„Der Durchbruch ist längst da“: Wie Start-ups und Spezialisten die Einkaufsgewohnheiten von morgen prägen

„Der Durchbruch ist längst da“: Wie Start-ups und Spezialisten die Einkaufsgewohnheiten von morgen prägen

Inhalt:

Mit klarem Leistungsversprechen und regionaler Fokussierung etablieren sich junge Lebensmittel-Lieferunternehmen als Alternative zu den großen Ketten. Die K5 Berlin lud zum Klassentreffen der Ausprobierer.

Partner und Sponsoren:

Dringender als gerade hat der deutsche Lebensmitteleinzelhandel noch nie jemanden gebraucht, der ihm freundlich, aber bestimmt seine Versäumnisse referiert. Praktischerweise ist der Job als offizieller Levitenleser gerade automatisch auf Dominique Locher übergegangen – durch die Eröffnung des Food- und Delivery-Schwerpunkts auf der diesjährigen K5 in Berlin.

„Man lacht in dieser Branche erstmal über jeden, der etwas anders macht“, hat Locher, bis Mitte 2017 Chef des Migros-Liefersupermarkts LeShop (und heute u.a. Berater von Bringmeister), gesagt – und damit eine ganz gute Vorlage für die zahlreichen Andersmacher geliefert, die am Dienstag direkt nach ihm auf der Bühne im Berliner Estrel standen. Um zu erklären, wie ganz unterschiedliche Ideen dazu beitragen können,  Einkaufsgewohnheiten (neu) zu prägen.

Dabei geht es gar nicht nur um klassische Online-Supermärkte, über die (mit mehr oder weniger plausiblen Erklärungen) fast überall schon gestanden hat, dass das hierzulande wohl nix wird. Echt nicht? „Warum sollte Deutschland da anders sein als Frankreich oder Großbritannien?“, fragte Locher mit Verweis auf die Märkte, in denen Frisches schon viel selbstverständlicher nachhause bestellt wird – und ist sich sicher: Die bisherigen Umsätze mit Lieferlebensmitteln „sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Durchbruch ist längst da.“


Die Food-Delivery-Branche bietet ihren Kunden ein vielfältiges Angebot. Doch was ist, wenn der Kunde nicht zahlt? Smartes und verbraucherfreundliches Inkasso von Paigo by Arvato Financial Solutions schafft Abhilfe. Mehr erfahren.
Anzeige

Wenn man genauer hinsieht: „Viele [klassische] Händler vernachlässigen sträflichst, dass es um den ganzen Markt des ‚Essens zuhause‘ geht.“ Gut zehn Prozent der Ausgaben deutscher Haushalte entfallen auf Lebensmittel. Locher sagt: „Die Frage ist, wie und auf wen das zukünftig aufgeteilt wird. Ich kann ja nicht zweimal am Tag mittag- oder abendessen.“

„Da würde ich mir Sorgen machen“

Wenn neue Anbieter dafür sorgen, dass es zur Gewohnheit wird, fertig gekochtes Lieferessen regelmäßig nachhause zu bestellen, „würde ich mir als Lebensmitteleinzelhändler Sorgen machen“. Dabei kommt den Händlern noch zugute, dass die aufstrebenden Delivery-Dienstleister in der Wachstumsphase weiterhin ganz gut mit sich selbst beschäftigt sind. „Wir wollen nicht zu experimentell werden“, erklärte Jörg Gerbig, Chief Operating Officer von Takeaway.com, in Berlin. „Nicht-verzehrfertige Waren zu liefern, würde unsere Kunden irritieren“ – im Moment vielleicht. Im niederländischen Heimatmarkt liefert Takeaway.com aber bereits Sandwiches und Salate des Supermarktpartners Albert Heijn aus. (Und die Konkurrenz ist in manchen Märkten schon deutlich weiter.)

Aber selbst wenn Konsument:innen auf absehbare Zeit einen Großteil ihrer Lebensmitteleinkäufe weiter in Supermärkten erledigen, bedeutet dass noch lange nicht, dass die so bleiben können wie sie sind. Zahlreiche Start-ups haben erkannt, dass sie sich nicht zwangsläufig als Vollversorger positionieren müssen, um Kund:innen für sich zu gewinnen. Im Zweifel ist die Hemmschwelle, Teile des Einkaufs Spezialisten zu überlassen, viel niedriger.

Spezialisten werden wieder wichtig

„Getränke liefern lassen versteht jeder sofort. Cola ist Cola“, sagt Christopher Huesmann von Flaschenpost, das 2016 in Münster begonnen hat, online bestellte Getränke aus dem eigenen Lager auszuliefern – zum Supermarktpreis, ohne Lieferkosten und innerhalb von 120 Minuten nach Bestellung. Der selbst entwickelte Algorithmus berechnet die günstigste Route für jede Tour. Auch der Test in Köln lief erfolgreich. Inzwischen ist Flaschenpost in 15 Städten aktiv und will – dank eines 50-Millionen-Euro-Investments – zügig weiter expandieren. Huesmann: „Wir wollen unser Angebot in alle Städten über 150.000 Einwohner bringen.“

In der Schweiz ist Farmy.ch (mit Dominique Locher als Investor und Mentor) derweil als Online-Markt für frische Lebensmittel direkt vom Produzenten gestartet. Es gibt keine Lager, nur dezentrale Hubs, die täglich mit frischen Waren beliefert werden. Gründer Roman Hartmann erklärt: „Deshalb können wir Produkte anbieten, die drei bis fünf Tage frischer sind als die aus dem Supermarkt.“ Rund um Zürich können Kund:innen aus dem Sortiment von sechs verschiedenen Metzgereien auswählen. „So ein Angebot findet man sonst nirgendwo“, meint Hartmann.

