SB-Kassen: Schleichender Abschied von der Kontrollwaage

SB-Kassen: Schleichender Abschied von der Kontrollwaage

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2022 könnte als Jahr in die Geschichte eingehen, in dem sich SB-Kassen in deutschen Super- und Drogeriemärkten endgültig durchgesetzt haben. Außerdem trauen sich die Handelsketten zunehmend, die fehleranfälligen Kontrollwaagen wegzulassen, um den Scan-Prozess zu beschleunigen.

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Es ist eine Riesenenttäuschung. Und nein, ich meine nicht das Rumeiern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Herren nach der FIFA-Entscheidung zur „One Love“-Kapitänsbinde bei der Wüstenstaat-WM. Sondern den hier vor drei Monaten ins Blog notierten Vorschlag an die großen Supermärkte, ihre überflüssigen Mittelmarken abzuschaffen – zu Gunsten von Billig und Bio.

Aber, gut: Da hat man nach jahrelanger treuer Begleitberichterstattung einmal einen guten Tipp für den deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Und der ignoriert das eiskalt: Überall stehen weiter massig Mittelmarken in den Regalen!

Anderswo tut man sich mit Abschieden gerade leichter. Rewe beendete seine Liaison mit dem DFB (ein bisschen früher als ohnehin geplant); im Clinch um verlangte Preiserhöhungen verschwinden zahlreiche Markenartikel bekannter Hersteller aus den Supermarktregalen; und nebenbei läuft auch noch ein kleines Revolutiönchen in der heikelsten aller Supermarktzonen, mitten in der Forschungspause des EHI Retail Institute, das seine „Markterhebung“ zum Stand des Self-Checkout im deutschen Handel nur alle zwei Jahre neu auflegt.

Dabei könnte 2022 nicht nur als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem sich SB-Kassen in deutschen Super- und Drogeriemärkten endgültig durchgesetzt haben; sondern auch das, in dem die Handelsketten den Mut dafür aufbrachten, mit der leidigen Kontrollwaage eine – zumindest aus Kund:inennsicht – wesentliche Störquelle zu beseitigen.

Stetige Quelle der Frustration

Das ist deshalb ein ziemlich großes Ding, weil Gewichtskontrollen weltweit nach wie vor weit stark verbreitet sind: Artikel müssen nach dem Scannen einzeln auf der dafür vorgesehenen Fläche abgestellt werden, um zu ermitteln, ob das Gewicht zum Produkt passt.

Befragungen der Handelsinitiative ECR Loss Prevention zufolge handelt es sich dabei immer noch um die meistgenutzte Sicherheitsvorkehrung, die an der SB-Kasse zum Einsatz kommt; sie wird von der Mehrheit der befragten Unternehmen zudem als sehr effektiv eingeschätzt. Sehr effektiv, um Betrug zu vermeiden (siehe dazu Supermarkblog).

Aber halt ähnlich effektiv, um zu verhindern, dass Kund:innen überhaupt an die SB-Kasse gehen. Weil die Wiegerei nämlich wahnsinnig fehleranfällig ist und sowohl den Scan- als auch den Einpackprozess massiv in die Länge ziehen kann, weil man sich ständig mit den Fehlermeldungen auf dem störrischen SB-Kassen-Display beschäftigen muss.

In Großbritannien hat der permanente Hinweis, dass sich ein „unerwartetes Objekt“ in der Einpackzone befindet, die Kundschaft des Marktführers Tesco so sehr in Rage versetzt, dass der 2015 beteuerte, sein SB-Kassensystem überarbeitet zu haben, eine freundlichere Stimme einzusetzen und unnötige Hinweise abgeschafft zu haben, um die „source of frustration for customers“ zu eliminieren.

Immer mehr Märkte verzichten auf Kontrollwaagen

Das hat die deutschen Supermärkte erstmal nicht davon abgehalten, sehenden Auges in dieselbe Falle zu rennen – weil der Wunsch, die Inventurdifferenzen in Grenzen zu halten, lange ausgeprägter war als ein reibungsloser Scan-Prozess für (ehrliche) Kund:innen.

Das scheint sich gerade zu ändern.

