Alnaturas Kooperation mit Edeka und die Konsequenzen für den Bio-Markt

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Drei Jahrzehnte hielten sich Alnatura und dm gegenseitig die Treue: Die Biomarke verzichtete darauf, ihre Produkte in die Läden der großen Supermarktketten zu bringen; dafür machte der Partner in seinen Drogeriemärkten Platz für viele hundert Artikel und ließ Konkurrenten außen vor. „Alnatura hat seine Produkte bei dm ja weniger verkauft als vielmehr verteilt – ohne Konkurrenz und mit sicherem Kundendurchlauf“, sagt ein Branchenkenner. „Da kann man gar nicht anders als entsprechende Umsätze zu machen.“

Die Situation hat sich drastisch geändert. Aus den ehemaligen Partnern sind Konkurrenten geworden, die sich vor Gericht treffen. Das wirkt sich auf den ganzen Bio-Markt aus.

Kann Alnatura die Verluste mit neuen Partnern auffangen? Wie verlässlich ist die Kooperation mit Edeka? Und wer muss Platz machen, wenn Alnatura in die Regale der Supermärkte drängt? (Mögliche) Antworten auf diese Fragen gibt’s nach der kurzen Übersicht:

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Wer profitiert, wer verliert?

dm: Gut gepokert

War was? Vierzehn Monate nachdem die ersten „dm Bio“-Produkte ins Regal kamen, hat dm Alnatura fast restlos ersetzt. In vielen Läden sind von ehemals 650 Artikeln des Partners nur noch wenige übrig. Womöglich hat ein Großteil der dm-Kunden das noch nicht mal bemerkt. Denn das Sortiment ist nahezu gleich geblieben und dm hat für seine Bio-Marke nicht nur die Alnatura-Preise übernommen, sondern auch Alnatura-Lieferanten. „Das war für viele eine totale Zwangslage“, erklärt ein Branchenbeobachter. „Wenn ein Hersteller seine Maschinenkapazitäten auf eine gewisse Menge aufbaut, kann er nicht einfach sagen: Ich bleib Alnatura treu und produziere nur noch die Hälfte.“

Immerhin werden über 1700 deutsche dm-Filialen mit Bio-Lebensmitteln beliefert. Alnatura betreibt bislang gerade einmal 100 eigene Märkte. Deshalb dürften viele Produzenten auf das dm-Angebot eingegangen sein.

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Es ist gut möglich, dass die Drogeriemarktkette am Ende am meisten profitiert: Mit dm Bio umgeht sie Zwischenhändler und versorgt preisempfindliche Kunden weiterhin mit günstigen Lebensmitteln in Bio-Qualität. Dazu kann sie das Angebot durch neue Allianzen erweitern. Mit Veganz, Provamel, Davert und Produkten kleiner Biomanufakturen (siehe Supermarktblog) ist dm nun deutlich vielfältiger aufgestellt als noch vor anderthalb Jahren.

Die Frage ist nur, ob die Kunden auch bei Lebensmitteln bereit sind, die höheren Preise für Markenartikel zu zahlen.


Alnatura: Ein heikler Neustart

Alnatura ist um Optimismus bemüht. Eine Sprecherin des hessischen Bio-Filialisten erklärt auf Supermarktblog-Anfrage:

„Die Entwicklung bei unseren neuen Handelspartnern in Deutschland (Edeka und Sky) und Österreich (Merkur, Billa, Bipa, Sutterlüty) ist sehr positiv.“

Bei Edeka gebe es seit dem Start der Zusammenarbeit in allen Regionen große Zulistungen. „Dies ist ein Zeichen dafür, dass nicht nur diejenigen Kunden, die ihr gewohntes Alnatura-Sortiment nicht mehr bei dm finden, zu Edeka wechseln, sondern auch Bio-Neukunden gewonnen werden.“

In der Branche wird das bezweifelt. Vermutet wird eher, dass Alnatura hinter den Umsatzerwartungen zurückliegt: „Aus den Reihen der Naturkosthersteller, die ein großes Portfolio an Eigenmarken für Alnatura hergestellt haben, ist zu hören, dass die Mengen eingebrochen sind. Edeka kann die Regalflächen, die bei dm gestrichen werden, gar nicht so schnell auffangen.“

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Alnatura hält dagegen:

