Kostenlos-Lieferung und Ein-Stunden-Zeitfenster: Rewes Lieferservice im Experimentiermodus

Kostenlos-Lieferung und Ein-Stunden-Zeitfenster: Rewes Lieferservice im Experimentiermodus

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Haben Sie auch den Blitz draußen auf der Straße gesehen? Das war kein Herbststurm, sondern wahrscheinlich Rewes Lieferservice. Der unternimmt gerade allerlei Lieferexperimente in größeren Städten.

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Haben Sie auch den Blitz draußen auf der Straße gesehen? Das war kein Herbststurm, sondern wahrscheinlich Rewes Lieferservice. Der verspricht seit Mitte August das „Einkaufen im Turbomodus“ für „die eiligen und kurzentschlossenen Kunden“, die ihre online bestellten Lebensmitteleinkäufe schon am selben Tag nachhause gebracht kriegen wollen – jetzt auch von Rewe (so wie es die Wettbewerber Amazon Fresh und Bringmeister schon länger versprechen).

Die Lieferung funktioniert in der Praxis tatsächlich zügig – so zügig sogar, dass man sich im Zweifel beeilen muss, vor Beginn des vereinbarten Zeitfensters zuhause zu sein, weil die Lieferung per SMS um über eine halbe Stunde vorgezogen wird.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man überhaupt ein freies Zeitfenster zur so genannten Same Day Delivery ergattert. Genau das gestaltet sich seit dem Start des Services, den Rewe „für weite Teile der Kunden in Ballungszentren“ anbieten will, aber eher kompliziert.

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Wer die taggleiche Belieferung in der vorigen Woche rund um den Feier- bzw. Brückentag in Anspruch nehmen wollte, hatte zumindest in Berlin ziemliches Pech: Die ab 17 Uhr für die Same Day Delivery zur Verfügung stehenden Zeitfenster waren allesamt ausgebucht, auch schon morgens um 8 Uhr.

Am Dienstag …

… genau wie am Mittwoch.

Oder am Freitag usw.


Screenshots [M]: Smb

Übrigens auch in anderen Städten wie Köln, wo Rewe mit seinem automatisierten Kommissionierlager Scarlet One eigentlich ausreichend Kapazitäten zur Verfügung haben müsste (falls genügend Fahrer:innen zur Auslieferung bereit stünden).

Begehrte Slots nach Feierabend

In dieser Woche war’s für Sehrfrühaufsteher geringfügig leichter, einen Termin abzukriegen. Von der Möglichkeit, gemütlich um die Mittagszeit bis 13 Uhr zu bestellen, wie Rewe verspricht, ist das Angebot derzeit aber weit entfernt. Das könnte z.B. daran liegen, dass keine Zeitfenster explizit für Same Day Delivery reserviert werden; im Zweifel schnappen sich einfach schon Vortagsbesteller die begehrten Slots nach Feierabend. Damit böte Rewe praktisch einen Service an, der sich nur im Ausnahmefall nutzen ließe.

Auf Supermarktblog-Anfrage erklärt ein Sprecher von Rewe Digital jedoch, „dass wir für die Belieferung unserer Same-Day Kunden spezielle Touren zusammenstellen und Zeitfenster bereit halten.“ Der „überwiegende Teil unserer Kunden“ plane Einkäufe aber eher mit Vorlauf. Hilft aber ja nix – wenn kein Zeitfenster übrig ist, ist kein Zeitfenster übrig.

Dennoch scheint man in Köln inzwischen endlich erkannt zu haben, wie wichtig es ist, den schon vor Jahren auf die Straße gebrachten Lieferservice kontinuierlich weiter den Bedürfnissen seiner Kund:innen anzupassen, anstatt seinen Frühstarter-Bonus komplett zu verspielen (siehe Supermarktblog).

Zusätzlich zahlen? Lieber nicht

Im Rewe-Group-Magazin „One“ erklärte Rewe-Digital-Chef Christoph Eltze – der im Vergleich zu manchem Vorgänger damit auffällt, dass er nicht nur Buzzwords jongliert, sondern klare Ideen formuliert – kürzlich zur taggleichen Lieferung:

„[E]twa zehn Prozent der Kunden nutzen bisher den Service und sind damit sehr zufrieden. Wir wissen jedoch auch: Kunden in Deutschland sind nur begrenzt bereit, für diese logistische Leistung auch einen Mehrpreis zu bezahlen.“

Deshalb arbeite man daran, die Logistik so zu optimieren, dass man den Expressdienst ohne Aufpreis anbieten könne. Ganz so kostenfrei, wie sich das anhört, ist es freilich nicht: Wer knapp über dem Mindestbestellwert landet, zahlt für das Same-Day-Zeitfenster am Abend (ohne Monatspass) reguläre 5,90 Euro Liefergebühr.

