Pick-&-Go-Evolution: Rewe und Netto (ohne Hund) ersetzen Kassenlos-Versprechen durch Scan-Verzicht

Pick-&-Go-Evolution: Rewe und Netto (ohne Hund) ersetzen Kassenlos-Versprechen durch Scan-Verzicht

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Mit neuen Check-out-Verfahren wollen die beiden Handelsketten ihre Pick-&-Go-Konzepte für eine größere Kund:innen-Klientel öffnen. Wer nicht will, muss sich nicht mehr extra registrieren und braucht auch kein Smartphone. Kassenlos ist der Einkauf dadurch aber nicht mehr.

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Dass sich Handelsketten nicht mehr allein auf registrierpflichtige Apps verlassen können, um die Kundschaft zur regelmäßigen Nutzung Technologie-aufgerüsteter Supermärkte zu animieren, dürfte inzwischen klar sein (siehe Supermarktblog). Auch deutsche Handelsketten experimentieren mit alternativen Abläufen, die einen einfacheren Zugang zu bisherigen Testmärkten versprechen.

Aldi Nord hat im vergangenen Sommer den Anfang gemacht und die Einlassschranke in seiner ersten und bislang einzigen „Shop & Go“-Testfiliale im niederländischen Utrecht abgebaut (siehe Supermarktblog). Der Markt ist seitdem für alle geöffnet. Am Ladenende stand zunächst eine Touchscreen-Säule, an der Kund:innen ihre zuvor automatisch erfassten Einkäufe regulär bezahlen können. Inzwischen sind es drei.

Im Shop-&-Go-Markt in Utrecht bietet Aldi Nord inzwischen den schnellen Check-out an drei Bezahlterminals an, die eingekaufte Artikel automatisch erkennen; Foto: Marcel P.

Das ermöglicht auch nicht-registrierten Nutzer:innen den Einkauf und reduziert die Wahrscheinlichkeit, trotz modernster Technologie am Ende doch wieder anstehen zu müssen.

An diesem Dienstag hat nun Netto (ohne Hund) seinen zweiten „Pick & Go“-Testmarkt in Deutschland eröffnet, nach der Premiere in München fiel die Standortwahl diesmal auf Regensburg. Erstmals können Kund:innen dort ohne vorherige Registrierung und ohne Nutzung einer Smartphone-App einkaufen. Bezahlt wird am Ladenende an zwei so genannten „Fast-Exit-Terminals“, auf denen die entnommenen Artikel mit der errechneten Einkaufssumme automatisch erscheinen, Netto (ohne Hund) zufolge „ohne die Ware aufs Kassenband zu legen oder zu scannen“.

Die Erfindung der „Überholspur“

„Willst du richtig Zeit sparen? Dann nutz doch die Überholspur“, heißt es gegenüber Kund:innen im Markt. Bezahlt werden kann anschließend per Karte, Apple Pay, Google Pay oder Netto-App.

Netto lotst Kund:innen in Regensburg auf die „Überholspur“; Foto: Netto Marken-Discount Stiftung & Co. KG

„[D]ieser Service ist derzeit weltweit einmalig“, rühmt sich Netto (ohne Hund) in einer Mitteilung – aber das ist, nun ja: falsch. Nicht nur Aldi Shop & Go setzt in den Niederlanden inzwischen ja (wie oben beschrieben) Bezahlterminals ein.

Auch der Wettbewerber Rewe justiert bei seinem „Pick & Go“-Test nach – und zwar schon seit einigen Wochen: Kund:innen, die sich bspw. im Berliner Pick-&-Go-Hybridmarkt am Eingang für einen Einkauf mit regulärer Bezahlung entschieden haben, erhalten an einer von drei SB-Kassen am Ladenende die Möglichkeit, sich ihre Produkte auf Wunsch automatisiert auflisten zu lassen – ebenfalls ohne sie nochmal scannen zu müssen.