„Wir sind sicher, dass wir diesen Einbruch ausgleichen können: für unsere Herstellerpartner und vor allem auch für die vielen Bio-Bauern, die die Rohstoffe für die Alnatura Produkte produzieren.“

Viele Partner hat Alnatura aber nicht exklusiv, zum Teil produzieren sie auch für andere Bio-Labels. „Alnatura hat sich verschätzt, wie schnell die eigene Marke tatsächlich austauschbar ist“, sagt ein Experte. Ein anderer meint: „Alnatura hat den großen Vorteil gehabt, mit viel Zeit und Rückenwind eine Marke aufbauen zu können, die unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen nur schwer der Konkurrenz standgehalten hätte.“

Um zu alter Stärke zurückzufinden und weiter zu expandieren, will sich die Kette nicht mehr nur auf Partner verlassen:

„Im Kalenderjahr 2016 werden wir insgesamt fast 20 neue Alnatura Bio-Supermärkte eröffnen, so viele wie niemals zuvor in der Unternehmensgeschichte“,

heißt es aus der Zentrale. Ein Branchenkenner vermutet: „Alnatura übersteht auch mal eine schwerere Phase.“


Edeka: Verhaltene Begeisterung

Als Alnatura-Gründer Götz Rehn gemeinsam mit Edeka-Chef Markus Mosa im vergangenen Oktober die neue Allianz vorstellte, klang das nach Liebesheirat. „Edeka ist recht nah an der Bio-Bewegung“, lobte Rehn in der „Lebensmittel Zeitung“. Mosa meinte: „Respekt vor der Marke Alnatura haben wir seit Jahren.“

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Edeka-Vorstand Markus Mosa, Alnatura-Gründer Götz Rehn; Fotos: Edeka/Alnatura

Respekt ist die eine Sache, die Produkte in den eigenen Läden zu verkaufen eine andere. Das sehen zumindest viele der selbstständigen Edeka-Kaufleute so, die selbst über ihre Sortimente entscheiden.

Einige haben in großem Stil Platz freigeräumt, um Alnatura in die Läden zu bringen. Ein großer Edeka-Händler sagt, die Marke komme bei den Kunden sehr gut an. Bei manchen fallen Sortiment und Präsentation so großzügig aus, dass jeder Konkurrent vor Neid erblassen dürfte. Zum Beispiel im Scheck-in Center im hessischen Weinheim, das – unweit der Alnatura-Zentrale – von der Familie des bisherigen Edeka-Aufsichtsrats Adolf Scheck betrieben wird.

Dort bekommt Alnatura eine Vorzugsbehandlung: Von der Decke hängen große Hinweisschilder, die schon am Markteingang auffallen; es gibt aufwändige Regalkennzeichnungen, Platzierungen an den Regalenden, wo besonders viele Kunden vorbeikommen, sogar eigene Produktinseln mit Alnatura-Logo.

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Äußern mag sich das Unternehmen dazu nicht: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aus Wettbewerbsgründen keine Stellungnahme abgeben möchten“, erklärt Maud Neumann, Marketing-Verantwortliche von Scheck-In Center, auf Supermarktblog-Anfrage.

Aber das ist nur die eine Seite. Andere Kaufleute nehmen Alnatura-Artikel eher zögerlich ins Regal. Aus gutem Grund: „Alnatura kann mit attraktiven Verkaufspreisen locken, aber bei vielen Händlern war die Freude darüber nur noch halb so groß, als sie sich die Kalkulation angeschaut haben: Weil die Spanne, die mir den Artikeln verdient wird, viel niedriger ist“, erklärt ein Branchenbeobachter. Anders formuliert: Mit Alnatura lässt sich nicht soviel verdienen wie mit anderen Bio-Marken.

edekagruen01Das liegt daran, dass Alnatura sich jahrelang vor allem über niedrige Preise definiert hat, und ging gut, weil das ganze Konzept darauf ausgerichtet war, die Marke in eigenen Läden als Einstiegsartikel und an preisempfindliche dm-Kunden zu verkaufen. „Alnatura ist ja de facto eine outgesourcte Handelsmarke“, sagt ein Branchenkenner.

