(Wann) Profitieren auch mittelgroße Städte vom Lebensmittel-Online-Boom?

(Wann) Profitieren auch mittelgroße Städte vom Lebensmittel-Online-Boom?

Foto [M]: Supermarktblog / Freepik via flaticon.com
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Rewe stoppt seinen Lieferservice in Ulm, Konkurrent Bringmeister expandiert nach Augsburg: Außerhalb der großen Metropolen ist die Lieferung online bestellter Lebensmittel bislang eher die Ausnahme. Derweil forciert Rewe seinen Abholservice und will eigene Boxen aufstellen.

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Es sind ziemlich ehrgeizige Pläne, die das tschechische Lebensmittel-Liefer-Start-up Rohlik für seine Expansion in den Nachbarländern verfolgt. Während Ableger Gurkerl.at gerade bekräftigt hat, sich in Österreich zunächst auf die Erweiterung des Liefergebiets um Wien herum konzentrieren zu wollen, scheint die Ausbreitung in Deutschland bereits beschlossene Sache zu sein. Auf der K5 Digital erklärte Knuspr.de-Geschäftsführer Erich Comor in dieser Woche, Anfang August in München loszulegen. Im September soll es in Frankfurt am Main weitergehen. Knuspr.de verspricht einen hohen Anteil regionaler Produkte (zwischen 30 und 50 Prozent), die direkt von Hersteller:innen aus der Nähe bezogen werden.

Weitere Städte sind bereits fest im Blick: Düsseldorf, Köln, Hamburg, Dortmund und Essen könnten 2022 folgen, vielleicht sogar Berlin.

Und außerhalb der Metropolen winkt die potenzielle Kundschaft verzweifelt: Hallo, denkt denn keiner an uns?


Vorerst offensichtlich nicht. Der Lebensmittel-Lieferdienst-Boom der zurückliegenden Monate konzentriert sich vielfach auf Städte, in denen der Markt ohnehin schon stark umkämpft ist. Einzige Ausnahme war bislang der Edeka-Partner Picnic, der sich in Nordrhein-Westfalen von einem Postleitzahlen-Gebiet zum nächsten vorarbeitet – und dabei auch in mittelgroße und kleinere Städte vorstößt. Vom neuen Fulfillment-Center in Langenfeld werden derzeit z.B. Kund:innen in Hilden, Solingen und Leverkusen auf feststehenden Touren beliefert.

Bringmeister startet Expansion mit Augsburg

Das Credo von Picnic-Mitgründer Michiel Muller lautet: „Es gibt viele mehr mittelgroße Städte als Metropolen.“ Von jedem so genannten City Hub aus, über den die im Fulfillment Center gepackten Einkäufe verteilt werden, müsse Picnic in der Regel allerdings 40.000 Haushalte erreichen – sonst trage sich das Modell nicht (siehe Supermarktblog).

Weil zusätzliche Verteilzentren bei vielen Wettbewerbern bislang eher die Ausnahme sind, direkt aus dem Fulfillment-Center geliefert wird und um teure Anfahrtswege möglichst kurz zu halten, konzentrieren sich viele Dienste auf Metropolen mit einer höheren Bevölkerungsdichte.

Unter seinem neuen – ebenfalls aus Tschechien stammenden – Eigentümer, der ebenfalls eine zügige Expansion angekündigt hat, versucht der Ex-Edeka-Lieferdienst Bringmeister nun einen Vorstoß in die entgegengesetzte Richtung: Seit kurzem können auch Kund:innen in Augsburg ihren Einkauf über Bringmeister erledigen – und sich noch am Tag der Bestellung beliefern lassen. Ab einem Einkaufswert von 85 Euro entfallen die Lieferkosten. Dass Bringmeister für den Start in der 300.000-Einwohner:innen-Stadt ein eigenes Lieferlager aufgebaut hat, dürfte unwahrscheinlich sein. Wahrscheinlich ist, dass Augsburg vom Bringmeister-Logistikstandort in Olching bei München mitversorgt wird.

Bringmeister war bislang nur in Berlin/Potsdam und München aktiv; Foto: Supermarktblog

Kein Rewe-Lieferservice mehr für Ulm

Ganz ähnlich hat es Wettbewerber Rewe mit seinem Lieferservice bislang u.a. auch für die noch etwas weiter entfernte Region Ulm / Neu-Ulm (130.000 bzw. 180.000 Einwohner:innen) praktiziert: Bestellungen wurden offensichtlich vom Rewe-Logistikstandort in Bergkirchen bei München aus geliefert.