Wie Scan & Go, nur ohne Scannen

Wer zustimmt, stellt sich auf eine Matte bzw. in eine Markierung vor der Expresskasse und erhält ohne eigenes Zutun einen Überblick der Artikel aus seinem Einkaufskorb:

„Bezahl ohne zu scannen. Wir haben uns gemerkt, was du eingepackt hast und übertragen deinen Einkauf automatisch auf die Kasse.“

Auf dem Bildschirm werden Kund:innen noch gefragt:

„Haben wir etwas vergessen? Dann scan die Artikel bitte selbst.“

Wenn alles korrekt ist, muss bloß noch bezahlt werden: bar oder per Karte. Ab und an nutzen Mitarbeitende die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass dieser Prozess bei Verwendung der Rewe Pick-&-Go-App noch schneller gehe. Die Express-Funktion an der SB-Kasse ist aber auch unabhängig davon wiederholt nutzbar und funktioniert (zumindest bei unkomplizierten Einkäufen).

Die Änderung ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, vor allem weil die Supermärkte damit endgültig zugeben, dass Pick & Go mit der bisherigen Registrierpflicht per App alles andere als ein Selbstläufer war, und neue Nutzer:innen erst überzeugt werden müssen.

Gleichzeitig lösen die Handelsketten damit eine bislang stillschweigende Vereinbarung mit den eigenen Kund:innen auf, denn bislang galt die Regel: Wer z.B. Rewe Pick & Go mit der App nutzt, wird bei seinem Einkauf von den im Markt angebrachten Kameras getrackt und mitsamt seines Einkaufsverlaufs aufgezeichnet; wer das nicht will und die App nicht nutzt, wird vom System auch nicht erfasst.

Das System erfasst alle Einkaufsvorgänge

Das ist durch die Änderung hinfällig: Um am „Fast-Exit-Terminal“ oder an der SB-Kasse auch die Einkäufe nicht-registrierter Kund:innen auf den Bildschirm übertragen zu können, müssen vorher vom System alle, die den Laden betreten, mitsamt ihres Einkaufs erfasst werden.

Zugangsbarrieren bei Rewe Pick & Go in Berlin; Foto: Smb

Das geschieht den Unternehmen zufolge nach wie vor unter Einhaltung sämtlicher Datenschutzbestimmungen und ohne Speicherung persönlicher Merkmale (Rewe: „Wir achten immer auf deine Privatsphäre“). Fakt ist aber auch, dass in Pick-&-Go-Filialen somit immer aufgezeichnet wird, wie sich Kund:innen während des Einkaufs dort bewegen.

Oder wie es in den aktualisierten Rewe-Datenschutzbestimmungen dazu heißt:

„Die Bereitstellung deiner Daten ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Jedoch ist es nicht möglich, sich im teilnehmenden Markt zu bewegen, ohne dass deine Daten von Videokameras erfasst und in Ausnahmefällen in einer Cloud gespeichert werden.“

In der Eingangstür des Berliner Pick-&-Go-Markts hängen neben den „Datenschutzhinweisen“ für Pick-&-Go-Nutzer:innen auch separate für „Pick & Go Begleitpersonen“ und „nicht Rewe Pick & Go nutzende Kund:innen“.

Ob Rewe sich vorstellen kann, die erprobte Bezahlvariante – faktisch eine Abschaffung des Scannens an der regulären SB-Kasse – dauerhaft zu etablieren, ist bislang unklar.

Nachteil für Stamm-Nutzer:innen

Die Entwicklungen bei Pick & Go bzw. Shop & Go sind aber noch in einer weiteren Hinsicht interessant: Denn die neu eingeführte Möglichkeit, aus dem Regal genommene Artikel am Ende des Einkaufs auf einem Bildschirm aufgelistet zu kriegen, um deren Vollständigkeit zu prüfen und zu bezahlen, setzt voraus, dass das System den vorherigen Einkauf innerhalb weniger Sekunden auch komplett erfassen kann, nämlich: spätestens bis zur Bezahlentscheidung im Laden.