Selbstständige Kaufleute an Bord

Eltze schildert auch das Bemühen, die selbstständigen Kaufleute mit ihren Lieferservices auf rewe.de zu integrieren. Seit diesem Jahr können Händler:innen ihre Bestellungen über das bestehende Shop-System abwickeln und Einkäufe anschließend selbst oder mit Partnern ausliefern lassen.

Inzwischen böten über 130 Rewe Märkte einen solchen regionalen Lieferservice mit Anschluss an rewe.de an, heißt es in Köln. Dafür muss man sich als Kund:in einmalig vor der ersten Bestellung vom jeweiligen Markt freischalten lassen.

„Je nach individueller Kapazität, Größe und Möglichkeiten der Märkte vor Ort, entscheiden die Kaufleute selbst, ob und welchen Mindestbestellwert sie aufrufen, ob und welche Lieferkosten sie berechnen sowie an welche Postleitzahlen sie liefern. Unsere Kaufleute kennen ihre Region am besten und wählen daher je nach Gegebenheit und Struktur der Märkte das von den Kunden bevorzugte Liefergebiet im Umkreis des Marktes aus.“

Ob eine Bestellung bei Rewe direkt oder bei einer Kauffrau bzw. einem Kaufmann landet, soll an einem eigenen Symbol für den regionalen Lieferservice erkennbar sein.

Fest steht: Die Digital-Abteilung der Kölner befindet sich derzeit im Experimentiermodus – trotz oder wegen des kleinen Durchhängers bei Amazon Fresh, wo man die Lieferung der Einkäufe gerade selbst ins die Hände genommen hat (siehe Supermarktblog), und sicher auch in vorbereitender Abwehr des sich in NRW ausbreitenden Konkurrenten Picnic.

Nach Supermarktblog-Informationen testet Rewe derzeit in mehreren Städten unterschiedliche Wege, Kund:innen die Lieferung ihrer Einkäufe bequemer als bisher zu gestalten).

1. Kostenlos-Lieferung

  • In einigen Städten bietet Rewe Kund:innen seit dem Sommer „1a Service“ für „0€ Liefergebühr“ an: die Kostenlos-Lieferung in 4-Stunden-Lieferzeitfenstern.
  • Das bedeutet: Anders als bei Picnic müssen Kund:innen länger warten, dafür sind täglich drei Zeitfenster mit kostenloser Lieferung verfügbar (9 bis 13 Uhr, 14 bis 18 Uhr, 18 bis 22 Uhr).

  • Im Idealfall kann Rewe dadurch Lieferungen im selben Stadtgebiet besser koordinieren und Aufwand bzw. Kosten reduzieren.
  • Verfügbar ist die Kostenlos-Lieferung derzeit u.a. in München-Schwabing, im Kölner Agnesviertel und in Hannover.
  • Rewe Digital bestätigt, „ausgewählten Kundenkreisen im Rahmen von Tests die Möglichkeit [zu] bieten, kostenfreie Lieferungen zu erhalten. Da es sich um laufende Tests handelt, lassen sich noch keine Prognosen für die Zukunft ableiten.“
  • Regulär müssen Kund:innen bislang für über 120 Euro einkaufen, um kostenlos beliefert zu werden (siehe Supermarktblog).


Facebook-Screenshot: @Slaydnr

2. Ein-Stunden-Zeitfenster

  • In der Mannheimer Innenstadt hat Rewe seinen Lieferservice auf Ein-Stunden-Zeitfenster umgestellt.
  • Zwischen 7 und 22 Uhr stehen insgesamt 29 (!) solcher Ein-Stunden-Zeitfenster zur Verfügung.
  • Alternativ kann aus drei längeren Zeitfenstern (4 bzw. 5,5 Stunden) gewählt werden.