Im neuen Vorzeigesupermarkt E Center No.1 in Berlin-Steglitz (mehr dazu demnächst im Blog) kommen die sechs verbauten SB-Kassen, auf die man am Ladenende direkt zusteuert, ohne Wiegeeinrichtung aus.

Platz zum Scannen, aber ohne Kontrollwiegen: SB-Kassen im E Center No. 1; Foto: Smb

In seinem Berliner Pick-&-Go-Hybridmarkt (siehe Supermarktblog) wird von Rewe an den drei SB-Kassen derzeit ebenfalls nicht testgewogen, wenn Kund:innen dort nicht automatisch per App, sondern regulär bezahlen wollen.

Damit das Bezahlen an der SB-Kasse schnell geht, verzichtet Rewe in seinem Berliner Pick & Go-Markt (derzeit) auf Wiegevorrichtungen; Foto: Smb

Im Drogeriebereich scheint Rossmann seine SB-Kassensäulenlösung gerade weiträumiger als bisher auszurollen, ohne dass Artikel vor dem Bezahlen auf einer Einpackstation zur Kontrolle ablegen müssten (übrigens: vorbildlich barrierefrei!).

Vorbildlich barrierefrei: SB-Kassensäulen bei Rossmann; Foto: Smb

Die SB-Kassen, die Budni in seinen Neufilialen verbaut, sind deutlich wuchtiger, aber ebenfalls ohne Wiegerei.

In neuen Filialen wie in der Berliner Friedrichstraße können Budni-Kund:innen auch selbst scannen; Foto: Smb

Und selbst beim SB-Kassen-Nachzügler dm scheint man sich inzwischen für eine Lösung entscheiden zu haben, die u.a. in Frankfurt am Main (und bundesweit in 100 Filialen) zum Einsatz kommt, ohne dass dort Kontrollwaagen verbaut würden. Gegenüber „Retail Optimiser“ hat der zuständige dm-Projektleiter zudem erklärt:

„Das Verfahren mit Gewichtskontrolle ist tendenziell fehleranfällig. An den SB-Kassen wollen wir für eine angenehme Abwicklung sorgen und kundenorientierte Lösungen anbieten.“

dm hat sich bei seiner SB-Kassenlösung ebenfalls gegen Waagen entschieden; Foto: dm drogeriemarkt

Großer Schritt in Richtung schnelleres Bezahlen

Dank neuer Technologien hat der Handel inzwischen die Möglichkeit, auch ohne lästiges Kontrollwiegen zu überprüfen, ob Kund:innen beim Selbstscannen wirklich ehrlich sind.

Anbieter wie das Berliner Start-up Signatrix (Transparenzhinweis: Signatrix ist aktuell Supermarktblog-Sponsor) lassen dafür z.B. Kamerabilder per Künstlicher Intelligenz überprüfen. Wenn weniger Artikel gescannt werden als an die Kasse mitgenommen, lassen sich Kund:innen per Einblendung auf dem Screen z.B. fragen, ob sie wirklich alles erfasst haben.

Gleichzeitig ist das Weglassen der Kontrollwaagen ein großer Schritt in Richtung schnelleres Bezahlen, das sich viele Kund:innen vom stationären Handel wünschen – so sehr, dass es nicht mal die Discounter mehr ignorieren können: Netto (ohne Hund) machte schon vor fünf Jahren den Aufschlag mit Bargeldloskassen ohne Wiegevorrichtung (siehe Supermarktblog).

SB-Kassen mit separatem Auslass bei Penny; Foto: Smb

Wettbewerber Penny ist nachgezogen und kam zuletzt auf 300 Märkte, in denen Kund:innen sich selbst abkassieren können. Für den Auslass muss nach dem Bezahlen allerdings der Barcode auf dem Kassenzettel gescannt werden, wie es auch Kaufland in seinen SB-bekassten Läden handhabt.

Aldi und Lidl als SB-Nachzügler

Fehlen noch – Aldi und Lidl. Die sich zuletzt beide zumindest ein bisschen bewegt haben: Aldi Süd testet SB-Kassen seit vergangenem Jahr in den ersten deutschen Märkten.