Bisher war das – zumindest beim Technoloigie-Anbieter Trigo, auf den sämtliche in diesem Text genannten Handelsketten vertrauen – alles andere als selbstverständlich. Mehr noch: Regelmäßige Nutzer:innen, die sich via App anmelden, können während ihres Einkaufs z.B. bei Rewe Pick & Go bislang nicht sehen, welche Artikel ihnen das System zurechnet, um eventuell korrigierend einzugreifen.

Stattdessen müssen sie im Anschluss an den Einkauf prüfen, ob alles richtig war – oder eine Reklamation anstoßen. Angemeldete Pick-&-Go-Nutzer:innen sind damit aktuell quasi benachteiligt, weil ihnen eine grundlegende Funktion des Kassenlos-Einkaufs vorenthalten wird.

Mitarbeiter:innen müssen nachkontrollieren

So geht es derzeit auch Test-Nutzer:innen des ersten vollautomatisierten Teo-Minimarkts, den die hessische Supermarktkette Tegut Ende des vergangenen Jahres in Kooperation mit dem Hamburger Technologie-Lieferanten Autonomo in Darmstadt aufgestellt hat (siehe Supermarktblog). Der jeweilige virtuelle Warenkorb lässt sich nach Tegut-Angaben während des Einkaufs nicht in der Teo-App einsehen.

Diese Praxis dürfte gute Gründe haben, die auch an der Fehleranfälligkeit der Systeme liegen wird. In vielen Situationen reichen die in den Läden verbauten Kameras und Sensoren schlicht und einfach nicht aus, um hundertprozentig genau zu erkennen, welche Artikel aus dem Regal genommen oder zurückgelegt wurden (siehe dazu dieser ausführliche Praxistest von Rewe Pick & Go im Supermarktblog).

In diesen Fällen kommt es oft zu Verzögerungen der Bon-Ausgabe via App; der Frage, ob das daran liegt, dass Mitarbeiter:innen zur händischen Nachprüfung verpflichtet werden, sind die Handelsketten bislang ausgewichen. Aber auch für die Kolleg:innen von „Retail Optimiser“ liegt das nahe. In einem kürzlich dort erschienenen Bericht steht:

„Dass es oft nicht ohne manuelle Intervention geht, hat der CEO einer der Anbieter einer solchen Scanless-Technologie im Gespräch mit dem Retail Optimiser explizit bestätigt. ‚Es gibt Nachprüfungen durch Menschen beim Betrieb jeder dieser Stores – unabhängig vom Technologie-Anbieter. Die Frage ist nur, wie häufig muss diese zum Einsatz kommen und bekomme ich den Bon nach einer Stunde oder nach 10 Sekunden.‘“

Stolperstein bei der Kassenlos-Revolution

Auch in den Datenschutzbestimmungen von Tegut zum ersten Teo mit Autonomo-Technologie findet sich inzwischen eine Bestätigung dieses Procederes:

„Es werden im Ergebnis automatisch Kassenbelege erstellt, ohne dass ein Mensch eingreift. Im Falle von Unsicherheiten im Einzelfall erfolgt jedoch eine manuelle Überprüfung durch einen geschulten zuständigen Mitarbeiter.“

Das allerdings schmälert die Attraktivität des Ausbaus der angeblich vollautonom abrechnenden Supermärkte doch erheblich – weil dann zwar weniger reguläres Kassenpersonal gebraucht wird; dafür aber solches, das im Hintergrund stetig Vorgänge kontrolliert, die vom teuer eingebauten System nicht eindeutig fehlerfrei gelesen werden können.

Rewe hat trotzdem angekündigt, in diesem Jahr weitere Pick-&-Go-Testmärkte in Hamburg und Düsseldorf eröffnen zu wollen. Auch bei Tegut scheint man sich auf einen umfassenderen Einsatz von „Grab & Go“ bei Teo vorzubereiten.

Und Technologie-Lieferant Trigo? Erweckt zumindest den Anschein, als wolle man die bisherige Praxis ändern. In der Netto-(ohne Hund)-Mitteilung lässt sich Daniel Gabay, Mitbegründer und CEO von Trigo, mit den Worten zitieren, man läute „eine neue Ära der Ladenautomatisierung ein, indem das Konzept des Echtzeitbelegs Realität wird“. Dem müssten auch die übrigen Anbieter folgen.