Bei Edeka ist die Situation vielschichtiger. Zum einen schwächt die Handelskette im Zweifel ihre Bio-Eigenmarke, die ebenfalls günstig positioniert ist und zuletzt stark ausgebaut wurde. Zum anderen riskieren Kaufleute, dass Kunden im Regal zum billigeren Alnatura-Produkt greifen anstatt eins zu nehmen, für das sie bislang bereitwillig mehr bezahlt haben.

Das scheint auch manchen der sieben Edeka-Regionalgesellschaften nicht geheuer zu sein. In einem „Regiemarkt“ in Berlin, der von der größten Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover betrieben wird, spielet Alnatura Ende des vergangenen Jahres auch Wochen nach dem offiziellen Start der Kooperation keine Rolle. Angesichts der riesigen Abteilung mit Bio-Produkten der Marken Biozentrale und Bio Gourmet bestand auch gar keine Notwendigkeit.

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Am bisherigen Sortiment hat sich danach nicht viel verändert. Am Rande der Abteilung ist inzwischen eine kleine  Alnatura-Auswahl dazu gekommen – ohne dass besonders intensiv dafür geworben würde. Eine Edeka-Minden-Hannover-Sprecherin möchte auf Supermarktblog-Anfrage „keine pauschalen Angaben“ zur Sortimentsgestaltung machen.

Bei Alnatura heißt es:

„Ja, die Anzahl der Alnatura Produkte in den einzelnen Edeka Märkten ist recht unterschiedlich, da jeder Kaufmann individuell entscheidet, welche Artikel er ins Sortiment aufnimmt.“

Aktuell seien „zwischen 250 und 800 Produkte aus dem Trocken- und Baby-Sortiment“ bei den sieben Regionalgesellschaften gelistet. Man gehe davon aus, „dass das Sortiment noch weiter ausgebaut“ werde. Aber das kommt eben auch auf die selbstständigen Händler an. „Viele ticken anders als die Zentrale“, sagt ein Branchenkenner. „Wenn sie auf Dauer keine Freude an Alnatura haben, weil ihr Rohertrag wegen der niedrigen Preise nicht mehr stimmt, wird diese Partnerschaft nur kurzfristig gut gehen.“ In diesem Fall hätte sich Edeka-Chef Markus Mosa gewaltig verkalkuliert.

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Unabhängige Biomarken: Wer macht Platz?

Überall dort, wo Alnatura ins Edeka-Sortiment rückt, kommt es zu Verschiebungen: Weil Platz im Regal gebraucht wird, der vorher anderweitig vergeben war. Zum Beispiel an unabhängige Bio-Marken wie Biozentrale, Rinatura, Bio Gourmet oder Verival. Das muss nicht für alle die gleichen Konsequenzen haben.

„Biozentrale ist vollständig auf den klassischen Lebensmittelhandel eingestellt und logistisch sehr gut organisiert“, erklärt ein Beobachter der Branche. Supermärkte werden direkt mit den Produkten beliefert, Mitarbeiter stehen in regelmäßigem Austausch mit den Kaufleuten, sie kennen die Situation im Markt, wissen, welche Artikel gebraucht werden und nehmen Ware auch zurück, wenn sie nicht verkauft oder beschädigt wird. Alnatura kann das nicht bieten.

Kein Wunder, wenn Edeka-Händler zögern, für den Neuen zugunsten von Biozentrale Platz zu machen.

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Ein Experte sagt: „Ich kann mir vorstellen, dass es vor allem für kleinere Biomarken – Rinatura, Verival – auf Dauer eng wird.“ Die müssten sich darauf konzentrieren, Produkte anzubieten, die aus dem Standard-Bio-Sortiment herausragen. Aber auch dafür braucht es: Platz.

Von Herstellern ist zu hören, dass Kaufleute, die selbstständig über ihr Sortiment entscheiden, offener gegenüber den unabhängigen Bio-Marken sind als Läden, die zentral gesteuert werden. Das hieße: Dort, wo die Zentralen der großen Ketten direkten Einfluss haben, nutzen sie ihn zu Gunsten des neuen Partners. Das ergibt Sinn: Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Edeka alles daran gesetzt habe, Alnatura zu sich zu holen. „Dafür dürften auch Versprechungen gemacht worden sein.“

Am Ende liegt es an den Edeka-Selbstständigen: „Wenn die eine gut eingeführte Biomarke im Regal haben, gibt es keinen Grund, kurzfristig daran etwas zu ändern.“


Alnatura-Handelspartner: Der Vorteil ist futsch

„Tegut macht seit zwanzig Jahren vor, wie man mit der Marke Alnatura im Lebensmittelhandel erfolgreich sein kann. Deshalb ist die Edeka-Listung für Tegut und die anderen Alnatura-Partner natürlich ein Hammer“, sagt ein Experte. Die anderen sind Globus und Hit. Für alle drei war Alnatura die Möglichkeit, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. Das hat sich erledigt.

