Was vom Pferdefleischskandal übrig bleibt

Was vom Pferdefleischskandal übrig bleibt

Tiefkühl-Lasagne im Supermarkt
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Tiefkühl-Lasagne im Supermarkt

Fast vier Monate ist es her, dass in zahlreichen Tiefkühlgerichten europäischer Supermärkte Anteile von Pferdefleisch gefunden wurden, die da nicht hingehörten: Im „Rindergulasch“ von Aldi und Lidl, in den Lasagnen der Billigmarken Gut & Günstig (Edeka), A&P (Kaiser’s) und Tip (Real), dem Chili con Carne von Rewe und Kauflands Penne Bolognese.

Was ist seitdem passiert?

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Als einziger deutscher Händler hat Rewe Ende Februar angekündigt, bei seinen Eigenmarken „nur noch deutsches Rindfleisch“ verwenden zu wollen. 50 Produkte mit „namhaftem Rindfleisch-Anteil“ müssen umgestellt werden. Passiert ist das laut Rewe zum jetzigen Zeitpunkt bereits beim Chili con Carne und den Spaghetti-Bolognese der Rewe-Eigenmarke. Auf den Produkten sei ein entsprechender Hinweis angebracht: „deutsches Rindfleisch“.


In Großbritannien, wo der Skandal seinen Ausgang nahm, will Tesco künftig mehr britisches Fleisch für seine Produkte verwenden. Das wird nicht so schnell gehen. Der „Telegraph“ zitiert einen Einkäufer der britischen Fleischindustrie damit, dass die Landwirte nicht auf Knopfdruck mehr Rinder parat haben:

„Das ist ein Prozess, der sich mindestens über zwei Jahre erstreckt, von der Aufzucht bis zum Verkauf eines Tieres.“

Die meisten anderen Handelsketten erklären auf Supermarktblog-Nachfrage, sich eher auf strengere Kontrollen zu konzentrieren. Eine Kaufland-Sprecherin sagt:

„Eine komplette Umstellung auf Rindfleisch aus Deutschland haben wir derzeit nicht vorgesehen, da es sich bei diesen Vorgängen [die zum Skandal geführt haben; Red.] um kriminell motivierte Falschdeklarationen handelte und [dies] aus unserer Sicht daher ein Thema der Kontrollsysteme ist.“

Deshalb seien die „bereits sehr umfangreichen Eigenkontrollen auf die Untersuchung von Pferdefleisch ausgedehnt“ worden. Lidl, das wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe gehört, teilt mit, Tests auf Pferde-DNA künftig „systematisch“ von den Herstellern einzufordern. Aldi Nord will „zusätzlichen Möglichkeiten“ zur Qualitätskontrolle prüfen. Real argumentiert, dass auch der Bezug von deutschem Rindfleisch nicht zwangsläufig vor kriminellen Machenschaften schützen würde:

„Im Interesse unserer Kunden werden daher alle Lieferanten von Eigenmarkenartikeln zukünftig noch strenger und engmaschiger kontrolliert, so dass eine Wiederholung möglichst ausgeschlossen wird. Durch gezielte Projekte werden wir zukünftig die Rückverfolgbarkeit verbessern.“

Edeka schießt indirekt gegen den Konkurrenten Rewe, ein Sprecher erklärt:

„Die ausschließliche Verwendung deutschen Rindfleischs ist (…) kurzfristig ausgeschlossen, und eine entsprechende Ankündigung wäre unseriös.“

Das beurteilt Rewe auf Supermarktblog-Nachfrage anders:

„Wir sehen keinen Versorgungsengpass, da die Anzahl der umzustellenden Artikel vergleichsweise überschaubar ist. Gleiches gilt für die  damit verbundenen Volumina. In Deutschland ist genügend Rindfleisch in entsprechender Qualität verfügbar. Derzeit gehen wir davon aus, dass wir spätestens bis zum Jahresende die Umstellung haben abschließen können.“

Kaiser’s Tengelmann hat sich bisher nicht geäußert. Nachtrag: Bei Kaiser’s Tengelmann heißt es: „Die Herkunft des Fleisches ist und war bislang nicht das Problem“, denn auch deutsches Rindfleisch könne Spuren von Fremd-DNA enthalten, wenn z.B. bei der Produktion unsorgfältig gearbeitet würde. Beim Einsatz von ausschließlich deutschem Rindfleisch für Fertigprodukte sei die Frage zu stellen, „ob die benötigte Menge für alle Hersteller gewährleistet werden“ könne.

[Die vollständigen Auskünfte der Handelsketten stehen hier.]