  • Das scheint noch nicht so richtig zu klappen: Kund:innen berichten, dass ausgewählte Zeitfenster vor der Lieferung mehrfach ersatzlos gestrichen wurden – der Einkauf muss dann vollständig neu erledigt werden. Damit dürfte Rewe die Frustrationstoleranz selbst treuer Online-Besteller:innen auf eine harte Probe stellen. Dazu äußert sich Rewe auf Anfrage nicht.
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3. Partner-Lieferung

  • Es geht aber auch andersherum: Am Stadtrand von Hannover stehen Kund:innen des Rewe-Lieferservices nur (noch) drei sehr lange Lieferzeitfenster zur Verfügung – pro Woche (mittwochs von 14.30 bis 22 Uhr sowie donnerstags und samstags von 7.30 bis 13.30 Uhr).
  • Die Lieferkosten betragen 3,90 Euro.
  • Nahe liegt, dass dort ein externer Lieferpartner mit der Zustellung beauftragt ist, z.B. DHL mit seinem regulären Paketdienst (der DHL-Service zur Lieferung frischer Lebensmittel wird derzeit bekanntlich eingedampft, siehe Supermarktblog; mehr zu den Hintergründen steht gleich mehrfach bei Exciting Commerce).

Im Gespräch mit „One“ hat Rewe-Digital-Chef Eltze außerdem verraten, man teste derzeit mit einem Hamburger Start-up, Einkäufe mit Elektro-Lieferfahrzeugen und Lastenfahrrädern zuzustellen:

„Das heißt, wir werden die Ware mit LKW zu innerstädtischen Hubs bringen und dort auf die Lastenfahrräder umschlagen. Die Fahrräder können mit elektrischer Unterstützung sehr einfach die innerstädtischen Bereiche abdecken und dort ihre Vorteile hinsichtlich Platzverbrauch und Emissionsfreiheit ausspielen.“

(Dazu würden z.B. die knapper bemessenen Zeitfenster in Mannheim passen, weil Lieferungen aus City Hubs wegen geringerer Distanzen und Stauvermeidung zeitlich eigentlich besser kalkulierbar sein müssten, wenn man’s im Griff hat.)

„Mitten in einer Veränderung“

Während man sich im Rewe-Vorstand seit längerer Zeit tendenziell eher zurückhaltend bis abwartend über die Entwicklung des Lieferservices äußert, ist Eltze etwas offensiver: „Wir stecken mitten in einer Veränderung“, sagt der Manager über die Digitalisierung des Lebensmitteleinzelhandels, die langsam sogar in Deutschland greift. Laut Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh), der regelmäßig Zahlen zur Entwicklung des E-Commerce in Deutschland vorlegt, wächst das Warensegment Lebensmittel im Warengruppen-Cluster „Täglicher Bedarf“ stetig.

Und in zahlreichen europäischen Ländern sind sich Handelsketten einig, dass Lebensmittel-Lieferungen weiter an Bedeutung gewinnen werden (siehe Supermarktblog).

Darf’s etwas bequemer sein?

Das dürfte um so schneller gehen, je bequemer es für Kund:innen wird. In den Niederlanden bietet Marktführer Albert Heijn in Kooperation mit der ING Bank eine neue Bezahlmethode an, um die Online-Bestellung abzukürzen. Auf Wunsch zahlen Bestell-Kund:innen ihren Einkauf, indem sie einen vom Fahrer generierten QR-Code mit der Albert-Heijn-App auf ihrem Smartphone scannen. Diese leitet die Anfrage an die Bank-App weiter, der Fahrer erhält eine Bestätigung auf sein Gerät – fertig.

In den USA feilt Walmart derweil an seinem Abholservice und testet schon länger eine „smart substitution“ getaufte Funktion: Ist ein bestellter Artikel nicht verfügbar, wird ein Ersatz kommissioniert – allerdings nicht irgendein zufällig vom Picker ausgewähltes Produkt. Sondern eines, das das System auf Basis der bisherigen Bestellungen einer Kundin bzw. eines Kunden vorschlägt, kombiniert mit den Vorlieben von Kund:innen, die ein ähnliches Bestellprofil aufweisen.

Das wäre auch für Rewe eine hervorragende Weiterentwicklung zur Linderung des Ersatzartikel-Phänomens – insbesondere bei taggleicher Lieferung, wenn fehlende Produkte ein besonderes Ärgernis sind.

Vielen Dank an @Slaydnr, @veqcana und @kaffeebeimir für die Hinweise!

Fotos: Supermarktblog"

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3 Kommentare
  • Dafür muss man sich als Kund:in einmalig vor der ersten Bestellung vom jeweiligen Markt freischalten lassen.
    Wie und wie schnell funktioniert diese Freischaltung denn? Für eine spontane Erst-Bestellung („wir brauchen für morgen Abend noch X, lass doch mal den Rewe Online-Shop testen“) scheint das ja eher ungeeignet.

    • Da wir in Deutschland sind, muss man bestimmt persönlich zum Markt fahren, Hardcopy Anmeldebogen ausfüllen, Personalausweis kopieren und 2 Wochen auf Freischaltung warten

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