Dennoch hat sich zum Beispiel Tegut dazu bekannt, die Kooperation weiterführen zu wollen. Die hessische Supermarktkette hat auch keine andere Wahl.

Alnatura steuert etwa 700 von 3000 Bio-Produkten im Tegut-Sortiment bei. Die braucht Tegut, um seinen Kunden Bio-Lebensmittel anzubieten, für die sie nicht so tief in die Tasche greifen müssen. Schließlich arbeitet Tegut seit der Übernahme durch die Schweizer Migros mit Hochdruck daran, sein Teuer-Image abzustreifen.

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Sich mit Produkten aus dem (attraktiven) Bio-Eigenmarkensortiment der Migros ein neues Alleinstellungsmerkmal aufzubauen, geht aus zwei Gründen nicht. Der erste: Die in der Schweiz hergestellten Artikel müssten höchstwahrscheinlich zu Preisen angeboten werden, die kein deutscher Kunde zu zahlen bereit wäre.

Der zweite: Migros wird es sich kaum mit Alnatura verscherzen wollen, da beide in der Schweiz seit Jahren kooperieren, und zwar mit Erfolg. Tegut hat das Nachsehen.


Fachhandel: Das große Abwarten

Völlig ungewiss ist, wie sich die Kooperation zwischen Edeka und Alnatura auf den Bio-Fachhandel auswirken wird. „Viele Biohändler geben sich entspannt und sind der Ansicht, ein paar ungepflegte Alnatura-Regale im Edeka nebenan seien keine Gefahr“, sagt ein Branchenkenner. Das gilt aber nicht zwangsläufig für kleine Läden.

Mit einer dm-Filiale in der Nähe hielt sich der Konkurrenzdruck für sie bislang in Grenzen, weil Kunden für gekühlte Artikel und eine erweiterte Auswahl dann doch wieder zu ihnen kommen mussten. Mit Edeka als direktem Wettbewerber ist das anders: Dort gibt’s auch Obst und Gemüse in Bio-Qualität, und Kunden, die auf Bio Wert legen, könnten ihren Einkauf künftig komplett im klassischen Supermarkt erledigen.


Und jetzt?

Es gibt zwei Szenarien, die beide die Konsequenzen des Bruchs zwischen Alnatura und dm abbilden und realistisch sind.

  • Zahlreiche Gesprächspartner äußern die Hoffnung, dass durch das breitere Angebot auch die Nachfrage der Kunden steigen könnte.
  • „Mehr Bio-Produkte schaffen ein größeres Bewusstsein für Bio und vergrößern den Gesamtmarkt“, sagt ein Händler. Ein Edeka-Kaufmann erklärt, er habe im Laden tatsächlich mehr Platz für Bio-Artikel gemacht. (Freilich fehlt dieser Platz dann in anderen Kategorien.) Und ein Hersteller meint: „Der Handel bemüht sich gerade von vielen Seiten um neue Produkte.“
  • Nach wie vor machen Bio-Lebensmittel in Deutschland aber nur 3,7 Prozent des Gesamtmarkts aus (BÖLW 2015, pdf). Ein sprunghafter Anstieg ist eher unwahrscheinlich. Wenn sich das Wachstum auf dem bisherigen Niveau fortsetzt, werden am Ende nicht alle gewinnen können.

Das nimmt die zweite Möglichkeit vorweg:

  • Wenn dm im großen Stil seine Bio-Eigenmarke etabliert und Alnatura seine Verluste über die neuen Partner auffangen kann, bleibt weniger Platz für unabhängige Marken.
  • Der zunehmende Druck schafft neue Probleme: „Die Gefahr ist, dass wir mit Bio-Lebensmitteln in einen Preiswettbewerb kommen“, sagt ein Branchenbeobachter. Ein anderer meint: „Dass alles immer billiger werden muss, tut der Industrie nicht gut und dem Handel genauso wenig.“ Bio ist eigentlich der Versuch, genau diesem Mechanismus, der schon der konventionellen Landwirtschaft zu schaffen macht, nicht zu erliegen.