Für die großen Handelsketten sind das derzeit allenfalls kleine Piekser, die vermutlich keinen messbaren Einfluss auf die Umsätze haben. Aber das wird sich ändern, wenn Konsument:innen die Modelle erst einmal als neue Standards akzeptiert haben – und sich dank Heimlieferung daran gewöhnen, Lebensmittel wieder öfter von Spezialisten einzukaufen, die ihnen in ihrem Fachgebiet einen exzellenten Service bieten können. So wie früher, nur im Netz.

Beispiele, wie sich auch die alleslieferenden Online-Supermärkte abmühen, um Problemsortimente wie Frische und Getränke mit komplexen Anforderungen innerhalb ihres Gesamtangebots zu meistern, gibt es zur Genüge (siehe z.B. Supermarktblog).

Lieber zu spät geliefert, aber dafür komplett

Aber sind die Deutschen bei der Lieferung von Lebensmitteln nicht angeblich besonders zurückhaltend? Steht doch in jedem zweiten Bericht zum Thema.

Frederic Knaudt, Deutschland-Chef des Liefer-Newcomers Picnic aus den Niederlanden, hat andere Erfahrungen gemacht. Nämlich die, dass sich überall dort, wo das Start-up seit seinem Deutschland-Start hingeht, Kund:innen schon in der (virtuellen) Schlange stehen und sich für den Dienst vorregistriert haben: „Wenn wir in Düsseldorf starten wollen, haben wir dort ab dem ersten Tag eine kritische Masse an Kunden.“

Bislang ist Picnic in vier Gebieten in Nordrhein-Westfalen aktiv und erreicht dort mit 125 elektrischen Lieferautos (plus zehn wegen der hohen Nachfrage aus Holland ausgeliehenen) inzwischen 520.000 Haushalte. „Neuss ist von Anfang an gut gelaufen. Und Mönchengladbach ist bislang die am schnellsten wachsende Picnic-Stadt, Niederlande inklusive“, sagt Knaudt. In zwei Wochen kommt mit Bochum Liefergebiet Nummer fünf hinzu.

Dennoch will Knaudt die Expansion weiter ruhig angehen – um allen Kund:innen die versprochene Einkaufserfahrung bieten zu können, für die vor allem zwei Punkte entscheiden seien: die Vollständigkeit der Bestellung und Pünktlichkeit, in dieser Reihenfolge. „Lieber liefern wir mal zu spät, dafür aber mit einer kompletten Order.“

Kundenkommunikation per WhatsApp

Eine weitere Besonderheit ist der Regionalitätsanspruch, mit dem Picnic (bei dem Edeka einen Fuß in der Lieferautotür hat) treue Kund:innen zu gewinnen versucht. Knaudt: „Bevor wir einen Hub in einer neuen Region eröffnen, gehen wir zu jedem Sommerfest, in die Sportvereine, wir sprechen mit dem Bürgermeister und versuchen zu verstehen, wie die Leute ticken, welche regionalen Produkte sie kaufen, welches Bier sie trinken.“ Der persönliche Kontakt, insbesondere der mit den Lieferfahrern, spiele eine große Rolle.

Ein Großteil der Kommunikation mit den Kunden erfolgt über WhatsApp. Reklamationen wegen falsch gelieferter Produkte kommen im Team direkt auf den Bildschirm, um die Ursache zurückverfolgen zu können – und den Fehler zu beheben. „An unseren bisherigen vier Standorten sind wir deutlich besser unterwegs als unser Business Case das vorsieht“, erklärte Knaudt in Berlin.

Auch Dominique Locher sagt: „Ich bin überzeugt, dass Online-Supermärkte massiv zulegen werden. Der Kunde von morgen hat keine Lust mehr, nur noch in den Laden zu gehen.“ Das bedeutet: Händler müssen sich vielleicht nicht sorgen, dass von heute auf morgen alle online bestellen – aber sehr wohl frühzeitig verstehen, wie sich ihre Läden – und Sortimente (!) – ändern müssen.

Spott darüber, dass Amazon mit seinem Lebensmittel-Lieferdienst Fresh bislang in Deutschland nicht so recht voran gekommen sei (siehe Supermarktblog), hält Locher für unangebracht. In Frankreich und Großbritannien habe der Konzern mit Casino und Morrisons bereits stationäre Lebensmitteleinzelhändler als Partner gewonnen. „Die Frage ist nicht ob, sondern wann in Deutschland das gleiche passiert.“

Offenlegung: Der K5-Partner Exciting Commerce unterstützt das Supermarktblog als Sponsor.

Fotos: Supermarktblog

Kommentieren

Blog-Unterstützer:innen können sich über Steady einloggen, um Support-Hinweise im Text auszublenden:

Archiv