Abfüllstationen vs Pfandgläser: Wer gewinnt die Plastikvermeidungs-Schlacht?

Abfüllstationen vs Pfandgläser: Wer gewinnt die Plastikvermeidungs-Schlacht?

Foto: Supermarktblog
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Sieben Jahre nach dem Start der ersten Unverpackt-Läden in Deutschland lassen auch große Handelsketten Kund:innen lose Ware in mitgebrachte Behälter selbst abfüllen. Doch die Systeme haben nichts nur Vorteile. Auftakt zur Supermarktblog-Reihe über Verpackungsalternativen.

Partner und Sponsoren:

Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihnen vor fünf oder sechs Jahren jemand weisgesagt hätte, dass in Supermärkten künftig Nachfüllstationen für Lebensmittel stehen, an denen sich Kund:innen Nudeln, Haferflocken und Nüsse in selbst mitgebrachte Container abfüllen können, um Einweg-Verpackungen zu sparen? Die allermeisten hätten vermutlich ungläubig den Kopf geschüttelt und gesagt: unrealistisch.

Jetzt ist es aber doch ein bisschen anders gekommen.

Sieben Jahre ist es her, dass in Deutschland die ersten Unverpackt-Läden ihre Türen für konsequente Verpackungsvermeider:innen öffneten; und schon seit einer Weile experimentieren auch etablierte Handelsketten mit dem Konzept, ihrer Kundschaft lose Ware auch außerhalb der Obst- und Gemüseabteilung anzubieten. Auch wenn sich die Zahl der Filialen, in denen zumindest ein kleiner Teil des Sortiments unverpackt eingekauft werden kann, noch relativ leicht überschauen lässt.


Die hessische Supermarktkette Tegut testete ihre erste Unverpackt-Station 2019 in einem Markt am Unternehmenssitz in Fulda und bot dort über 100 Produkte aus dem Trockensortiment zum Selbstabfüllen an: u.a. Getreide, Hülsenfrüchte, Müsli, Früchte, Samen, Nüsse, Süßwaren – allesamt in Bio-Qualität. Inzwischen hat sich die Zahl der Filialen mit Unverpackt-Station immerhin auf 27 gesteigert: von Weimar über Heidelberg bis München.

Tegut in Fulda: über 100 Produkte zum Selbstabfüllen im Markt; Foto: Tegut

Auch die Bio-Supermarktketten etablieren entsprechende Angebote, um endlich mal wieder Vorreiter zu sein: Bio Company aus Berlin hat 18 Märkte mit einem Unverpackt-Angebot ausgestattet, zwei davon in Hamburg, drei in Dresden, der Rest in der Hauptstadt und eine in Potsdam.

Wettbewerber Denn’s Biomarkt war ebenfalls frühzeitig darum bemüht, Kund:innen testweise das verpackungsfreie Einkaufen zu ermöglichen. 2018 wurden in einigen Märkten Unverpackt-Stationen getestet, wegen der steigenden Nachfrage wurde die Zahl der Standorte Anfang 2020 auf gut zwanzig (in Deutschland und Österreich) ausgeweitet – das war noch vor Beginn der Corona-Krise.

Fertig angeliefertes Konzept

Auch im Edeka-Kosmos sind – vor allem selbstständige – Kaufleute der Idee gegenüber aufgeschlossen. Dafür scheint man sich beim Marktführer vor allem auf das Konzept des Produzenten Ecoterra zu verlassen, der Nüsse, Getreide und Trockenfrüchte importiert, weiterverarbeitet – und schlauerweise ein Komplettsystem zur Abfüllung loser Ware entwickelt hat, das nach den Bedürfnissen eines Markts individuell gestaltet und aufgestellt werden kann – Warenanlieferung inklusive.

Mit dieser Unterstützung trauen sich inzwischen auch die Regionalgesellschaften selbst zu, Unverpackt-Konzepte in Regiemärkten zu betreiben, so wie Edeka Minden-Hannover in ihrem frisch renovierten E-Center in Berlin-Moabit, wo die Station kurz hinterm Haupteingang ins Bio-Blocksortiment eingebaut ist (Titelfoto).

Auch im Edeka-Bio-Fachmarkt Naturkind ist Unverpackt eine Selbstverständlichkeit.

Unverpackt-Station bei Naturkind in Hamburg-Altona; Foto: Supermarktblog

Alnatura testet derweil unverpackte Naturkosmetik (u.a. von Weleda und Alviana) und Waschmittel an einer eigens dafür entwickelten Station, vorerst in Freiburg, Karlsruhe und Frankfurt am Main, und schließt sich damit den Initiativen der Drogeriemarktketten an (siehe Supermarktblog).

