner Wolt zu Kund:innen nachhause bringen. Dabei kann im Schnitt aus rund 1.000 Artikeln gewählt werden.

Partner und Sponsoren:

Seit Monaten versuchen wendige Liefer-Start-ups den trägen Supermärkten die Kundschaft streitig zu machen, indem sie Lebensmittel und Drogerieartikel für den Sofortgebrauch direkt nach der Bestellung per App an die Haustür zustellen (siehe Supermarktblog). Das spart den Gang in den Laden und das Anstehen an der Kasse.

Und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Handelsketten in ihrem Dornröschenschlaf zumindest ein halbes Auge öffnen, um zu merken, dass das für ihre Umsätze mittelfristig gar nicht so förderlich ist.

Jetzt ist es soweit: Der vor einem Jahr in Deutschland gestartete finnische Restaurantlieferdienst Wolt ergänzt sein Angebot um die Zustellung von Lebensmitteln aus dem Supermarkt und holt dafür Edeka auf seine Plattform.


Erst einmal handelt es sich um einen Test in den Städten Berlin, Hannover, Köln sowie Düsseldorf und Hamburg (wo Wolt gerade gestartet ist). Unter dem kürzlich zentral im App-Menü platzierten Punkt „Geschäfte“ tauchen ab diesem Freitag die ersten Edeka- bzw. nah-&-gut-Läden selbstständiger Kaufleute auf, mit denen Wolt individuelle Vereinbarungen für Kooperationen geschlossen hat, z.B. in Berlin-Kreuzberg (nah & gut Gneisenaustraße) und Charlottenburg (Edeka Zahl) sowie Hannover (Edeka EssBerg).

1.000 Artikel für die schnelle Lieferung

Eine deutschlandweite Kooperation mit der Edeka-Zentrale gibt es bislang nicht; bei Wolt gibt man sich diesbezüglich aber interessiert.

„Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten mit Spezialisten wie Supermarkt Iberico, der Kleinmarkthalle in Frankfurt und Eataly in München erste Erfahrungen mit Lebensmittel-Lieferungen gesammelt. Mit Edeka und nah & gut wollen wir jetzt daran anschließen, um unseren Kund:innen zu demonstrieren, dass sie über Wolt nicht nur Pizza und Sushi bestellen können, sondern auch Artikel aus dem Supermarkt“,

sagt Fabio Adlassnigg, Communications Manager Wolt Deutschland, im Supermarktblog-Gespräch.

Zunächst können App-Nutzer:innen, die im Drei-Kilometer-Lieferradius um einen der Super- bzw. Nachbarschaftsmärkte wohnen, in der Wolt-App aus im Schnitt 1.000 Produkten auswählen, die regulär in den Warenkorb gelegt, bezahlt und von Wolt-Kurierfahrer:innen innerhalb von 35 Minuten gebracht werden.

Wolt will bald alles liefern, was App-Nutzer:innen täglich brauchen und konsumieren – Lebensmittel aus dem Nachbarschaftsmarkt inklusive; Foto: Wolt / Jonathan Hefner

In größeren Märkten sollen bis zu 2.500 Artikel per App verfügbar sein. Auf Edeka-Eigenmarken – unter anderem Gut-&-Günstig-Produkte – wird dabei allerdings verzichtet, im Vordergrund stehen eher klassische Herstellermarken. Gleichwohl soll es (anders als es Wettbewerber im europäischen Ausland praktizieren) zunächst keine Aufschläge auf die Artikel geben. Anders gesagt:

„Die Milch aus dem nah & gut wird zum Start bei Wolt genauso viel wie im Laden kosten.“

(Ob es langfristig dabei bleibt, ist freilich eine andere Frage.)

Lieferkosten wie für Restaurantessen

Weiterhin heißt es bei Wolt, die Partnermärkte hätten völlig freie Wahl bei der Gestaltung des Sortiments, das sie auf der Plattform anbieten wollen.

„Sie bekommen aber Empfehlungen von uns, wenn wir sehen, dass bestimmte Suchbegriffe in der App häufig verwendet werden. Im Restaurantgeschäft ist das bereits Praxis – Pizzerien zum Beispiel raten wir, verstärkt vegane Pizzen anzubieten, die unsere Kund:innen sehr häufig nachfragen.“

Lebensmittel-Bundles, die bei anderen Diensten zunehmend beliebter werden (siehe Supermarktblog), soll es in der Testphase zunächst nicht geben; das sei aber für die Zukunft vorstellbar.

Beim Transport wird die Kühlkette über die Thermorucksäcke der Kurierfahrer:innen eingehalten. (Falls nicht, übernimmt Wolt die Verantwortung bzw. Entsorgung.) Die Lieferkosten sind dieselben wie für Restaurantessen: 1,90 Euro in einem Radius bis zu einem Kilometer, 2,90 Euro darüber hinaus.

Für die Kaufleute ist die Kooperation eine Möglichkeit, mit ihren Nachbarschaftsmärkten Online-Kundschaft (zurück) zu gewinnen, ohne dafür in eigene Logistik investieren zu müssen – mit einer Ausnahme: Zum Start werden die Bestellungen vom bestehenden Marktpersonal gepickt und eingetütet. Das dürfte sich bei einer wachsenden Zahl an Bestellungen aber schnell ändern und könnte noch zur Herausforderung beim Regalauffüllen werden.