Supermarkt-Logos

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In Großbritannien wird die Diskussion schärfer geführt als in Deutschland. Die britische National Beef Association beschuldigt die großen Supermarktketten, selbst Verursacher des Problems zu sein, das sie jetzt vorgeben, lösen zu wollen. Über Jahre hinweg hätten die Ketten die Preise für Lebensmittel so stark gedrückt, dass es für britische Hersteller unmöglich geworden sei profitabel zu wirtschaften. Um das zu ändern, müssten die Preise für die Produkte wieder steigen. Genau das sei bisher aber nicht passiert. Auch bei den bereits umgestellten Rewe-Produkten ist der Preis gleichgeblieben.

Die Supermärkte wissen sehr genau, warum sie mit Preiserhöhungen vorsichtig sind. Einen Monat nach Bekanntwerden der Fleisch-Panscherei, als täglich neue Details das Ausmaß des Skandals noch vergrößerten, veröffentlichte das britische Handelsmagazin „The Grocer“ eine Umfrage, in der Kunden angeben sollten, wie viel sie bereit wären, künftig mehr zu zahlen, um Produkte zu kriegen, in denen auch tatsächlich das drin ist, was draufsteht. Die Hälfte der Befragten meinte:

Wie – mehr bezahlen?

Jeder zweite Kunde würde für sein Tiefkühlgericht also keinen Cent zusätzlich auszugeben, um Pferdeüberraschungen (oder ähnliches) zu vermeiden. Die Händler sollen auch so dafür garantieren, dass das von ihnen verkaufte Fertigessen in Ordnung ist.

Das ist vom Prinzip her ja auch nicht ganz falsch. Offensichtlich haben sich die Supermärkte und Discounter mit ihren Preiskämpfen aber so lange unterboten, dass die Billigmarken-Käufer jetzt gar nicht mehr einsehen, warum Lebensmittel mehr kosten sollen als bisher, um unter vernünftigen Bedingungen hergestellt werden zu können.

Sind die deutschen Verbraucher vernünftiger?

Die GfK hat ausgerechnet, dass Tiefkühl-Fertigprodukte mit Fleisch von Oktober 2012 bis Januar 2013 viel öfter gekauft wurden als im gleichen Zeitraum zuvor (plus 5,1 Prozent). Nach Bekanntwerden des Pferdefleischskandals hat sich das in ein starkes Minus verwandelt – einerseits, weil viele Gerichte aus den Läden genommen wurden, und andererseits, weil die Kunden den Rest lieber liegen gelassen haben. Im März brach der Verkauf von Lasagne und Canneloni um über 15 Prozent ein. Das ist ein ganz erheblicher Schwund.

Dabei handelt es sich offensichtlich aber eher um einen Reflex, und nicht um einen Erkenntnisgewinn.

Zumindest kaufen die wenigsten Ex-Tiefküllasagne-Esser jetzt frische Sachen ein und machen sich die Mühe, selbst zu kochen. Denn der neue Star im Supermarkt ist laut GfK jetzt – Fertigessen mit Fisch:

„Diese [Gerichte] erfreuten sich im Februar 2013 einer drei Mal so hohen und im März immerhin noch einer doppelt so hohen Mengennachfrage wie im entsprechenden Vorjahresmonat.“

Dem „Grocer“ hat Tim Lang, Professor für Ernährungspolitik an der Londoner City University, den schönen Satz gesagt:

„Die Leute ändern ihre Essensgewohnheiten nur dann, wenn sie einen Herzinfarkt hatten, Krebs kriegen oder schwanger werden.“

Fotos: Supermarktblog

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8 Kommentare
  • „Was ist seitdem passiert?“

    Mein Kaufverhalten bei hat sich geändert. Fleisch kaufe ich nur noch gelegentlich und dann frisch zum selbst braten/kochen. Und was Fertiggerichte angeht: Bei Pizza gibt es ja schon erfeulich viele fleischfreie Varianten, und selbst Ravioli kann man auch mit Gemüse-Füllung kaufen. Auf Lasagne und Canneloni aus der Tiefkühltruhe kann ich gut verzichten.

  • „Offensichtlich haben sich die Supermärkte und Discounter mit ihren Preiskämpfen aber so lange unterboten, dass die Billigmarken-Käufer jetzt gar nicht mehr einsehen, warum Lebensmittel mehr kosten sollen als bisher, um unter vernünftigen Bedingungen hergestellt werden zu können.“
    Das ist auch eine Frage des Vertrauens: Wird die Preiserhöhung von den Supermärkten dazu genutzt, Lebensmittel unter besseren Bedingungen herzustellen? Oder ist es einfach ein Vorwand, um die Gewinnmarge zu steigern?

