In Brooklyn bringt Whole Foods die Mission des Supermarkts von morgen auf den Punkt (und braucht dafür bloß 4 Wörter)

In Brooklyn bringt Whole Foods die Mission des Supermarkts von morgen auf den Punkt (und braucht dafür bloß 4 Wörter)

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In Brooklyn hat Whole Foods den ersten Ostküsten-Laden seines Discount-Bio-Konzepts 365 eröffnet und demonstriert, wie Supermärkte in großen Städten künftig funktionieren müssen.

Partner und Sponsoren:

Selbst im lange Zeit nicht gerade einrichtungsaffinen deutschen Discount dürfen Neonröhren langsam aber sicher als ausgestorben betrachtet werden. Ausgerechnet Amazons Bio-Supermarktkette Whole Foods sorgt jetzt für ein Comeback der Leuchtstoffschlangen – als Designelement im frisch eröffneten ersten New Yorker 365-Markt. (Der mehr Wert auf günstige Preise legt und dem Teuer-Image der Kette entgegen wirken soll.)

In manchen Gängen hängen die Lichtstreifen so schief herum, als hätten sie am Abend zuvor zu tief in die Steckdose geschaut. Sie knicken urplötzlich von der Decke ab und laufen keck invers über die Betonwand an den Tiefkühltruhen weiter, bevor sie einfach nach unten wegkippen. Über den Nüssen in Richtung Käse geht der Domino-Effekt in die andere Richtung weiter. Bis schließlich über den Kassen im Quadrat geleuchtet wird.

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Kurz gesagt: Die neue (sicher umweltfreundlichere) Generation der Supermarktilluminatoren nimmt sich einiges heraus, das sich ihre schnurgerade an Decken hängenden Leuchtgroßeltern nie und nimmer getraut hätten.

Für die 365-Ladenkundschaft im Nachbarschaftsviertel Fort Greene, das zum Stadtteil Brooklyn gehört, hat das einerseits den Vorteil, endlich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Sonnenbrille einkaufen zu können.

Andererseits ist es auch notwendig, weil der größte Teil des 2.800 Quadratmeter umfassenden Ladens neben der Brooklyn Academy of Music im Untergeschoss liegt und deshalb naturgemäß wenig Tageslicht anzubieten hat. Auf dem Weg dorthin haben die Ladendesigner einen praktischen Wegweiser über die Rolltreppe gepinselt, mit dessen Hilfe Kunden entscheiden können, weshalb sie eigentlich hier sind:

„Stock up“? Einfach links abbiegen.

„Eat quick“? Dann bitte scharf rechts.

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Mit diesen vier Worten bringt Whole Foods auf den Punkt, wie große Supermärkte in großen Städten künftig funktionieren müssen, um im Wettbewerb bestehen zu können: Nicht nur wie bisher als Zwischenlager für Lebensmittelbevorrater, sondern auch als Ort, von dem ein Teil der Kundschaft erwartet, mit einer gewissen Auswahl an Sofortverzehrbarem versorgt zu werden.

Willkommen, Lunchbox-Selbstauffüller

Wer erstmal ganz klassisch einkaufen will, lässt sich bei 365 in die Leuchtschlangen-beschmückten Regalschluchten führen. Alle anderen werden direkt an die „Grab and Go“-Theke gelotst, können sich eine Lunchbox befüllen und ein Verzehrpäuschen mit Sitzgelegenheit einlegen.

In seinen übrigen Filialen setzt Whole Foods dieses Prinzip noch sehr viel konsequenter um, z.B. mitten in Manhattan am Standort Bryant Park, wo der Übergang vom Supermarkt zum Restaurant deutlich fließender gestaltet ist (siehe Supermarktblog: Einkaufen, Mittagessen – oder beides?).

Lange Theken mit üppiger Auswahl für Lunchbox-Selbstbefüller gehören ohnehin zum Standard vieler Filialen der Bio-Kette.

Beim relativ neuen 365-Marktkonzept geht die Amazon-Tochter aber noch einen Schritt weiter und verbündet sich mit (unabhängigen) jungen Gastronomie-Konzepten, die als „Friends of 365“ in die Läden geholt werden.

In Fort Greene geht die Freundschaft sogar so weit, dass die Verpflegungskumpels das erste sind, das die Kunden sehen, wenn sie den Markt betreten, wie in einer Art Mini-Foodhall.

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Bei Next Level Burgers gibt’s vegane Burger, nebenan frisch gepresste Säfte von Juice Press, Orwashers hat die Auslage voller Bäckerei-Leckereien aus NYC, und Whole Foods selbst steuert die „PourIt Authority“ bei, eine SB-Zapfanlage für Getränke (inklusive Wein und Bier).

Sitzgelegenheiten gibt es auch im Obergeschoss schon zuhauf. Und wer erst während des Einkaufens merkt, wie das Hungergefühl zügig in ihm aufsteigt, den rettet an Ort und Stelle – das Pizza-Telefon!

„Order Pizza here – Phone it in“,

steht auf den Schildern an einer Säule mit rotem Notfalltelefon und Bestellmenü darüber – eine Einladung an alle, denen die warmgehalteten Pizzastücke-Auswahl in der Theke daneben zu konventionell scheint.

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Ausführlich fotodokumentierte Besuche haben dem Laden u.a. Brooklyn Paper, Business insider, Patch.com, Retailwire.com und Supermarket News abgestattet.


Für hiesige Supermärkte ist das vielleicht ein bisschen viel der Spielerei. Aber auch europäische Handelskettenerkennen verstehen zunehmend, dass Supermärkte nicht mehr nur als reine Zwischenlager funktionieren.