Die Stationen haben den (offensichtlichen) Vorteil, dass sich mit ihrer Hilfe nicht nur Einwegverpackungen einsparen lassen; Kund:innen können auch exakt die Mengen kaufen, die sie wirklich benötigen, anstatt vorgepackte Produkte zu erwerben, von denen dann die Hälfte zuhause im Vorratsschrank stehen bleibt – bevor sie irgendwann weggeschmissen wird.

Gleichzeitig scheint es tendenziell eher unrealistisch, dass Unverpackt-Stationen in größerer Zahl in deutschen Supermärkten auftauchen. Denn es gibt auch einen ganzen Schwung (möglicher) Nachteile, die mit der Lösung verbunden sind.

Selbstabfüllen kostet Zeit

Kund:innen müssen naturgemäß daran denken, stets einen kleinen Park an Mehrwegverpackungen mit zum Einkauf in den Laden zu nehmen. Wer sich für seine Unverpackt-Mission einen kleinen Vorrat an Plastik-Frischhaltedosen anschafft, steht damit ökologisch erstmal ganz schön im Minus: Wegen des höheren Materialeinsatzes müssen die Boxen zwischen 80 und 200 Mal zum Einsatz kommen, bevor der Verzicht auf Einwegplastik das ausgleichen kann. Und wer körbeweise Glasbehälter mit dem SUV zum Selbstbefüllen in den Biomarkt fährt, sollte besser auch nicht auf ein High Five mit dem Umweltengel rechnen.

Das konsequente Selbstabfüllen loser Ware im Laden ist zudem eine Frage der Zeit: In den meisten Fällen müssen selbstmitgebrachte Behältnisse an den Stationen zunächst leer gewogen werden, um ein Tara-Etikett für ihr Eigengewicht zu erstellen; erst dann kann die Ware abgefüllt und erneut gewogen werden, um das Preisetikett für die Kasse zu erstellen. Wer diesen Prozess für mehrere Produkte durchläuft und vorher schon lose Äpfel, Zitronen, Rosenkohl und Champignons in Mehrwegnetze eingetütet hat, braucht für den Einkauf länger.

Genau das könnte vielen Kund:innen insbesondere während Corona nicht nach einer besonders angenehmen Lösung aussehen.

Höherer Arbeitsaufwand im Markt

Die Handelsketten sehen noch weitere Risiken: Weil die Unverpackt-Stationen regelmäßig nach den gängigen Hygienestandards gereinigt und neu befüllt werden müssen, entsteht für das Personal im Markt ein zusätzlicher Aufwand; gleichzeitig scheinen zahlreiche Kund:innen, wie die DHBW Heilbronn in ihrer aktuellen Unverpackt-Studie ermittelt hat, eine „geringere Preisbereitschaft“ für Unverpackt-Ware zu haben. Anders formuliert: Wer seine Pasta in eine selbst mitgebrachte Box abfüllt und dem Händler die Verpackung spart, will im Zweifel weniger dafür zahlen als für das Regalprodukt. Obwohl die Abfüllware im Zweifel kostspieliger anzubieten ist.

Verkaufen sich bestimmte Produkte lose nicht so gut, dass sie in der Station ihr Haltbarkeitsdatum überschreiten, muss im Zweifel Ware in größerem Maße entsorgt werden, weil sie nicht mehr verkaufsfähig ist. Und bestimmte Lebensmittel lassen sich nur dann gut lagern, wenn sie luftdicht verpackt sind – Haferflocken zum Beispiel werden sonst schell ranzig.

Joseph Nossol, Geschäftsführer von Denn’s Biomarkt, fasst die Schwierigkeiten aus Händler:innensicht zusammen:

„Als Herausforderung sehen wir bislang vor allem den Mehraufwand für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch bei den Prozessschritten davor und danach, sowie die Vermeidung von Lebensmittelverderb durch die reduzierte Haltbarkeit der unverpackten Lebensmittel. Zusätzlich schwindet der Einsparvorteil ganz erheblich, wenn der Kunde kein eigenes Behältnis mitbringt.“

Weil dann im Zweifel doch wieder Papiertüten aus dem Markt zum Einsatz kommen.

Rentieren sich Milchtankstellen?

Außerdem ist da ja auch noch: der Platz. Unverpackt-Stationen sind im Laden in der Regel fest verbaut, sie brauchen viel Fläche und sind deutlich weniger flexibel befüllbar als reguläre Regale – einerseits. Andererseits gilt das ja genauso für Frischetheken und Backtheken, die sich Supermärkte und Bioläden trotzdem leisten, um sich bei der Kundschaft mit diesen Angeboten zu profilieren.