Die Frage ist nur, ob das den großen Bio-Marken am Ende genauso wichtig ist wie die Verteidigung ihrer Marktanteile.

Weiterlesen: 


Mehr Texte über Alnatura und Edeka:

Mehr Texte über dm:

Fotos: Supermarktblog

Ladenrundgang: Wieviel Alnatura steht bei Edeka im Regal?

„Edeka und Alnatura gehen jetzt gemeinsame Wege – die beliebte Lebensmittelmarke ist ab sofort in zahlreichen Edeka-Märkten zu finden“, meldete Deutschlands größter Lebensmittelhändler im Herbst 2015. Die Integration der Artikel ins Sortiment ist aber von Region zu Region und von Markt zu Markt höchst verschieden. Vier Beispiele.


1. Scheck-In Center / Marktkauf, Weinheim
(selbstständiger Kaufmann)

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Grüner wird’s nicht. Jedenfalls nicht im Marktkauf der Familie des bisherigen Edeka-Chefaufsehers Adolf Scheck in Weinheim. Im dortigen Scheck-In Center – das tatsächlich so heißt – genießt Alnatura eine Vorzugsbehandlung, auf die so mancher Markenartikel-Hersteller neidisch sein dürfte. Schon von weitem sehen Kunden, wo es die Produkte der Bio-Marke zu kaufen gibt, weil dort das Alnatura-Logo unter der (sonst völlig freien) Decke hängt (Foto oben).

Wer seinen Einkaufswagen durch die Flure schiebt, kann die Produkte kaum übersehen: Ganze Meter belegt Alnatura im Regal, die Preisschienen sind komplett eingegrünt worden, dazwischen hängen grüne Bannerfähnchen.

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Oder alternativ: grüne Schildchen.

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Besonders freundlich ist die Platzierung an den Regalenden („Gondelköpfe“ genannt), zumindest zum Zeitpunkt meines Ladenrundgangs.

Die Präsentation dort ist sonst in der Regel Aktionsartikeln vorbehalten – oder Produkten bzw. Marken, die besonders angeschoben werden sollen. Weil sie dort vielen Kunden auffallen und häufig gekauft werden.

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Manche Sortimente haben einen zusätzlichen Sonderstatus: Nicht nur die Babynahrung an sich, sondern auch ihre Preisschilder sind zur Hervorhebung freundlicherweise grün eingerahmt worden.

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Und die Alnatura-Frühstücksartikel wohnen in einem Holzimitat-vertäfelten Regalkubus, an dem jeder, der im Weinheimer Scheck-In-Center einkauft, auf dem Weg zur Kühlabteilung vorbei muss.

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Es ist ein kleines Wunder, dass Mitarbeiter die Alnatura-Produkte zwischen den Kunden nicht auf kleinen Sänften zur Regalauffüllung tragen. (Kann aber natürlich passiert sein, nachdem ich dort gewesen bin.)

Der Markt macht den Eindruck, als habe er eine halbe Alnatura-Filiale auf seiner Fläche untergebracht. Dafür müssen zuvor massiv andere Artikel aussortiert oder in ihrer Regalfläche begrenzt worden sein. Die Center-Betreiber wollen sich dazu ebenso wenig äußern wie zur Produktzahl. Alnatura zufolge sind bei Edeka jedoch generell „zwischen 250 und 800 Produkte aus dem Trocken- und Baby-Sortiment (…) gelistet.“ An die 800er-Marke dürfte das Scheck-In Center locker rankommen.


2. E-Center, Berlin-Moabit
(Regiemarkt Edeka Minden-Hannover)

Ein hübsches Kontrastprogramm liefert die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover in einem Berliner Regiemarkt („Regiemärkte“ sind solche, die nicht von selbstständigen Kaufleuten, sondern von Edeka selbst betrieben werden). Dort ist das Bio-Sortiment in einer eigenen Abteilung zusammengefasst, besteht vor allem aus den unabhängigen Marken Biozentrale und Bio Gourmet und sieht so aus:

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(Also: so – mal zwei, plus um die Ecke nochmal ein bisschen was dazu.)