Aldi Süd testet SB-Kassen in ausgewählten Filialen; Foto: @derNima

Lidl scheint sich ebenfalls für eine Lösung entschieden zu haben, die laut mehreren Fachmedien nach und nach im Heimatmarkt aufgebaut werden soll. Und zwar mit Kontrollwaage, wie „Retail Optimiser“ bei einem Test in Baden-Württemberg festgestellt hat, um auf Nummer sicher zu gehen. (Anders z.B. als beim Lidl-Pay-Fiasko, wo man bereit war, Unsicherheiten an die Kund:innen auszulagern.)

Dass die Ablage für den kleinen Einkauf und die Einpackstation mit Waage einmal links und rechts und einmal genau andersherum angeordnet sind, wie auf den Bildern zu sehen ist, bleibt hoffentlich ein sehr, sehr dummes Versehen in den Testmärkten und wird nicht regulär für Irritationen sorgen.

Mehr zum Potenzial der SB-Kassen im Lebensmittel-Discount steht als nächstes im Supermarktblog.

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12 Kommentare
  • Kleiner Praxisbericht aus den USA (St Louis, MO): Am schnellsten geht es, wenn man die eingekauften Sachen gleich mit dem BarCode nach oben in den Wagen legt und dann an der SB Kasse den Handscanner nimmt (Ausnahme natürlich das nach Gewicht berechnetet Obst und Gemüse). Vorteil ist dann auch, dass man nicht alles in die Plastiktüten auf dem dafür vorgesehen Rondell ablegen muss, sondern alles im ohne Tüte im Wagen lassen kann. Bei Walmart hat man den kleinen Nachteil, dass man ohne Tüten als potentieller Ladendieb angesehen und der Inhalt des Wagens am Ausgang immer mit dem Kassenzettel verglichen wird. Das geht im Regelfall aber recht zügig.

  • Hallo Herr Schader,
    Haben Sie übrigens schon mitbekommen, dass bei Penny die Anzahl der Artikel, die man mit Scan & Go bezahlen kann, auf 15 Stück begrenzt ist? Hintergrund ist der, dass ich sehr gerne bei Penny einkaufen gegangen bin, da das Einkaufen über den Scanning Vorgang der Penny App sehr einfach und komfortabel gelöst worden ist. Das ging monatelang gut, bis die Marktleitung gewechselt hat und er mir vor versammelter Kundschaft einen Vortrag gehalten hat. Dass zu dem Thema „maximal 15 Artikel“ nirgends ein Hinweis vermerkt ist, also weder auf Plakaten, noch an den SB-Kassen, noch in der App, hat er gekonnt ignoriert. Meine Beschwerde in der Penny Zentrale wurde nie beantwortet. Mich würde nur interessieren, ob jemand schon irgendwo diesen Hinweis vernommen hat…?

    • Das war die Penny Filiale in 74906 Bad Rappenau… Nicht ganz Ihr Ziel-Gebiet, ich weiß. 🙂 Mir ging es auch nur um die grundsätzliche Frage, ob das allgemein bekannt ist.

    • Das scheint regional auch unterschiedlich zu sein. In den Berliner Rewe-Märkten habe ich bislang keine Hinweise gefunden, bis auf Rewe Lichtenberg in der Weitlingstraße. Hier sind an den Express-Kassen schon länger maximal 10 Artikel erlaubt. Beim 1. Lesen des Schildes hatte ich 11 Artikel und fragte erst mal bei der Aufsicht nach. Ja machen Sie, ist gerade nicht viel los, als Grund wurden mir die sonst zu lang werdenen Schlangen genannt. Zumindest damals gingen 11 Artikel auch durch.

    • Bei E.Leclerc (F)wird man auch schnell mal wegen mehr als einer Hand voll Artikeln von den SB-Kassen weggescheucht, obwohl ich noch kein entsprechendes Schild vorgefunden habe. Und mitarbeiterbediente Kassen machen schon wegen der gerade in F schwankenden Akzeptanz europäischer KK (je nach Tagesform?) besonderen „Spaß“ …

  • Hier in Dresden-Mickten haben sich die SB-Kassen bereits 2020 durchgesetzt: Wir haben SB-Kassen im Rewe, Kaufland, Netto (ohne Hund), Hornbach und Ikea. Nur der Aldi Nord hat noch keine SB-Kassen. Inzwischen ist meine Entscheidung, welchen Supermarkt ich besuche, davon abhängig, ob SB-Kassen vorhanden sind.