Supermarktblog-Leser Joshua J. berichtet, dass Zeitfenster zuletzt aber nur noch selten und wenn, dann mit großem Vorlauf, verfügbar waren:

„Ich hatte häufig das Gefühl, dass wir hier nur Restslots aus München abbekommen haben, denn im Kalender waren durchgehend Zeitfenster sichtbar, die aber in der Regel alle sofort bei Erscheinen zwei Wochen im Voraus vergeben waren. Grundsätzlich gab es hier nur an drei halben Wochentagen Lieferungen (Di/Do vormittags, Mittwoch nachmittags).“

Nun hat Rewe gegenüber Kund:innen aus den Regionen Ulm / Neu-Ulm angekündigt, den Lieferservice ganz einzustellen:

„Deine Region gehört ab dem 30.6. nicht mehr zum Liefergebiet. Nutze alternativ unseren REWE Abholservice.“

Kund:innen im Kreis Ulm müssen künftig auf Rewes Lieferservice verzichten; Screenshot: rewe.de

Konkrete Gründe nennt das Unternehmen – auch auf Supermarktblog-Anfrage – nicht. Ein Sprecher von Rewe Digital erklärt, der Dienst würde „[j]e nach Nachfrageintensität (…) regional ausgebaut oder in [der] Verfügbarkeit angepasst“:

„Im Zuge dessen können wir bestätigen, dass Ulm aktuell nicht mehr zum Liefergebiet gehört. Dafür stehen Kundinnen und Kunden dort 12 REWE Märkte mit Abholservice zur Verfügung – einfach online bestellt und nach drei Stunden schon am Markt abgeholt. Denn wir verzeichnen beim Abholservice einen deutlich gestiegenen Zuspruch, weshalb wir diesen in den vergangenen Monaten deutlich ausgebaut haben.“

Rewe setzt auf Abholstationen

Gibt es einen Zusammenhang mit der Expansion von Bringmeister nach Augsburg, wo Rewe Kund:innen möglichst viele Lieferzeitfenster anbieten wollen könnte, um den Wechsel zur neuen Konkurrenz zu erschweren? Das will man in Köln nicht bestätigen – den Stopp in Ulm und um Ulm herum aber genauso wenig als generelles Zeichen für eine Einschränkung des Lieferservices verstanden wissen:

„An unserem Online-Angebot ändert sich grundsätzlich nichts: Lieferservice und Abholservice sind auch weiterhin bundesweit für 90% der Deutschen erreichbar.“

Die (auch für Rewe kostengünstigere) Abholung scheint auf jeden Fall zunehmend im Fokus zu stehen, nicht erst seitdem wegen Corona Pop-up-Abholmöglichkeiten in zahlreichen Märkte etabliert wurden (siehe Supermarktblog).

Am Freitag hat Rewe angekündigt, nach einem Test in Köln-Mülheim auch in Berlin Abholboxen aufstellen zu wollen:

„zum Beispiel auf Wohn- und Parkplatzanlagen, an Bürostandorten, Tankstellen oder Park & Ride-Stationen (…) – und das ganz unabhängig vom Supermarkt in der Nähe.“

„Etwa zehn“ Test-Stationen seien für 2021 geplant, die ersten beiden neuen in Berlin-Tempelhof (Tempelhofer Damm 24-30) – an einem Penny-Markt – und Oranienburg (Rewestraße 1) mit direktem Anschluss ans dortige Rewe-Logistikzentrum. In Köln steht die Station am Carlswerk, (Schanzenstraße 6-20). Der Mindestbestellwert liegt bei 20 Euro, Kund:innen müssen eine Service-Gebühr von 2 Euro bezahlen.

Vor einigen Jahren hatte bereits Kaufland eine ähnliche Initiative verfolgt (siehe Supermarktblog), die Abholboxen aber mit der überstürzten Einstellung des eigenen Lieferservices wieder abgebaut.

Weitere Fulfillment Center vor dem Start

Für den Ausbau der Rewe-Liefersparte spricht derweil, dass nach Supermarktblog-Informationen in den kommenden Monaten weitere Fulfillment-Center eröffnet werden sollen, eins im Süden und eines im Norden Deutschlands. Gleichzeitig ist möglich, dass es in nächster Zeit zu weiteren „Anpassungen“ des Liefergebiets kommt. Dies ist Rewe zufolge „kein ungewöhnlicher Vorgang, sondern Teil der kontinuierlichen Weiterentwicklung“:

„Im Gegenzug kommen auch PLZ-Bereiche hinzu, während andere wegfallen.“

(Trotzdem ist’s ein bisschen blöd, wenn man auf die Lieferfahrzeuge vorher „Mach Schluss mit Schleppen“ draufgeschrieben hat, siehe Titelfoto.)

Zuletzt hatte Rewe in Berlin sein inzwischen drittes Fulfillment Center in Berlin eröffnet. Und alle, die in mittelgroßen Städten wohnen, müssen sich wohl weiter gedulden, um am Liefer-Boom teilhaben zu können. (Also, außer Augsburg bestellt Bringmeister in den kommenden Wochen an die Grenzen der Belastbarkeit.)

Danke an Joshua J. für den Hinweis.

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1 Kommentar
  • Rewe-Abholstationen nützen mir herzlich wenig, wenn ich kein Auto habe. Da kann ich auch gleich in den Supermarkt latschen. Aber in meiner Region liefert Rewe auch noch. Als einziger abgesehen von mytime, der auch (Tief)Kühlprodukte liefert. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht.

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