Teguts Kooperation mit Lieferando und der Preis der schnellen Lebensmittel-Lieferung

Teguts Kooperation mit Lieferando und der Preis der schnellen Lebensmittel-Lieferung

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Nach Amazon und Wolt holt sich Tegut nun Lieferando als Lieferpartner für App-Einkäufe an Bord. In Darmstadt ist ein erster Online-Shop freigeschaltet, Frankfurt am Main und weitere Regionen sollen folgen. Kund:innen müssen sich für den Service allerdings auf Preisaufschläge einstellen.

Partner und Sponsoren:

Das Zeitalter der Allianzen im Lebensmitteleinzelhandel hat begonnen“, stand vor fast anderthalb Jahren hier im Blog, weil sich abzeichnete, dass auch etablierte Handelsketten nicht mehr die alleinige Kontrolle über den sich stark diversifizierenden Online-Kanal zur Lieferung von Lebensmitteln haben würden. Und auch wenn sich im Ausland seitdem ein bisschen mehr getan hat: selbst hierzulande kommt diese Erkenntnis so langsam an.

Seit kurzem kooperiert z.B. Penny mit dem zum Universallieferanten strebenden Lieferdienst Wolt (siehe Supermarktblog).

Und – Orange trifft Orange – ab diesem Donnerstag arbeitet die zu Migros Zürich gehörende Supermarktkette Tegut mit Lieferando zusammen. Ein erster „Shop“ wurde gerade auf der Plattform des Partners für Kund:innen in Darmstadt eröffnet. Auf der „Speisekarte“ ganz oben stehen: regionale Produkte, frisches Obst und Gemüse, Backwaren, Kühlprodukte und Convenience-Artikel; Produkte sind allerdings quer durch alle Kategorien verfügbar.


Geliefert wird zwischen 11.30 und 20 Uhr, bereits ab 7 Uhr lässt sich vorbestellen. Die Lieferzeit beträgt bis zu 45 Minuten, bestellt werden muss für mindestens 10 Euro. Zur Auswahl stehen laut Lieferando 1.000 Produkte, davon etwa ein Fünftel in Bio-Qualität. Kommissioniert und abgeholt werden die Einkäufe aus einem Tegut-Markt in der Darmstädter Innenstadt (Ludwigstr. 2-4).

Spontankäufer:innen im Blick

Für Lieferando ist Tegut der erste echte Supermarkt-Partner, der über die Plattform Lebensmittel verkauft; bislang konnten die Lieferando-Nutzer:innen diese vor allem aus Tankstellen- und Convenience-Shops bestellen. Kooperationen mit Quick-Commerce-Anbietern waren nach kurzer Zeit gescheitert. Seit einigen Wochen testet Lieferando zudem einen eigenen Sofortlieferdienst für Lebensmittel unter dem Namen Lieferando Express (siehe Supermarktblog).

Für Tegut ist Lieferando wiederum nicht der erste Partner im Liefergeschäft. Bislang haben die Hess:innen vor allem mit Amazon kooperiert, um Lebensmittel an ausgewählten Standorten aus den eigenen Märkten zu Kund:innen nachhause zu bringen – innerhalb von ein bis zwei Stunden.

Mit Lieferando könne man nun auch „Spontan- und Ergänzungskäufe“ abdecken, heißt es. In Frankfurt am Main praktiziert das Tegut bereits seit einiger Zeit mit dem Lieferando-Wettbewerber Wolt in zwei Märkten (Sachsenhausen, City-West). Auch der Lieferando-Lieferservice soll im Oktober auf Frankfurt am Main ausgeweitet werden, und danach „schnell auf andere Regionen“.

Laut Tegut sind die Kooperationen „vor allem ein Angebot für unsere selbstständigen Marktinhaber, die damit die Möglichkeit erhalten, am E-Food-Hype teilzuhaben”.

Vielzahl von Liefer-Kooperationen

Foto: Smb

Mit einer Vielzahl an Partnerschaften orientiert sich Tegut zunehmend an einem britischen Vorbild: der Supermarktkette Morrisons. Die ist ebenfalls bereits seit Jahren mit Amazon im Geschäft, um Lebensmittel an Prime-Kund:innen zuzustellen – auch wenn die Zahl der Lieferstandorte vor genau einem Jahr radikal um 50 reduziert wurde, weil die Nachfrage nach der Pandemie wieder nachgelassen habe. Fast gleichzeitig startete Morrisons eine Kooperation mit dem britischen Restaurantlieferdienst Deliveroo, an dem Amazon beteiligt ist und der im Vorjahr seinen eigenen Quick-Commerce-Dienst „Hop“ auflegte.

Im April dieses Jahres folgte die Bekanntgabe einer weitere Allianz mit GoPuff – wobei derzeit offen ist, inwiefern es die Amerikaner:innen mit ihrer Eroberung des europäischen Lebensmittel-Sofortliefermarkts noch ernst meinen.

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Aus Spanien hat man sich gerade zurückgezogen, laut Bloomberg (Abo-Text, Zusammenfassung bei TechCrunch), um sich auf den britischen Markt zu konzentrieren. Zum lange vorbereiteten Deutschland-Start dürfte es in der aktuellen Lage dann aber kaum noch kommen – es sei denn, Konkurrent Gorillas ließe sich bald blau einfärben, bevor die eigenen Finanzquellen versiegen.