    Vorreiter im Bezug auf Self-Scanning ist eindeutig Rewe: Von 18 Märkten im Stadtgebiet haben 16 SB-Kassen, 5 darüber hinaus Scan & Go. Rewe ist hier der einzige Anbieter im Lebensmittelbereich, der konsequent auf SB-Kassen setzt und Standorte mit Scan & Go hat. Bei anderen Anbietern gibt es vereinzelt noch Neueröffnungen oder Umbauten ohne SB-Kassen. So gibt es in Dresden zwei nagelneue E-Center – ohne SB-Kassen.

    Auf dem zweiten Platz befindet sich Netto (ohne Hund) – 11 von 47 Filialen haben SB-Kassen. Bei den anderen Ketten sieht es mau aus: Bei Edeka (4 von 13) und Kaufland (1 von 9) findet man SB-Kassen nur vereinzelt, beim Rest (Lidl, Aldi, Penny, Netto mit Hund, Norma, Nahkauf, Diska, Konsum, CAP, Bio-Markt) gar nicht.

    Bei der Ausstattung der SB-Kassen scheinen sich Lidl/Kaufland und die anderen Ketten auseinanderzuentwickeln: Während Lidl und Kaufland weiterhin auf Kontrollwaage und Barzahlungsmöglichkeit setzen, schaffen andere Ketten inzwischen bargeldlose Geräte ohne Kontrollwaage an. Vermutlich, weil die kostengünstiger und platzsparender sind oder man wie Netto (ohne Hund) die Kassen unbeaufsichtigt betreiben will.

    Von der Benutzerfreundlichkeit würde ich die Systeme wie folgt ordnen:
    1. Rewe Scan & Go Handscanner (superschnell durch die Kasse kommen, aber manchmal langdauernde Stichprobenkontrollen)
    2. Netto ohne Hund (keine nervige Kontrollwaage, schnelles Scannen, Eintüthaken, aber Bezeichnung und Bilder von Backwaren manchmal verwirrend)
    3. Rewe Scan & Go App (Barcodeerkennung schlechter als bei Handscanner, keine Halterung für Smartphone vorhanden)
    4. Rewe klassisch (Eintüthilfe vorhanden, aber scannt QR-Codes mit Webadressen von Verpackung und meckert, labert viel)
    5. Kaufland (große Ablagefläche, aber kein direktes Eintüten möglich, nervige Ausgangsschranke)
    6. Edeka (keine nervige Kontrollwaage, aber keine Eintüthaken, kaum Ablagefläche neben Gerät, Bio-Ware im Menü völlig woanders als konventionelle Ware, unverständliches Behältnis-Auswahlmenü bei Wiegeware, nervige Ausgangsschranke)
    7. konventionelle bediente Kasse (ewig lange Schlangen, Waren werden viel zu schnell gescannt, ungeduldige Kassiererin und Folgekunden)

  • Mindestens der Kaufland Hamburg-St. Georg (Berliner Tor) schwimmt gegen den Strom: Der real hatte an diesem Standort SB-Kassen, seit der Umwidmung zu Kaufland gibt’s keine mehr.

  • Abweichende Meinung zur Mal-so-mal-so-Anordnung von Lidl: Ich finde es gefühlt intuitiv, dass immer „vom Laden zum Ausgang hin“ gescannt wird, analog zum Kassenband. Also bei Anordnung auf der linken Seite nach rechts und an der rechten Seite nach links. Und ich zweifle gerade massiv, ob das nicht an den meisten bisherigen SB-Kassen so ist?

  • Keine Ahnung, was sie in Italien anders machen. Ich wohne dort und nutze, wo immer vorhanden, die SB-Kassen, sofern Barzahlung möglich ist. Unterbechungen bei Scannen habe ich eigentlich nur, wenn es sich um reduzierte Waren handelt, oder Alkohol. Hier sind die Selfscannkassen eigentlich immer mit Waagen ausgestattet, mal abgesehehen von Läden, wie IKEA o.ä., wo es aufgrund der Sperrigkeit vieler Artikel wenig Sinn macht.

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