Ob sich die Unverpackt-Stationen dauerhaft durchsetzen, scheint noch nicht so recht entschieden zu sein – und dürfte vor allem vom Standort eines Markts und der Aufgeschlossenheit der jeweiligen Stammkundschaft für die Lösung abhängen. Ähnlich wie bei den Frischmilch-Automaten, die eine zeitlang in zahlreichen Edeka-Märkten aufgetaucht sind und von regionalen Milchproduzenten befüllt wurden.

Milchtankstelle bei Edeka in Berlin: Direktverkauf vom Bauern aus der Region – aber mit erhöhtem Aufwand für Kund:innen; Foto: Supermarktblog

Die Vollmilch aus der Region zum Selberzapfen per Direktverkauf vom Bauern klang zwar toll. Sie scheint sich aber längst nicht überall rentiert zu haben, weswegen viele Automaten wieder abgebaut wurden. „Scheinbar ist es doch einfacher, die Milch aus dem Regal zu nehmen, als sie zu zapfen“, erklärte ein Edeka-Händler aus Kremmen gegenüber der „Märkischen Allgemeinen“ schon 2018.

Unbestritten ist, dass sich zahlreiche Supermarkt-Kund:innen dennoch wünschen, beim Lebensmitteleinkauf weniger oder gar keinen unnötigen Plastikmüll mehr zu produzieren. Selbst die Discounter haben sich im Laufe der vergangenen Jahre dazu durchgerungen, überflüssige Verpackungen vor allem im Obst- und Gemüse-Sortiment abzuschaffen. Paprika, Bananen und Äpfel werden deshalb entweder ganz ohne oder in ökologischerer Verpackung, zum Beispiel Karton, angeboten.

Ginge das nicht auch für die übrigen Sortimente: zum Beispiel im Mehrwegpfandglas, das längst nicht mehr nur für Joghurt, Milch und Getränke genutzt wird? Ja, geht schon.

Wie genau das funktioniert und wie alltagstauglich der neue Trend zur Mehrweg-Verpackung ist, schauen wir uns in den kommenden zwei Wochen hier im Blog mal genauer an. Hoffentlich sind Sie mit dabei!

Mehr(weg) zum Thema:

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11 Kommentare
  • Vielleicht noch ein ergänzender Gedanke: Auch die “unverpackt” Ware kommt verpackt im Laden an. Und zwar in aller Regel in Einwegtüten und Kartons (zumindest in meiner örtlichen Biocompany). Diese Verpackungen kommen zur (Müll-) Bilanz noch hinzu.
    Bei Mehrwegsystemen entfällt diese Einwegkomponente übrigens.

    • Bei Mehrwegsystemen kann sie entfallen, ja. Das ist dann zum Beispiel der Fall, wenn Milchflaschen und Joghurtgläser in Mehrwegkisten gepackt werden und nicht Kartons. Meiner Erinnerung nach war es aber gerade die gestalterische Entwicklung der Lebensmittelläden, die von dieser Lösung Anfang des Jahrtausends wegführte. Zuerst verschwanden die Kisten, aus den unteren Reihen der Kühlschränke in den kleineren Läden (der Ketten); die Joghurtgläser wurden einzeln eingeräumt, damit man das Sortiment flexibler gestalten konnte. Als die Kisten dann auch in den großen Läden zugunsten des Müeslijoghurts der einundzwanzigsten Marke verschwanden, kamen die Gläser bald in Kartons und konnten so flexibel, aber sortenrein einsortiert werden. Bis zum Ende des ersten Jahrzehnts waren die Mehrweggläser dann praktisch flächendeckend durch täuschend ähnliche, etwas dünnere Einweggläser ersetzt. (Ich habe dazu keine deutschlandweite Statistik, aber so habe ich es damals in den Gegenden, in denen ich regelmäßig einkaufen ging, erlebt.)

    • @Vonfernseher: Die angesprochenen Mehrweggläser und -flaschen für Molkereiprodukte werden immer auch in Mehrwegkisten transportiert. Da gibt es keine Einwegtransportverpackungen, denn auch der Rücktransport muss ja irgendwie gewährleistet sein. Bei Einweggläsern ist das anders, logisch.