Schneller Service, höhere Preise

Wie Morrisons hat Tegut verstanden, dass nicht ein Partner reicht, um im wachsenden Lebensmittel-Liefermarkt Fuß zu fassen – sondern dass dafür eine Vielzahl von Kooperationen und Kanälen von Vorteil sein kann. Weil sich dann ausprobieren lässt, welchen die eigenen Kund:innen am ehesten annehmen – und weil die Abhängigkeit von einzelnen Partnern sinkt.

Gleichzeitig veranschaulicht die Kooperation zwischen Tegut und Lieferando ganz gut, wo die Grenzen besagter Kooperationen verlaufen: Denn was die Partner in ihrer Ankündigung nicht sagen, ist, dass sich Kund:innen den neuen Service ordentlich was kosten lassen müssen.

Zusätzlich zur fixen Liefergebühr von (überschaubaren) 1,99 Euro wird ein Großteil des Tegut-Sortiments über Lieferando nämlich merklich teurer verkauft als über andere Kanäle – wahrscheinlich, um darüber die anfallende Kommission für Vermittlung und Lieferung abzudecken, wie sie auch für Restaurants üblich ist.

Aufschläge auch für Discount-Artikel

Ich hab bloß ein paar (nicht repräsentative) Stichproben gemacht, aber in den allermeisten Fällen sind die Produkte in der 45-Minuten-Lieferung teurer als in der Zwei-Stunden-Variante über Prime. Vor allem bei frischer Ware wird teilweise deutlich aufgeschlagen. Während Bio-Zitronen von Tegut über Prime aktuell 2,99 Euro kosten, gibt es sie im Lieferando-Shop für 3,69 Euro. Geschnittene Ananas von Tegut Freppy (am Donnerstagmorgen noch ohne genaue Grammangabe bei Lieferando, aber lt. Abbildung vermutlich: 150 g) kosten 2,99 Euro statt 2,49 Euro; Mini-Datteltomaten 2,39 Euro statt 1,99 Euro; Bio-Gurken 1,99 Euro statt 1,49 Euro; 1 Kilogramm Bio-Möhren 3,49 Euro statt 2,79 Euro auf Prime usw.

In anderen Produktkategorien fallen die Aufschläge teilweise niedriger (plus 10 Cent für Tegut-Naturjoghurt) aus.

Die von Lieferando per Pressemitteilung stolz angekündigte Auswahl an Produkten der Discount-Marke „Jeden Tag“ („aktuell besonders beliebte Preiseinstiegsprodukte“) ist tatsächlich vorhanden – aber als Kund:in muss man bereit sein, dafür teilweise deutlich tiefer in die Tasche zu greifen: z.B. beim Jeden Tag Hackfleisch gemischt 500 g (4,39 Euro über Lieferando, 3,99 Euro über Prime), bei Jeden Tag Butter (2,49 Euro vs. 2,29 Euro) oder Schmelzkäse-Scheiben (1,99 Euro statt 1,79 Euro).

1,10 Euro mehr für dasselbe Produkt

Die höheren Preise gelten genauso für klassische Markenartikel (Rügenwalder Mühle Veggie-Hack: plus 30 Cent gegenüber Prime, Greco Halloumi: plus 40 Cent) und Alnatura-Produkte, welche aktuell den Großteil des Bio-Angebots im Lieferando-Tegut-Shop ausmachen; günstigere Artikel der Tegut-Eigenmarke „Bio zum kleinen Preis“ waren am Donnerstagvormittag lediglich drei vorhanden (Milch, Tomaten).

Am drastischsten wird die kanalbezogenen Differenz wohl bei Artikeln von Alnatura sichtbar. Ein Beispiel:

  • Der Alnatura Fruchtaufstrich Erdbeere 420 g kann von Tegut-Kund:innen per Lieferando zum Preis von 3,59 Euro aufs Brot gestrichen werden;
  • wer denselben Artikel über Teguts Prime-Shop in Darmstadt bestellt, zahlt aktuell 2,99 Euro dafür;
  • und die Unverbindliche Preisempfehlung von Alnatura selbst, zu der auch per eigenem Lieferdienst im benachbarten Frankfurt zugestellt wird, liegt bei 2,49 Euro.

Mit anderen Worten: Für ein und dasselbe Produkt können bzw. müssen Kund:innen in diesem Fall 1,10 Euro mehr ausgeben – je nachdem, wie eilig sie es haben und über welchen Kanal sie diesen beziehen.

Gerade in der aktuellen Zeit dürfte das dafür sorgen, dass Kooperationen zwischen Sofortlieferdiensten und Supermarktketten, wenn Mehrkosten für Kommission und Lieferung unmittelbar weitergegeben werden, vor allem für Kund:innen in Frage kommen, denen es egal sein kann, wenn sie für den Blitzliefereinkauf deutlich mehr Geld ausgeben müssen als mit etwas Vorausplanung.

Kann halt sein, dass die Zahl derjenigen, die dazu bereit sind, aktuell eher kleiner wird.

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1 Kommentar
  • Weiss jemand, was Lieferando in Wirklichkeit mit seiner zusätzlichen Service Pauschale von 0,89 Euro für Lieferung per Rider von Lieferando macht? Zumal in Berlin die meisten Restaurants seit September über 5.99 Euro Liefergebühren verlangen und die Mindestbestellmenge massiv erhöht haben. (Beispielsweise PIZZA Bulls von 8,99 auf über 15 Euro…)

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