Fast zwei Jahre ist es her, dass Amazon Deutschland überraschend eine Kooperation mit der Rohlik-Tochter Knuspr bekannt gab, um Kund:innen fortan mit frischen Lebensmitteln zu beliefern (siehe Supermarktblog). Das eigene Lieferangebot Amazon Fresh, das bis dahin in Berlin, Hamburg und München verfügbar war (und nie über den Launch-Status hinauskam), wurde kurz darauf eingestellt (siehe Supermarktblog).
Nun spricht vieles dafür, dass Amazon einen Rückzieher vom Rückzieher macht – und Frische künftig wieder selbst liefern will.
Auf Amazon.de ist die Partnerschaft mit Knuspr inzwischen jedenfalls merklich in den Hintergrund gerückt: Anstatt das Lebensmittel-Angebot des Partners – wie es lange Zeit der Fall war – direkt im Hauptmenü herauszustellen, gelangt man dort inzwischen nur noch über einen Umweg hin (Menü „Alle“ anklicken > Alle Kategorien > Knuspr). Auch im Sortiment scheint so mancher Artikel, der auf knuspr.de weiterhin verfügbar ist, zu fehlen.
(In der Amazon-App gibt’s weiter einen Shortcut: ganz oben per Klick auf „Lebensmittel“.)
Rückzug vom „Storefronts“-Modell
Die Frage ist aber ohnehin, wie lange Knuspr auf Amazon überhaupt noch mit dem eigenen Angebot verfügbar sein wird. Denn in den vergangenen Wochen zeichnete sich ab, dass sich der Konzern aus Seattle marktübergreifend aus dem bisherigen Modell mit eigenen „Storefronts“ lokaler Lebensmittelpartner zurückziehen wird.
Mitte Oktober berichtete „Grocery Dive“ in den USA, Amazon schließe eine nicht bezifferte Zahl dieser Storefronts, und zwar in mehreren Ländern. Als offizielle Begründung nannte man, dass unterschiedliche Gebühren, Lieferfenster und Bezahlprozesse je Partner für Kund:innen zu umständlich seien. Auf Amazon.com waren bislang u.a. Winn-Dixie, Metropolitan Market und Weis Markets mit Shops vertreten. Man wolle andere Formen der Zusammenarbeit finden.
In Frankreich sollen die Kooperationen mit Monoprix und Chronodrive zum Jahresende auslaufen. Die zur Groupe Casino (künftig: Plesio) gehörende Innenstadt-Supermarktkette Monoprix hatte seit 2018 Lebensmittel über Amazon verkauft – anfangs mit Zustellung durch Amazon-Kuriere, inzwischen nicht mehr. Die Auchan-Tochter Chronodrive war im Herbst 2025 gestartet und erst seit Januar mit allen 55 Standorten auf Amazon.fr vertreten. Amazon hat die Schließungen gegenüber „LSA“ (Abo-Text) bestätigt.
In Deutschland bleibt bloß Knuspr
In Spanien haben Amazon und die Handelskette Dia schon Anfang Juni das Ende ihrer Kooperation verkündet, berichtete „Alimarket“ (Abo-Text).

In Großbritannien sind Morrisons, Iceland und Co-op weiter mit eigenen Shops auf Amazon vertreten. Die Kooperation mit Iceland ist erst im Februar auf weitere Städte ausgeweitet worden. Allerdings stellen dort Amazon-Kuriere die Bestellungen zu. Ob das so bleibt, ist offen.
Und in Deutschland? Dort hat sich der langjährige Storefront-Partner Tegut (siehe Supermarktblog) selbst abgewickelt. Im Zuge der Aufteilung auf Edeka, Rewe und weitere Käufer beendete man die Bestellmöglichkeit via Amazon.de, die einst noch unterm Prime-Now-Banner begonnen hatte (siehe Supermarktblog), bereits zum 1. Juli 2026. Bei Kund:innen, die noch Tegut-Artikel im Warenkorb behalten haben, existiert Tegut als Geisterangebot in der Checkout-Übersicht bislang weiter.


Bleibt als einziger deutscher Storefront-Partner noch: Knuspr (mit eigener Lieferlogistik). Auf Supermarktblog-Anfrage äußert sich Knuspr nicht zur Frage, ob die Kooperation bestehen bleibe, und verweist an Amazon.
Ob auch „Knuspr auf Amazon“ von der Umstellung betroffen ist, wollte Amazon auf Supermarktblog-Anfrage wiederum nicht konkret beantworten. Eine Sprecherin teilte lediglich mit:
„Wir prüfen fortlaufend, wie wir unsere Kundinnen und Kunden im Lebensmittelbereich bestmöglich bedienen können.“
Dementiert ist damit jedenfalls nichts.