Alnatura-Produkte spielten in dem 3700 Quadratmeter großen Laden Ende des vergangenen Jahres, drei Monate nach der Bekanntgabe der Kooperation, überhaupt keine Rolle. Das hat sich inzwischen geändert, wenn auch zögerlich. Alnatura ist zur Bio-Abteilung hinzu gerückt, allerdings ins rechte Seitenregal, das nicht besonders auffällig positioniert ist, wenn man aus der Obst – und Gemüseabteilung kommt.

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Die übrige Bio-Auswahl (auf vielen Metern mehr) scheint weitgehend gleich geblieben zu sein.

Wer Alnatura im Berliner E-Center sucht, wird jetzt also fündig. Aber mit großem Enthusiasmus verkauft man die Marke dort eher nicht. Daran ändern auch die Bannerfähnchen nix.


3. E Schallenberg, Köln
(selbstständiger Kaufmann)

In der Rewe-Hochburg Köln betreibt Edeka-Kaufmann Gerd Schallenberg einen kleinen, aber ziemlich guten Markt mitten in der Stadt.

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Und zwar mit durchaus üppigem Bio-Sortiment. Alnatura kommt, obwohl sich Schallenberg damit von den vielen roten Rewes in der Umgebung abheben könnte, aber mit Augenmaß zum Einsatz. Artikel in Bio-Qualität sind im Regal den jeweiligen Sortimenten zusortiert, das geht angesichts der Ladengröße auch gar nicht anders. Dort muss sich Alnatura den Platz mit etablierten Konkurrenten teilen: der Edeka-Bio-Eigenmarke natürlich, aber auch Biozentrale, Bio Gourmet und anderen.

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Sonderbehandlung fällt hier flach. Alnatura muss sich aus eigener Kraft durchsetzen, mit einer Mischung aus Standardprodukten und solchen, die vermutlich eher als Sortimentsergänzung gedacht sind, weil sie die anderen Bio-Marken so nicht anbieten.

Der einzige Vorteil ist: Schallenberg kennzeichnet offensichtlich die günstigsten Produkte einer Kategorie mit roten Preisschildern. Und die kapert Alnatura oft mühelos für sich.

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Sieht also nach friedlicher Koexistenz aus. Aber irgendwoher muss auch hier der Platz für Alnatura gekommen sein.


4. E-Center St. Pauli / Rindermarkthalle, Hamburg
(selbstständiger Kaufmann)

Ähnlich entspannt lässt es das 2014 in der (umstrittenen) Hamburger Rindermarkthalle neu eröffnete E-Center St. Pauli angehen. Auf der modern gestalteten Fläche, einer Kooperation der Kaufleute Herwig Holst und Familie Meyer, empfiehlt es sich, für die Einkaufskommunikation zwischen Getränkeabteilung und Frischetheken auf 4500 Quadratmetern ein Set Funkgeräte dabei zu haben. (Der Handyempfang ist ja immer mies in diesen Läden.)

Gleich am Eingang kriegt der Kunde eingebimst, wieviel Wert hier auf Bio gelegt wird: Bio-Obst und Bio-Gemüse haben ihre eigenen Deckenwürfel zur Kennzeichnung.

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In den anschließenden Fluren steht auch Alnatura im Regal, in durchaus großer Auswahl – und, genau wie bei Schallenberg, direkt neben den in Frage kommenden Konkurrenzprodukten.

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Ansonsten herrscht in den breiten Fluren jedoch absolute Wimpelfreiheit. Auch auf große Alnatura-Aufsteller hat man im E-Center verzichtet.

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Anders formuliert: Die „gemeinsamen Wege“, die Edeka mit Alnatura gehen will, sind von der Zentrale tatsächlich korrekt als Plural formuliert. Weil sie sich, wie oben demonstriert, massiv voneinander unterscheiden. Warum das wichtig ist, steht hier:


Die Eindrücke in diesem Blogeintrag geben nur den Stand zum Zeitpunkt meines Ladenbesuchs vor. Die Präsentation in den Läden kann sich zwischenzeitlich natürlich verändert haben. Die Besuche erfolgten im Dezember (Weinheim, Berlin), Februar (Hamburg), März (Köln) und April (nochmal Berlin).

Ich freue mich über Hinweise auf Änderungen und kurze Schilderungen, welchen Stellenwert Alnatura in Ihrem Edeka einnimmt: einfach in die Kommentare schreiben. Vielen Dank!