Wolt baut Handelspartnerschaften aus

Wie bei anderen Partnern verlangt Wolt eine Kommission für vermittelte Bestellungen, verspricht aber im Gegenzug, u.a. in Marketing-Maßnahmen zu investieren, um den Partner-Unternehmer:innen möglichst viel App-Kundschaft zuzuführen.

Im Restaurantgeschäft passiert das, indem Wolt vorübergehend die Lieferkosten für Bestellungen bei bestimmten Anbietern übernimmt; auch 1+1-Aktionen – also die kostenlose Zugabe eines zweiten zum bestellten Produkt – ist eine Option. (Die Kosten dafür werden ebenfalls vom Start-up getragen.)

Wolt hat sein Geschäft mit Handelspartnern im Laufe der vergangenen Monate auch in Deutschland kontinuierlich ausgebaut und etwa Blumenläden und Spätis, die sich gegen Gorillas und Flink zur Wehr setzen wollen, auf die Plattform geholt. Zuletzt kam eine Kooperation mit dem Kosmetikartikelhersteller Lush dazu, die nach einem erfolgreichen Test in Berlin gerade auf ganz Deutschland ausgerollt wird. Außer den ersten Edeka- bzw. nah-&-gut-Märkten sind zudem die Filialen von Mitte Meer, Spezialist für mediterrane Feinkost, dabei (Berlin, München, Hamburg). Adlassnigg erklärt:

„Lebensmittel, Blumen, Kosmetika, Wein, Spirituosen und lokales Bier sind die Kategorien, auf die wir uns im Retail-Geschäft vorerst konzentrieren – weil wir wollen, dass die Kund:innen eine gewisse Auswahl an Partnerläden in der App haben.“

Eine „App für alles“

Für Wolt ist die Ergänzung des Restaurantgeschäfts Teil der Strategie, zur Liefer-„App für alles“ zu entwickeln – ähnlich wie es Wettbewerber wie Glovo aus Spanien im (europäischen) Ausland praktizieren. Auch Foodpanda möchte sich nach seinem Deutschland-Neustart zum Alles-Lieferant entwickeln, wirbt schon kräftig damit – kann aber die plakatierten Versprechen vielerorts bislang noch nicht einhalten.

Für die Dienste ist die Lieferung von Artikeln von Handelspartnern die Möglichkeit, ihre Flotten besser auszulasten. (Alleine in Berlin sind derzeit 2.500 Kurierfahrer:innen für Wolt unterwegs.) Wolt-Sprecher Adlassnigg:

„Kuriere liefern zuerst Pizza aus, später vielleicht die Paella-Gewürzmischung von Mitte Meer und danach einen Einkauf bei Edeka. Wenn wir im System sehen, dass Bestellungen das Gewicht von 10 Kilo überschreiten, wird ihnen automatisch ein zweiter bzw. motorisierter Kurier zugewiesen.“

Das Risiko besteht freilich darin, dass Kund:innen Lebensmitteleinkäufe zu denselben Zeiten ordern wie ihr Mittags- oder Abendessen. Dann kämen die Alles-Lieferanten nämlich schnell an ihre logistischen Grenzen. Schon heute wird die Nachfrage der Kundschaft durch die verfügbaren Kurierfahrer:innen gedeckelt. Wolt sucht in Berlin gerade per Plakatwerbung neue Mitarbeiter:innen und verspricht 150 Euro Einstiegsbonus.

In Berlin verspricht Wolt neuen Kurierfahrer:innen derzeit per Plakatwerbung einen Einstiegsbonus; Foto: Smb

Wolt Markets als Testlabor

Adlassnigg gibt sich dennoch gelassen:

„Wir wissen aus anderen Märkten, dass Lebensmittel-Bestellungen weniger Peak-abhängig sind, es also im Verlaufe des Tages weniger starke Schwankungen gibt. Im Restaurantgeschäft bieten wir jetzt schon Off-Peak-Aktionen für Kund:innen an, die außerhalb der klassischen Bestellzeiten ordern. Das ist auch für das Retail-Geschäft vorstellbar.“

Weil der Schwerpunkt zuletzt stark auf dem Wachstum im Restaurantgeschäft lag, tragen die Retail-Order in Deutschland bislang nur in geringem Maße zum Bestellvolumen bei; in anderen Märkten sehe man aber, dass sich das schnell auf ein Viertel steigern könne.

Im nächsten Schritt sollen auch in Deutschland eigene „Wolt Markets“ getestet werden. Voraussichtlich noch in diesem Jahr eröffnen in Berlin zwei bis vier Standorte. Kund:innen können dan zwischen 1.500 und 2.000 Artikel zur Lieferung aus den selbst betriebenen Warenlagern auswählen. Die eigenen Märkte sollen auch dazu dienen, Erfahrungen zu sammeln und die eigene Software weiterzuentwickeln, um Handelspartner davon profitieren zu lassen, etwa für Inventur-Management, Picking und Warenstruktur. (Mehr zum Thema hat neulich “Location Insider” aufgeschrieben.)

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