Ganz frisch – ohne Fresh
Dass der Konzern in Deutschland einen Sonderweg gehen könnte, der deutlich von dem im Heimatmarkt vorgegebenen Kurs abweichen würde, wäre allerdings verwunderlich. Naheliegend ist eher, dass man das zuletzt in den USA und Großbritannien erprobte Modell auch hierzulande etablieren wird.
Seit August 2025 können Prime-Mitglieder in den USA frische Lebensmittel einfach über den Hauptshop in den Warenkorb legen und als Same-Day-Bestellung aufgeben: Bananen und Batterien, Joghurt und Ladekabel, Windeln und eine neue Spielekonsole (siehe Supermarktblog). Ende 2025 lief das schon in mehr als 2.300 Städten und Orten. Laut Amazon sind dort inzwischen neun der zehn meistbestellten Same-Day-Artikel frische Lebensmittel. Seit Juni gibt es das Angebot auch in Teilen Londons, für Prime-Mitglieder ab 20 Pfund ohne Liefergebühr.
Damit das funktioniert, will Amazon in Europa bis Jahresende an mehr als 25 Orten eigene Same-Day-Standorte betreiben, in denen Lager, Kommissionierung und Zustellung unter einem Dach sitzen. Wer bis 17 Uhr bestellt, bekommt die Ware bis 22 Uhr. Einer davon: Nürnberg.
Der „Same-Day-Shop“ steht bereit
Die Frage nach eigenen Plänen für frische Lebensmittel in Deutschland ließ Amazon auf Supermarktblog-Anfrage unbeantwortet.
Amazon-Deutschlandchef Rocco Bräuniger hat Mitte Oktober in der „Welt“ zu den Ambitionen hierzulande erklärt: „Wir beobachten den Markt.“ Zumal das Geschäft in anderen Ländern inzwischen gut funktioniere, vor allem in den USA und Großbritannien. Als konkrete Ankündigung, einen neuen Anlauf zur Lieferung frischer Lebensmittel zu unternehmen, wollte er das ausdrücklich (noch) nicht verstanden wissen. Weiter investieren werde man aber schon.
Kurz danach hatte Amazon beim Investitionsgipfel der Bundesregierung angekündigt, 2027 mehr als 16 Milliarden Euro in Deutschland auszugeben, unter anderem für „neue Logistikprojekte im ganzen Land“. (Als Dankeschön gab’s eine Foto-Opportunity mit dem Kanzler.)
Die taggleiche Zustelloption existiert hierzulande schon länger. Inzwischen hat sie als „Same-Day-Lieferung“ einen eigenen Punkt im Hauptmenü spendiert bekommen. Im dahinterliegenden „Same-Day-Shop“ steht die Kategorie „Lebensmittel“ bereits an zweiter Stelle – bislang allerdings nur für haltbare Produkte ohne Kühlung.
Selbst steuerbare Logistik
Ein nächster Schritt wäre, Frischware zu integrieren. Dann bliebe es für Amazon nicht mehr bei der Vermittlerrolle. Stattdessen würde man wieder selbst als Händler aktiv werden – und wäre auch erneut ein direkter Konkurrent von Rewe, Picnic bzw. eben auch Knuspr. Nur ohne eigenständigen Service für Lebensmittel, sondern integriert ins Hauptangebot – mit einer Logistik, die man diesmal selbst steuern könnte (anstatt sie wie bei Fresh erst an DHL und anschließend an Kurierfahrer:innen mit Privat-Pkw auszulagern).
Und mit dem Unterschied, dass sich die Furcht der Wettbewerber vor dem schon öfter gescheiterten Herausforderer diesmal in Grenzen halten dürfte – weil der erstmal beweisen muss, dass der Plan länger hält als bei den vorigen Malen.
Interessant werden vor allem die weiteren Schritte beim Ausbau des Lebensmittelangebots sein – also zum Beispiel, wie man sich bei Amazon eine zukünftige Kooperation mit klassischen Lebensmittelhändlern vorstellt (besagte „andere Formen der Zusammenarbeit“).
Möglich wäre, deren Eigenmarken weiter über den eigenen Shop zu verkaufen – so wie es auch bei Tegut gelaufen ist. In Deutschland müsste man dafür nach dem Aus für Tegut aber erstmal neue Partner finden. Und denen plausibel erklären, warum sie mit einem Unternehmen zusammenarbeiten sollen, das es sich alle paar Jahre anders überlegt. (Das würde auch für regionale Lieferanten gelten, die schon mal bei Amazon Fresh dabei waren.)
„Everyday Essentials“ von Amazon
Bis dahin müssten sich Kund:innen mit dem von Amazon selbst aufgebauten Eigenmarkensortiment zufriedengeben – den weiterhin arg sperrig benannten „Everyday Essentials“ für „Produkte des täglichen Bedarfs“. Bei denen es allerdings teilweise noch arg Nachholbedarf gibt (siehe Supermarktblog).

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob Amazon auch seinen Prime-Now-Nachfolger, den Sofortlieferdienst Amazon Now, aus den USA und Großbritannien in deutsche Großstädte bringt, um dort zusätzlich in direkten Wettbewerb mit Lieferando, Wolt und Uber Eats zu treten.
Die Frische als ganz normaler Teil des Amazon-Sortiments scheint in jedem Fall gesetzt. Und die ersten Wetten, wie lange Amazon beim erneuten Anlauf durchhält, können entgegengenommen werden.
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