Wie geht’s weiter mit dem Kassenlos-Versprechen?

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie die Systeme dann mit Fällen umgehen, in denen Kameras und Sensoren die entnommenen Produkte nicht eindeutig zuordnen können – weil diese Fehler dann direkt an der Kasse sichtbar würden. Das wäre freilich eine clevere Möglichkeit, die Fehlerkorrektur direkt auf die Kund:innen abzuwälzen – und mögliche Abschriften für die Händler zu minimieren.

Es bedeutet aber auch: Das bislang kassenlose Einkaufen ist in der derzeit erprobten Lösung gar nicht mehr kassenlos, sondern eliminiert lediglich das Scannen am Check-out. Mag sein, dass vielen Kund:innen das als Verbesserung schon genügt. Die versprochene Revolution allerdings schränkt das massiv ein: Anstehen muss man am Ende zum Bezahlen dann ja doch wieder, „Überholspur“ hin oder her.

Netto (ohne Hund) scheint sich schon entschieden zu haben: Der Pick-&-Go-Einkauf in Regensburg – der eigentlich in „Pick, Pay & Go“ umgetauft werden müsste – lässt sich entweder an den Fast-Exit-Terminals abschließen oder per regulärer Bezahlung an einer normalen Kasse bzw. SB-Kasse.

„Die Kombination aus diesen drei Bezahlalternativen bietet das bestmögliche Einkaufserlebnis für alle Kundinnen und Kunden“, heißt es vom Unternehmen. Von der spezifischen Pick-&-Go-App ist in der Mittelung keine Rede mehr.

Danke an Marcel!

Mehr zum Therma:

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6 Kommentare
  • Was ich mich frage: Wie ist das rechtlich, wenn die erfassten mit den tatsächlichen Artikeln nicht übereinstimmen? Ist das dann Diebstahl? Wie will die Software zuverlässig ermitteln, ob ich drei oder vier Tafeln Milka aus dem Regal nehme? Oder ein paar Meter weiter feststelle, Ritter Sport ist im Angebot, stattdessen die nehme und die Milka wieder zurück lege. Ach nein, eine Tafel behalte ich ja doch, weil die MilkaOreo mir gut schmeckt?

    So viele Sensoren und Kameras können gar nicht verbaut werden, also wird die Software bei vielen Kunden dem Geschäft signalisieren, das der Einkauf nicht korrekt erfasst werden konnte und damit ein Mitarbeiter nachkontrollieren muss.

    Und gewisse Kundschaft wird schnell wissen, wie sich das System austricksen lässt. Wenn ich teilweise schon sehe, wie selbst in guten Lagen manche Alltags-Artikel schon hinter Glasschränken eingeschlossen sind, finde ich das nicht unrealistisch.
    Wollen die solchen Personen dann Hausverbot geben? Dann müssten aber ihre biometrischen Daten zentral gespeichert werden, etwas was nicht DSGVO-Konform ist.

  • Ich frag mich ja, was passiert, wenn mehrere Personen gleichzeitig einkaufen wollen.
    Wenn mehrere durch das Eingangsportal gehen, wird das als ein Einkauf zusammengefasst (wenn das Kind sich den Schokoriegel greift 😉 ).
    Gefährlich ist das natürlich, wenn sich jemand fremdes mit reindrängelt.
    Aber wie funktioniert das dann ohne Registrierung, wenn Mann und Frau gemeinsam den Einkaufswagen befüllen?

    • Bei der Rewe-Lösung müssen sich die betreffenden Personen gemeinsam in den eingezeichneten Bereich vor der Kasse stellen, dann werden deren Warenkörbe zusammenaddiert. Hab ich aber noch nicht ausprobiert.

  • Mich würde in diesem Zusammenhang interessieren, wie in solche Systeme supermarktübliche Lösungen wie Restetische und Preisreduzierungen für Waren kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums integriert werden. Werden solche Waren dort entsorgt oder aufwändig in andere Filialen transportiert?

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