    Mit den regelmäßigen Testergebnissen in verschiedensten Bereichen, laut denen die Qualitätsunterschiede bei Inhalt und Herstellung von teureren Markenprodukten und billigeren No-Name-Produkten vernachlässigbar ist, haben Markenproduzenten ein nachhaltiges Vertrauensproblem. Warum sollte man ihnen glauben, dass die höheren Preise dieses Mal in die Qualität und Kontrolle der Produkte geht?
    Oder anders ausgedrückt: Welche (Marken)Hersteller können von sich reklamieren, die komplette Produktion genau zu kennen, wo gab es kein einziges Produkt aus Pferdefleisch?

  • Ich erlaube mir, zum Thema Verbraucherverhalten auf einen Text von Friederike Spieker zu verweisen. Der Link führt zu Flassbeck-Economics und dem Text „Was haben Sklavenarbeit in Bangladesch, Pferdefleischskandal und Ökostrom gemeinsam?“.

    Spieker stellt darin die Frage, warum es eigentlich der Verbraucher sei, der sich ändern müsse.

    • Frau Spieker spricht mir aus der Seele. Das gärt die Tage schon in mir und entlädt sich jetzt hier:
      Wir alle sind Schuld an dem (ja wirklich schlimmen) Unglücken in Bangladesch! Nein, bin ich nicht!

      Die Ausbeuter in Bangladesch sind schuld. Die dortigen Behörden sind schuld. Die hiesigen Behörden sind schuld, wenn trotz bekannter Missstände so etwas hier verkauft werden darf. (Ach ja, heiliger Freihandel.) Und vor allem sind hiesige Händler alleine moralisch verantwortlich, wenn sie ihr Geschäftsmodell auf Ausbeutung gründen. Und letztendlich allgemein gesprochen ist es das Wirtschaftssystem, dass dafür sorgt, dass der „ehrbare Kaufmann“ der Dumme ist und die Gewinnmaximierung die heilige Kuh ist. Hier helfen letztlich nur Gesetze zur Schadensminimierung.

      Politik und Wirtschaft haben es leicht, immer alle Fehlverhalten dem angeblichen „Geiz-ist-Geil“-Verbraucher zuzuschieben. Das ist die perverse marktliberale Logik: „Der Verbraucher will es ja so und könnte es ändern!“

      Da „der Verbraucher“ als schwächstes Glied mittlerweile häufig mit dem Rücken zur Wand steht und jeden Cent zweimal umdrehen muss, und sich gar nicht sicher sein kann, dass die Qualität oder Produktionsstandards (Thema Kleidung) bei teureren Produkten wirklich besser ist, wäre er blöd, mehr auszugeben, als nötig.
      (Die Supermärkte, die den identischen Schinken als Haus- und Mittelmarke verkaufen, tun ihr übriges dazu, dass man Qualität und Preis völlig losgelöst betrachtet und sich bei teureren Produkten nur für dumm verkauft hält.)

      Gefordert sind zuerst mal die Hersteller und Händler. Diese sind nämlich ganz allein verantwortlich für das, was sie anbieten (und auch für ihr Geschäftsmodell und ihre Preiskalkulation). Außerdem ist der Gesetzgeber – also die Gesellschaft – in der Pflicht, zu regeln, was für Ware und Methoden wir dulden wollen und was nicht.

      Ich esse übrigens ab und zu mal gerne und weiterhin Fertiglasagne 😉

  • […] Alles ver­ges­sen: Pfer­de­fleisch in der Lasa­gne — war da was? Vier Monate nach dem Skan­dal hat der Super­markt­blog bei den Lebens­mit­tel­ket­ten nach­ge­fragt, was seit­dem pas­siert ist. Zudem wirft der Bericht einen Blick auf die Ver­brau­cher: Hat sich ihr Ein­kaufs­ver­hal­ten ver­än­dert? Super­markt­blog […]

  • Sebastian – nein, das sehe ich völlig anders. Wir Verbraucher sind nicht das schwächste Glied. Und wer – Arbeitslose etc. natürlich ausgenommen – ständig jeden Cent immer zwei Mal umdrehen muss, sollte sich überlegen, ob er grundsätzlich etwas falsch macht in Punkto Anspruch. Ich bin verantwortlich für das, was ich kaufe. Und niemand sonst. Das heißt ja nicht, dass der politische Weg unsinnig wäre. Aber unsere Nachfrage ist doch nur wirklich das allereinfachste und schnellste Druckmittel, das wir haben.

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