Fotos: Supermarktblog

Machen Asda, Rewe und Kaufland Abholboxen für Lebensmittel zum Einkaufsstandard?

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Anfang März gaben Rewe und Aral bekannt, dass aus ihrem Tankstellen-Techtelmechtel eine ernstzunehmende Affäre wird: Zwei Jahre hatten die beiden Unternehmen getestet, wie Rewes Minimarktkonzept Rewe to Go (das auch in Innenstädten ziemlich tankstellenhaft aussieht) an zehn Aral-Standorten bei den Kunden ankommt. Offensichtich: ziemlich gut.

In diesem Jahr sollen deshalb 50 weitere Stationen Rewe to Go eingebaut kriegen, 2017 kommen 200 weitere dazu. Insgesamt sollen es bis zu 1000 werden.

Mit Tests und Partnerschaften hat sich die britische Walmart-Tochter Asda ein Jahr zuvor gar nicht erst aufhalten wollen. Und stattdessen 15 Tankstellen vom unabhängigen Betreiber Rontec gekauft, um ihr eigenes Logo dranzuhängen und kleine Supermärkte hinter den Zapfsäulen betreiben zu können.

Auftanken und einkaufen

In vielen Ländern betreiben große Supermarktketten in ihren Einkaufsparks ganz selbstverständlich Tankstellen unter eigenem Namen. Rewe hat im Zuge des Deals mit Aral vorgerechnet, weshalb das nicht nur Sinn ergibt, wenn man Kunden in riesige Einkaufshangars am Stadtrand locken will:

„Inzwischen werden durchschnittlich über 60 Prozent des Einkommens der Aral Tankstellenunternehmer im Shop erwirtschaftet. Die Autowäsche und der Verkauf von Kraft- und Schmierstoffen steuern jeweils einen Anteil von rund 15 Prozent zum Ertrag der Partner bei.“

Für Asda hat der Tankstellenerwerb aber noch einen anderen wichtigen Zweck erfüllt: Die britische Kette ist dadurch an Orten vertreten, wo keiner ihrer Superstores in der Nähe liegt, und kann neue Kunden dazu gewinnen: solche, die ihren kompletten Wocheneinkauf an der Tankstelle erledigen. Weil sie sich ihn in die Abholstationen bestellen, die Asda dort aufgestellt hat.

Supermarktblog-Leser kennen die Boxen bereits: Sie funktionieren wie Packstationen, können aber dank unterschiedlicher Temperaturzonen auch gekühlte oder tiefgefrorene Lebensmittel einlagern.

Und zwar richtig, richtig viele, wie dieses Modell des Herstellers ByBox an einer Asda-Tankstelle im Londoner Osten eindrucksvoll demonstriert:

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Abholen bei Anja, Boris & Fritz: Wie Amazon seine „Locker“-Stationen für Deutschland adaptiert

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Foto: © Joel Chant/Amazon.co.uk Ltd./Transport for London

Jedes Jahr verkauft das Institut für Meteorologie an der FU Berlin Namenspatenschaften für bis zu 60 Hochs und 150 Tiefs, um damit die kontinuierliche Wetterforschung seiner Studenten zu finanzieren. Ein hervorragendes Geschenk, um den Gatten zum Geburtstag zu erfreuen oder die Schwiegermutter zu ärgern, wenn die (symbolisch) übers Land hinwegregnet.

Zumindest bis Amazon demnächst dazwischen grätscht.

Der Konzern könnte den Forschern problemlos Geschenkekonkurrenz machen. Mit Namenspatenschaften für seine neuen Abholboxen. Die haben nämlich, wie ihre Vorbilder im Ausland, landestypische Namen. Und müssten deshalb eigentlich Silvana, Sarafina, Estefania, Kelenta, Loredana, Sara-Jane, Lavinia bzw. Jeremy Pascal heißen.

Für seine ersten „Amazon Locker“ auf deutschem Boden hat sich der Konzern dann aber doch erstmal bloß für „Anja“, „Boris“, „Andreas“, „Fritz“ und – öhm – „Kelby“ entschieden. (Wie öde, null Prozent Übereinstimmung mit den Top 50 der Kindernamen 2015.)