    • Die Mehrweggläser kamen in Kästen an, ja. Und das war ja auch eigentlich nicht schlimm, denn man konnte die Sorten ja von oben erkennen, je nach Marke am bedruckten Deckeln oder am Papiersiegel. Die wurden dann aber irgendwann tatsächlich einzeln eingeräumt, weil man nebeneinander mehr Sorten platzieren kann als übereinander. Ich weiß natürlich nicht, ob einfacheres Einsortieren tatsächlich einer der Gründe für die Hersteller war, auf Einweggläser umzusteigen. Die Supermärkte in meiner Nähe haben das damals jedenfalls so umgesetzt.

  • Mir hat mal ein Marktleiter erzählt, dass die Stationen alle 2 Stunden gereinigt werden müssen, weil entweder Kunden unabsichtlich kleckern oder sich Leute einen dummen Spass erlauben
    Vor allem aber besteht die Erwartungshaltung vieler Kunden Geld zu sparen, was aber nicht passiert
    meiner Meinung wird hier vor allem ein Umweltgefühl verkauft, ob es wirklich umweltverträglicher ist,scheint unbewiesen: Anlieferung in Verpackung, mehr Lebensmittelentsorgung, mehr Reinigungsmittel für die Stationen etc.

  • Spannende Alternative wäre doch: die Teile aus dem Trockensortiment/Abfüllstationen an eine Frischetheke (mehrwegfähig) mit Bedienung verfrachten. Dann geht es schneller und der Aufwand ist ggf. etwas überschaubarer.

    • Für die Kund:innen toll. Aber: noch mehr Ladenfläche, noch mehr Personalkosten. Das wäre dann ein Tante-Emma-Laden im Supermarkt.

  • Die Abfüllstationen haben meiner Meinung nichts in Supermärkten zu suchen. Lidl hat doch schon mit Nüssen und Trockenfrüchten versucht, dieses Konzept umzusetzen. Jedoch verdreckt alles schnell und es sieht nicht mehr einladend aus. Konsequenz: Ware wird nicht gekauft.

    Meinetwegen dann lieber die Mehrwegverpackungen, denn da kann ich sicher sein, dass die Ware von keinem anderen angefasst worden ist. Ich traue den Menschen einfach alles zu.

  • Als Fachmann und aus Verbrauchersicht sind die Unverpacktläden /Stationen nur ein vorübergehendes Phänomen. In unserer Kreisstadt hier hat der Unverpackt – Laden sogar schon wieder geschlossen.

    Dem Mehrweg gebe ich mehrheitsfähige Chancen, wenn dieses konsequent über viele Warengruppen und alle Marktteilnehmer umgesetzt wird. Genau so ein System wird dann aber auch nur der Übergang sein zu ÜBERWIEGEND regionaler Erzeugung von Lebensmitteln – und zwar auch über alle Warengruppen hinweg. Die Vielfalt nimmt sowieso ab, und den Kampf um Lebensmittel die nicht in Europa erzeugt werden haben wir ja heute schon ( was speziell den LEH im Jahr 2021 noch überraschen mag ).

    Wir werden ganz sicher wieder zu dieser regionalen Lebensmittelerzeugung zurückkehren, weil wir es müssen. Das wird nicht in den nächsten 10 Jahren passieren, aber vielleicht erlebe ich das ja noch selbst. Aber mit den Transportwegen und der stärker werdenden Knappheit der Ressourcen kehren wir fast mit Autopilot zu dem zurück, was bis vor 2-3 Generationen noch normal war. Wer diese Gedanken noch nicht hatte, werfe nun den ersten Stein. Denken Sie an mich, wenn es soweit ist !

  • Ganz allgemein wäre ein Mehrweg- statt eines Unverpackt-Systems doch eine Lehre aus der Vergangenheit. Eine Molkerei kann Mehrwegmilchflaschen und Joghurtgläser nunmal sicherer, effizienter und umweltschonender aufbereiten als der einzelne Kunde. Auch im Haushaltsbereich könnten große Anbieter ein Analog zur Brunnenflasche einführen, wenn sie denn wollten. Eine Handpumpe ab und zu als Werbegeschenk und einen normalen Schraubverschluss für die Rückgabe: ich würde es nehmen. Und die meisten Deutschen haben doch schon mit ihren Raumdeozerstäubern, Handseifeaufschäumern und in der Arbeitsplatte versenkten Spülmittelspendern eindrucksvoll demonstriert, dass sie Haushaltsprodukte effektiv nachfüllen können.

    Gleichzeitig zeigt der Zustand der Debatte auch, wie unglaublich privilegiert die Verbraucher in Mitteleuropa in ihrer Welt des relativen Wohlstands und der relativ moderaten Lebensmittelpreise sind. Sie können – anders als der Großteil der Menschen – wählen und tun es auch: Einweg über Mehrweg und Unverpackt-Schickimicki über tatsächlichen Umweltschutz.

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