  • Mit seinen Food Markets etabliert Jumbo große SB-Warenhäuser in den Niederlanden als Ausflugsorte, die außer dem reinen Vorratseinkauf auch ein leckeres Mittagessen, ein Stück Kuchen und reichlich Kochinspiration bieten (siehe Supermarktblog).
  • In Deutschland hat Real dieses Prinzip zum Teil auf sein „Markthallen“-Konzept übertragen. (Das aber nur schwer auf alle Standorte anwendbar sein wird; siehe Supermarktblog.)

Edekas „Genusswelt“ für Mittagspäusler

Dennoch kommen viele deutsche Supermärkte über die Versorgung ihrer Kunden mit fingerdick belegten Fleischkäse- und Buletten-Brötchen (noch) nicht hinaus, wie Rewe gerade eindrucksvoll mit seinem in die Filialen gedrückten „deli am Markt“ beweist. (Nachdem weitergehende Gastro-Ambitionen gerade spektakulär beerdigt wurden.)

Edeka kann sich immerhin bei zahlreichen seiner selbstständigen Kaufleute abgucken, wie wichtig eine (ortsspezifische) Gastronomie auf der Verkaufsfläche ist. So wie die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover für ihren neu gebauten Regie-Supermarkt in Berlin-Schöneweide, wo Mittagspäusler Schlange an der „Genusswelt“ stehen.

Meistens zwar auch nur, um eher traditionelle Mahlzeiten aufgetellert zu kriegen: Pasta Bolognese für 5,49 Euro, Rinderroulade mit Apfelrotkohl für 7,49 Euro, Backfisch mit Pommes für 5,49 Euro.

Zumindest traut sich das E-Center-Team aber auch zu, Wok-Gerichte und „Premium Burger“ zu verkaufen – zum Beispiel den, ähm, „Rockstar“ mit „200 Gramm Premium-Rindfleisch aus Irland, knusprigem Bacon und rauchiger BBQ-Soße“. (Danke an Supermarktblog-Leser Antoni für den Hinweis!)

(Sitzgelegenheiten, um sich in Ruhe mit einer dieser leichten Zwischenmahlzeiten zu beschweren, gibt es auch – mit direktem Anschluss zur Fleisch- und Fischtheke.)

Dabei stünde es gerade den Individualismus-Befürwortern von Edeka gut zu Gesicht, „Genusswelten“ nicht ausschließlich selbst mit einem Best-of deutscher Fleischklassiker zu befüllen, sondern sich ähnlich wie Whole Foods mit jungen Gastronomen zusammenzutun. Solchen, die in ihrer Stadt schon erfolgreich sind, nicht nur ein funktionierendes Konzept mitbrächten, das sich auf kleinerer Fläche ausprobieren ließe, sondern auch ein nicht ganz so edekahaftes Design und eine Zielgruppe, die sonst von sich aus immer seltenerer den Weg in den Lebensmitteleinzelhandel findet.

Wie gesagt: Das wird gewiss nicht überall funktionieren. Aber die richtige Zeit, um es auszuprobieren, wäre: jetzt.

Titel: Whole Foods, Fotos: Supermarktblog"

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4 Kommentare
  • Einzelnen Edeka Kaufleute vollbringen wahre Wunder.

    Wir haben solch einen am Ort, immer beste Qualität, sei es Vorrat oder für den schnellen Hunger, dabei auch außergewöhnliche Dinge, ein individuell von Architekten gestaltetes Geschäft mit warmer, moderner Holzkonstruktion, Spots und indirekter Illumination, beim Obst und Gemüse ist einfach so ein riesiges, toll gepflegtes Aquarium aufgestellt, stets freundlicher und schneller Service, an der Kasse ist zwar eine Kassiererin, aber man wirft sein Bargeld in einen Automat, der auch gleich das abgezählte Rückgeld ausspuckt, damit wird der deutschen Kundschaft, die halt gerne Bar zahlt, Rechnung getragen, aber es ist hygienischer und geht nicht langsamer als eine RFID Zahlung.

    Der Kaufmann hat sich von vorne bis hinten sehr eigenständige Gedanken gemacht und lebt trotzdem die klassischen Tugenden guten Service (Regale auch stets voll befüllt, nirgendwo steht was in den Gängen das den Weg versperrt, intuitive Sortierung..).

    Der Laden ist zu jeder Tageszeit brechend voll, aber die Wartezeiten sind minimal. Ein in jeder Hinsicht gelungenes Konzept. Man fragt sich, warum gerade Edeka die Kraft der basisdemokratischen Organisation nicht besser nutzt, solche Konzepte aufnimmt und auch den weniger ambitionierten Kaufleuten zur Verfügung stellt.

  • Gastronomie mit Sitzgelegenheiten direkt im Supermarkt ist in Deutschland wegen der Umsatzsteuer höchst problematisch. Man müsste bei allen Lebensmitteln, die vor Ort verzehrt werden könnten, 19% statt 7% Umsatzsteuer verlangen. Oder bei jeder Scheibe Wurst „zum hier essen oder zum mitnehmen“ fragen und alle Preise doppelt auszeichnen. Eine Mischkalkulation wie bei McDonalds wird bei Discountpreisen kaum möglich sein.

    Ansonsten gibt es doch im Umfeld fast jedes größeren Marktes seit jeher Imbisse und Gastronomie. Halt nicht direkt im Supermarkt, aber im im gleichen Gebäudekomplex.

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