Bislang äußert sich das Unternehmen nicht zu Meldungen, ein konkurrierendes System zu den Packstationen von DHL aufzubauen. Vor einigen Wochen allerdings suchte Amazon (wie die „Süddeutsche“ zuerst berichtete) nach Technikern und Mitarbeitern, die Partner überzeugen sollen, Amazon Locker in ihren Läden oder auf ihrem Gelände aufzustellen. In den Anzeigen stand:

„Amazon Pickup Locations, are exciting, delivery solutions that we are introducing into the DE marketplace.“

(Okay, Kommasetzung üben, wir, nochmal.)

Zunächst lässt Amazon die Locker von den eigenen Mitarbeitern testen. Erste Stationen stehen derzeit in den Logistikzentren Pforzheim, Bad Hersfeld und Rheinberg sowie in den Amazon-Büros München und Berlin-Mitte.

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„Online bestellen, hier abholen“, steht in grauen Klebebuchstaben auf dem orangefarbenen Kasten im Hauptstadtbüro, direkt am Eingang. Abholbox „Anja“ hat sechs Fächer für große Pakete, zwölf für mittelgroße und 37 für kleine. Wie bei den DHL-Packstationen gibt es in der Mitte einen Touchscreen-Bildschirm, darunter ist ein Scanner angebracht, der Barcodes registrieren kann.

Und so funktionieren die Locker:

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Amazon Freshs Europa-Start – in Zahlen erklärt

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Foto: Amazon Fresh truck on Capitol Hill (USA): SounderBruce, CC BY-SA 2.0 via Flickr

Seit Donnerstag liefert Amazon mit seinem Dienst „Fresh“ Lebensmittel in London an die Wohnungstüren, vorerst ohne eigene Lieferfahrzeuge (wie oben auf dem Foto in den USA). Der Europa-Start in Großbritannien könnte eine Blaupause für Deutschland sein: Den Briten lieferte Amazon auch erst Lebensmittel in der Paketbox („Pantry“) und schob dann die schnelle Zwei-Stunden-Lieferung beliebter Produkte inklusive Lebensmitteln nach („Prime Now“). Beide Dienste gibt es inzwischen auch hierzulande.

Wie funktioniert Fresh in London, wie reagiert die Konkurrenz und was hat das für den deutschen Markt zu bedeuten?


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Nicht in der ganzen Stadt, sondern zunächst im Norden und Osten liefert Amazon Fresh derzeit nachhause. Wer bis 13 Uhr (1 pm) bestellt, bekommt die Lieferung noch am selben Tag heimgebracht. Amazon setzt – wie bei Prime Now – von Anfang an auf Schnelligkeit, um sich gegen die Konkurrenz zu etablieren.

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So viele Produkte hat der neue Lieferdienst nach eigenen Angaben im Sortiment, irre viel Zeug. Dazu gehören nicht nur bekannte Markenartikel. Amazon hat außerdem einen Deal mit der britischen Supermarktkette Morrisons, die ihre Eigenmarken zur Verfügung stellt. (Und damit die eigenen Online-Bemühungen ad absurdum führt.)

Um als vollwertiger Lieferdienst wahrgenommen zu werden, bietet Fresh im großen Umfang frisches Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Backwaren – all das, was sich bislang also nicht so einfach per Box liefern ließ, weil für eine durchgehende Kühlung gesorgt werden muss. Die dazu gehörige „Frische-Garantie“ fällt beim Bestellen direkt ins Auge.

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Der eigentliche Knackpunkt ist: der Preis. Der „Guardian“ berichtet, Amazon wolle Markenprodukte etwas günstiger als die vier großen Supermarktketten des Landes anbieten. Auf Liefergebühren mag der Konzern aber nicht verzichten. Zunächst einmal können nur Prime-Abonnenten das Angebot nutzen, wofür Amazon UK jährlich 79 Pfund verlangt (rund 100 Euro). Für Fresh kommen monatlich 6,99 Pfund dazu, um kostenlos beliefert zu werden – sofern der Mindestbestellwert von 40 Pfund eingehalten wird. (30 Tage testen kostet nix.)

Das heißt: Wer sich regelmäßig Butter, Brokkoli und Brombeeren von Amazon vorbeibringen lässt, muss dafür jährlich über 200 Euro investieren. Ein ganz schönes Sümmchen – vor allem, da Aldi und Lidl die Kunden auf der Insel gerade daran gewöhnen, immer billiger einzukaufen. (In den USA sind es 299 Dollar.)

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